Der grosse Kampf zwischen Licht und Finsternis
von Ellen G. White

„Erweckung und Hinkehr zum wahren Glauben”

<<     Kapitel 21     >>

Eine verworfene Warnung

 William Miller und seine Mitarbeiter hatten bei der Verkuendigung der Wiederkunft Christi den alleinigen Zweck im Auge, ihre Mitmenschen zu einer Vorbereitung auf das Gericht anzuspornen. Sie hatten versucht, angebliche Glaeubige zur Erkenntnis der wahren Hoffnung der Gemeinde und zur Notwendigkeit einer tieferen christlichen Erfahrung zu erwecken; auch arbeiteten sie darauf hin, die Unbekehrten von ihrer Pflicht unverzueglicher Busse und gruendlicher Bekehrung zu Gott zu ueberzeugen. "Sie versuchten nicht, irgend jemand zu einer Sekte oder Religionsgemeinschaft zu bekehren, und arbeiteten daher unter allen Gruppen und Sekten, ohne in ihre Organisation oder Kirchenzucht einzugreifen."

 Miller sagte: "In allen meinen Arbeiten habe ich nie gewuenscht oder beabsichtigt, irgendeine Sonderrichtung ausserhalb der bestehenden Gemeinschaften hervorzurufen oder eine auf Kosten einer andern zu beguenstigen. Ich gedachte, ihnen allen zu nuetzen. In der Annahme, dass alle Christen sich auf das Kommen Jesu freuten, und dass die, welche nicht so sehen konnten wie ich, nichtsdestoweniger jene lieben wuerden, die diese Lehre annaehmen, ahnte ich nicht, dass jemals abgesonderte Versammlungen noetig werden koennten. Mein einziges Ziel war, Seelen zu Gott zu bekehren, der Welt das kommende Gericht kundzutun und meine Mitmenschen zu jener Vorbereitung des Herzens zu bewegen, die sie befaehigt, ihrem Gott in Frieden zu begegnen. Die grosse Mehrheit derer, die unter meinem Wirken bekehrt wurden, vereinigte sich mit den verschiedenen bestehenden Gemeinden." (Bliss, "Memoirs of William Miller", S. 328)

 Da Millers Werk dem Aufbau der Gemeinden diente, so stand man ihm eine Zeitlang wohlwollend gegenueber. Doch als Prediger und

Seite 378 (Englisch Seite 375,376)

religioese Leiter sich gegen die Adventlehre entschieden und alle Eroerterung dieses Themas zu unterdruecken wuenschten, traten sie nicht nur von der Kanzel herab dagegen auf, sondern gestatteten ihren Mitgliedern auch nicht die Freiheit, Predigten ueber die Wiederkunft Christi zu besuchen oder in den Erbauungsstunden der Gemeinde auch nur ihre Hoffnung auszusprechen. So befanden sich die Glaeubigen in einer sehr schwierigen Lage. Sie liebten ihre Gemeinden und wollten sich ungern von ihnen trennen; doch als sie sahen, dass das Zeugnis des Wortes Gottes unterdrueckt wurde und dass man ihnen das Recht versagte, in den Weissagungen zu forschen, da erkannten sie, dass die Treue gegen Gott ihnen verbot, sich zu fuegen. Die das Zeugnis des Wortes Gottes verwarfen, konnten sie nicht als die Gemeinde Christi, als "Pfeiler und... Grundfeste der Wahrheit" (1. Tim. 3, 15) ansehen, und daher fuehlten sie sich gerechtfertigt, sich von ihren frueheren Verbindungen zu loesen. Im Sommer des Jahres 1844 zogen sich ungefaehr fuenfzigtausend Glieder aus den Gemeinden zurueck.

 Um diese Zeit wurde in den meisten Kirchen der Vereinigten Staaten eine auffaellige Veraenderung erkennbar. Schon seit vielen Jahren hatte eine allmaehlich aber bestaendig zunehmende Anpassung an die weltlichen Gebraeuche und Gewohnheiten und eine dementsprechende Abnahme des wirklichen geistlichen Lebens bestanden. Doch in diesem Jahre zeigten sich in fast allen Gemeinschaften des Landes Spuren eines ploetzlichen und entschiedenen Verfalls. Waehrend niemand imstande zu sein schien, die Ursache dafuer zu ergruenden, wurde die Tatsache selbst doch von der Presse und von der Kanzel herunter weit und breit bemerkt und besprochen.

 Anlaesslich einer Versammlung des Presbyteriums von Philadelphia stellte Herr Barnes, Verfasser eines bekannten Bibelwerkes und Pastor an einer der hervorragendsten Kirchen jener Stadt, fest, "dass er seit zwanzig Jahren das geistliche Amt ausuebe und noch nie, bis auf die letzte Abendmahlsfeier, das Abendmahl ausgeteilt habe, ohne mehr oder weniger Glieder in die Gemeinde aufzunehmen. Aber nun gaebe es keine Erweckungen, keine Bekehrungen mehr, nicht viel offenbares Wachstum in der Gnade unter den Bekennern, und niemand komme in sein Studierzimmer, um mit ihm ueber sein Seelenheil zu sprechen.

Seite 379 (Englisch Seite 376)

Mit der Zunahme des Geschaeftsverkehrs und den bluehenden Aussichten des Handels und der Industrie gehe eine Zunahme der weltlichen Gesinnung Hand in Hand. So sei es mit allen religioesen Gemeinschaften." (Congregational Journal, 23.5.1844)

 Im Februar desselben Jahres sagte Prof. Finney vom Oberlin-College: "Wir haben die Tatsachen vor Augen gehabt, dass im grossen ganzen die protestantischen Kirchen unseres Landes als solche entweder beinahe allen sittlichen Reformen des Zeitalters abgeneigt waren oder feindlich gegenueberstanden. Es gibt teilweise Ausnahmen, doch nicht genug, um diese Tatsachen anders denn allgemein erscheinen zu lassen. Noch eine andere bestaetigte Tatsache besteht: das fast gaenzliche Fehlen des Erweckungsgeistes in den Gemeinden. Die geistliche Abgestumpftheit durchdringt beinahe alles und geht ungeheuer tief; das bezeugt die religioese Presse des ganzen Landes... In sehr ausgedehntem Masse ergeben sich die Gemeindeglieder der Mode und gehen Hand in Hand mit den Gottlosen zu Ausfluegen, zum Tanz und zu andern Festlichkeiten usw... Doch wir brauchen uns nicht weiter ueber dieses peinliche Thema auszusprechen. Es genuegt, dass die Beweise sich mehren und uns schwer bedruecken, dass die Kirchen im allgemeinen auf traurige Weise entarten. Sie sind sehr weit von dem Herrn abgewichen, und er hat sich von ihnen zurueckgezogen."

 Und ein Schreiber im "Religious Telescope" bezeugt: "Wir haben nie einen so allgemeinen Verfall wahrgenommen wie gerade jetzt. Wahrlich, die Kirche sollte aufwachen und die Ursache dieses Notstandes zu ergruenden suchen; denn als einen solchen muss jeder, der Zion liebt, diesen Zustand ansehen. Wenn wir die wenigen und vereinzelten Faelle wahrer Bekehrung und die nahezu beispiellose Unbussfertigkeit und Haerte der Suender erwaegen, so rufen wir fast unwillkuerlich aus: Hat Gott vergessen gnaedig zu sein, oder ist die Tuer der Barmherzigkeit geschlossen?"

 Der Grund eines solchen Zustandes liegt stets in der Gemeinde selbst. Die geistliche Finsternis, die Voelker, Gemeinden und einzelne befaellt, beruht keineswegs auf einer willkuerlichen Entziehung der helfenden goettlichen Gnade durch den Herrn, sondern auf einer Vernachlaessigung oder Verwerfung des goettlichen Lichtes durch die Menschen.

Seite 380 (Englisch Seite 377)

Ein treffendes Beispiel dieser Wahrheit bietet uns die Geschichte der Juden zur Zeit Christi. Dadurch dass sie sich der Welt hingaben und Gott und sein Wort vergassen, waren ihre Sinne verfinstert und ihre Herzen irdisch und sinnlich geworden; sie lebten in Unwissenheit hinsichtlich der Ankunft des Messias und verwarfen in ihrem Stolz und Unglauben den Erloeser. Gott entzog auch dann noch nicht der juedischen Nation die Erkenntnis oder einen Anteil an den Segnungen des Heils; aber alle, welche die Wahrheit verwarfen, verloren jegliches Verlangen nach der Gabe des Himmels. Sie hatten "aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis" gemacht, bis das Licht, das in ihnen war, zur Finsternis wurde; wie gross war da erst die Finsternis! (Jes. 5, 20; Matth. 6, 23)

 Es entspricht den Absichten Satans, den Schein der Religion zu wahren, wenn nur der Geist der lebendigen Gottseligkeit fehlt. Nach der Verwerfung des Evangeliums hielten die Juden sehr eifrig an den gewohnten Zeremonien fest: sie wahrten streng ihre nationale Abgeschlossenheit, waehrend sie sich selbst eingestehen mussten, dass sich die Gegenwart Gottes nicht mehr in ihrer Mitte offenbarte. Die Weissagung Daniels verwies so unverkennbar auf die Zeit der Ankunft des Messias und sagte seinen Tod so deutlich voraus, dass sie das Studium des Buches Daniel umgingen. Schliesslich sprachen die Rabbiner einen Fluch aus ueber alle, die eine Berechnung der Zeit versuchen sollten. Achtzehnhundert Jahre lang war das Volk Israel in Blindheit und Unbussfertigkeit gewandelt, gleichgueltig gegen die gnaedigen Heilsgaben, ruecksichtslos gegen die Segnungen des Evangeliums, eine ernste und schreckliche Warnung vor der Gefahr, das goettliche Licht zu verwerfen.

 Gleiche Ursachen haben gleiche Wirkungen. Wer absichtlich sein Pflichtgefuehl unterdrueckt, weil es seinen Neigungen entgegen ist, wird schliesslich nicht mehr die Wahrheit vom Irrtum unterscheiden koennen; der Verstand wird verfinstert, das Gewissen verhaertet, das Herz verstockt und die Seele von Gott getrennt. Wo man die Botschaft der goettlichen Wahrheit geringschaetzt und verachtet, dort wird Finsternis die Gemeinde ueberziehen; der Glaube und die Liebe erkalten und Entfremdung und Spaltungen treten ein. Gemeindeglieder richten ihre Bestrebungen und ihre Kraefte auf weltliche Unternehmungen, und Suender werden in ihrer Unbussfertigkeit verhaertet.

Seite 381 (Englisch Seite 378,379)

 Die erste Engelsbotschaft in Offenbarung 14, welche die Zeit des Gerichtes Gottes anzeigt und jeden auffordert, ihn anzubeten, war dazu bestimmt, das wahre Volk Gottes von den verderblichen Einfluessen der Welt zu trennen und es zu erwecken, um seinen wahren Zustand der Weltlichkeit und der Abtruennigkeit zu erkennen. In dieser Botschaft hatte Gott der Kirche eine Warnung gesandt, die, falls sie angenommen worden waere, den Uebelstaenden abgeholfen haette, welche die Menschen von ihm trennten. Haetten sie die Botschaft vom Himmel angenommen, ihre Herzen vor dem Herrn gedemuetigt und aufrichtig die Vorbereitung gesucht, um in seiner Gegenwart bestehen zu koennen, so waere der Geist und die Macht Gottes unter ihnen offenbart worden. Die Gemeinde wuerde abermals den gluecklichen Zustand der Einheit, des Glaubens und der Liebe erreicht haben, der in den Tagen der Apostel bestand, als alle Glaeubigen "ein Herz und eine Seele" waren und "das Wort Gottes mit Freudigkeit" redeten, als der Herr hinzutat "taeglich, die da selig wurden, zu der Gemeinde". (Apg. 4, 31. 32; 2, 47)

 Naehmen die bekennenden Christen das Licht an, wie es aus dem Worte Gottes auf sie scheint, so erreichten sie jene Einigkeit, um die der Heiland fuer sie bat und die der Apostel beschreibt als "die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens". Das ist, sagt er, "ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid auf einerlei Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe". (Eph. 4, 3-5)

 Derart segensreich waren die Folgen fuer die, welche die Adventbotschaft annahmen. Jene Glaeubigen kamen aus verschiedenen religioesen Gemeinschaften; aber die trennenden Schranken wurden niedergerissen. Einander widersprechende Glaubensbekenntnisse wurden vernichtet, die schriftwidrige Hoffnung eines tausendjaehrigen Friedensreiches auf Erden aufgegeben, falsche Ansichten ueber die Wiederkunft Christi berichtigt, Stolz und Gleichstellung mit der Welt beseitigt, Unrecht wiedergutgemacht, Herzen in inniger Gemeinschaft vereint, und Liebe und Freude herrschten. Vollbrachte die Lehre dies fuer die wenigen, die sie annahmen, so wuerde sie das gleiche fuer alle vollbracht haben, falls alle sie angenommen haetten.

 Aber die Kirchen als Ganzes nahmen die Warnung nicht an. Ihre Prediger, die als Waechter als erste dazu bestimmt gewesen waeren, die

Seite 382 (Englisch Seite 379,380)

Anzeichen der Wiederkunft Christi zu erkennen, hatten die Wahrheit weder aus den Zeugnissen der Propheten noch an den Zeichen der Zeit erkannt. Da weltliche Hoffnungen und Ehrgeiz ihr Herz erfuellten, war die Liebe zu Gott und der Glaube an sein Wort erkaltet, und als die Adventlehre gepredigt wurde, erweckte sie bei ihnen nur Vorurteil und Unglauben. Die Tatsache, dass die Botschaft groesstenteils von Laien verkuendigt wurde, fuehrte man als einen Beweis gegen sie an. Wie vor alters wurde dem deutlichen Zeugnis des Wortes Gottes die Frage entgegengehalten: "Glaubt auch irgend ein Oberster oder Pharisaeer an ihn?" (Joh. 7, 48) Und da sie fanden, dass es eine schwierige Aufgabe war, die aus den prophetischen Zeitangaben gezogenen Beweise zu widerlegen, rieten viele vom Studium der Weissagungen ab und lehrten, die prophetischen Buecher seien versiegelt und sollten nicht verstanden werden. Viele weigerten sich in blindem Vertrauen auf ihre Seelsorger, der Warnung Gehoer zu schenken; andere wagten es nicht, sie zu bekennen, auf "dass sie nicht in den Bann getan wuerden", (Joh. 12, 42) obgleich sie von der Wahrheit ueberzeugt waren. Die von Gott zur Pruefung und Laeuterung der Kirche gesandte Botschaft offenbarte deutlich, wie gross die Zahl derer war, die ihr Herz dieser Welt statt Christus zugewandt hatte. Die Bande, die sie mit der Erde verknuepften, waren staerker als die, welche sie himmelwaerts zogen. Sie gehorchten der Stimme weltlicher Weisheit und wandten sich von der herzergruendenden Botschaft der Wahrheit ab.

 Indem sie die Warnung des ersten Engels zurueckwiesen, verwarfen sie das Mittel, das der Himmel fuer ihre geistliche Erneuerung vorgesehen hatte. Sie verachteten den gnadenreichen Boten, der den Uebelstaenden, die sie von Gott trennten, haette abhelfen koennen, und kehrten sich mit groesserer Zuneigung der Freundschaft der Welt zu. Hier lag die Ursache jenes bedenklichen Zustandes der Verweltlichung, der Abtruennigkeit und des geistlichen Todes, wie er in den Kirchen im Jahre 1844 vorherrschte.

 In Offenbarung 14 folgt dem ersten Engel ein zweiter mit dem Ruf: "Sie ist gefallen, sie ist gefallen, Babylon, die grosse Stadt; denn sie hat mit dem Wein ihrer Hurerei getraenkt alle Heiden." (Offb. 14, 8) Babylon bedeutet Verwirrung. Dieser Name wird in der Heiligen Schrift angewandt,

Seite 383 (Englisch Seite 380,381)

um die verschiedenen Formen einer falschen oder abgefallenen Religion zu bezeichnen. In Offenbarung 17 wird Babylon als Weib dargestellt. Dies ist ein Bild, dessen sich die Bibel als Symbol einer Gemeinde bedient, und zwar versinnbildet ein tugendhaftes Weib eine reine Gemeinde und ein gefallenes Weib eine abtruennige Kirche.

 In der Bibel wird der heilige und bleibende Charakter des zwischen Christus und seiner Gemeinde bestehenden Verhaeltnisses durch den Ehebund dargestellt. Der Herr hat seine Gemeinde durch einen feierlichen Bund mit sich vereint, seinerseits durch die Verheissung, ihr Gott zu sein, und ihrerseits durch die Verpflichtung, ihm allein angehoeren zu wollen. Er sagt: "Ich will mich mit dir verloben in Ewigkeit; ich will mich mit dir vertrauen in Gerechtigkeit und Gericht, in Gnade und Barmherzigkeit." Und abermals: "Ich will euch mir vertrauen." (Hos. 2, 21; Jer. 3, 14) Paulus bedient sich derselben Redewendung im Neuen Testament, wenn er sagt: "Ich habe euch vertraut einem Manne, dass ich eine reine Jungfrau Christo zubraechte." (2. Kor. 11, 2)

 Die Untreue der Gemeinde gegen Christus dadurch, dass sie ihr Vertrauen und ihre Liebe vom Herrn abwandte und Weltliebe von ihrer Seele Besitz nehmen liess, wird mit dem Bruch des Ehegeluebdes verglichen. Israels Suende, die Trennung von dem Herrn, wird unter diesem Bild dargestellt, und Gottes wunderbare Liebe, die es auf diese Weise verachtete, wird eindrucksvoll geschildert: "Ich gelobte dir's und begab mich mit dir in einen Bund, spricht der Herr Herr, dass du solltest mein sein... und warst ueberaus schoen und bekamst das Koenigreich. Und dein Ruhm erscholl unter die Heiden deiner Schoene halben, welche ganz vollkommen war durch den Schmuck, so ich an dich behaengt hatte... Aber du verliessest dich auf deine Schoene; und weil du so geruehmt warst, triebst du Hurerei." "Das Haus Israel achtete mich nicht, gleichwie ein Weib ihren Buhlen nicht mehr achtet, spricht der Herr." Wie die "Ehebrecherin, die anstatt ihres Mannes andere zulaesst"! (Hes. 16 8. 13-15; Jer. 3, 20; Hes. 16, 32)

 Im Neuen Testament werden ganz aehnliche Worte an bekennende Christen gerichtet, welche die Freundschaft der Welt vor der Gunst Gottes suchen. Der Apostel Jakobus sagt: "Ihr Ehebrecher und Ehebrecherinnen, wisset ihr nicht, dass der Welt Freundschaft Gottes

Seite 384 (Englisch Seite 381,382)

Feindschaft ist? Wer der Welt Freund sein will, der wird Gottes Feind sein." (Jak. 4, 4)

 Babylon, das Weib aus Offenbarung 17, wird uns geschildert als "bekleidet mit Purpur und Scharlach und uebergoldet mit Gold und edlen Steinen und Perlen und hatte einen goldenen Becher in der Hand, voll Greuel und Unsauberkeit ihrer Hurerei, und an ihrer Stirn geschrieben einen Namen, ein Geheimnis: Die grosse Babylon, die Mutter der Hurerei". Der Prophet sagt weiter: "Und ich sah das Weib trunken von dem Blut der Heiligen und von dem Blut der Zeugen Jesu." (Offb. 17, 4-6) Von Babylon wird ferner gesagt, sie sei "die grosse Stadt, die das Reich hat ueber die Koenige auf Erden". (Offb. 17, 18) Die Macht, die so viele Jahrhunderte hindurch unumschraenkt ueber die Fuersten der Christenheit geherrscht hat, ist Rom. Purpur und Scharlach, Gold, Edelstein und Perlen schildern lebhaft die Pracht und das mehr als koenigliche Gepraenge, das der anmassende roemische Stuhl zur Schau traegt. Von keiner andern Macht konnte man so sehr mit Recht sagen, dass sie trunken war von dem Blut der Heiligen, wie von jener Kirche, welche die Nachfolger Christi auf so grausame Weise verfolgt hat. Babylon war ebenfalls der Suende der gesetzwidrigen Verbindung mit "den Koenigen auf Erden" angeklagt.

 Babylon wird "die Mutter der Hurerei" genannt. Unter den Toechtern muessen Kirchen zu verstehen sein, die ihre Lehren und Ueberlieferungen festhalten und ihrem Beispiel folgen, indem sie die Wahrheit und das Wohlwollen Gottes darangeben, um eine gesetzwidrige Verbindung mit der Welt einzugehen. Die Botschaft aus Offenbarung 14, die den Fall Babylons verkuendigt, muss auf religioese Gemeinschaften Anwendung finden, die einst rein waren, aber verderbt geworden sind. Da diese Warnungsbotschaft vor dem Gericht erfolgt, so muss sie in den letzten Tagen verkuendigt werden und kann sich deshalb nicht allein auf die roemische Kirche beziehen, denn diese befand sich schon seit vielen Jahrhunderten in einem gefallenen Zustand. Weiterhin wird im 18. Kapitel der Offenbarung das Volk Gottes aufgefordert, aus Babylon herauszugehen; demzufolge muessen noch viele vom Volk Gottes in Babylon sein. In welchen religioesen Gemeinschaften ist aber jetzt der groessere Teil der Nachfolger Christi zu

Seite 385 (Englisch Seite 382,383)

finden? Zweifellos in den verschiedenen Gemeinschaften, die sich zum protestantischen Glauben bekennen. Zur Zeit ihres Aufkommens nahmen diese Gemeinschaften eine ehrliche Stellung zu Gott und seiner Wahrheit ein, und Gottes Segen war mit ihnen. Selbst die unglaeubige Welt musste die wohltaetigen Ergebnisse, die der Annahme der Evangeliumsgrundsaetze folgten, anerkennen, wie der Prophet zu Israel sagte: "Dein Ruhm erscholl unter die Heiden deiner Schoene halben, welche ganz vollkommen war durch den Schmuck, so ich an dich gehaengt hatte spricht der Herr Herr." (Hes. 16, 14) Aber die Gemeinschaften fielen durch die gleichen Gelueste, die Israel zum Fluch und zum Verderben gereichten: - durch das Verlangen, die Sitten der Gottlosen nachzuahmen und ihre Freundschaft zu erwerben. "Du verliessest dich auf deine Schoene; und weil du so beruehmt warst, triebst du Hurerei, also dass du dich einem jeglichen, wer vorueberging, gemein machtest und tatest seinen Willen." (Hes. 16, 15)

 Viele der protestantischen Kirchen folgen Roms Beispiel der schriftwidrigen Verbindung mit "den Koenigen auf Erden" - die Staatskirchen durch ihre Beziehung zu den weltlichen Regierungen, und andere Gemeinschaften, indem sie die Gunst der Welt suchen. Der Ausdruck Babylon (Verwirrung) mag mit Recht auf diese Gemeinschaften angewandt werden, da alle bekennen, ihre Lehren der Heiligen Schrift zu entnehmen, und doch in fast unzaehlige Sekten und Gruppen zersplittert sind mit weit voneinander abweichenden Glaubensbekenntnissen und Lehren.

 Ausser einer suendhaften Verbindung mit der Welt weisen die Gemeinden, die sich von Rom getrennt haben, noch andere seiner Merkmale auf.

 Ein roemisch-katholisches Werk behauptet: "Falls die roemische Kirche sich in der Verehrung der Heiligen je der Abgoetterei schuldig machte, so steht ihre Tochter, die anglikanische Kirche, ihr nicht nach; denn sie hat zehn Kirchen, die der Jungfrau Maria gewidmet sind, gegen eine, die Christus geweiht ist." (Challoner, "The Catholic Christian Instructed", S. 21. 22, Vorwort)

 Dr. Hopkins macht in einer Abhandlung ueber das Tausendjaehrige Reich folgende Aussage: "Wir haben keinen Grund, den antichristlichen

Seite 386 (Englisch Seite 383,384)

Geist und seine Gebraeuche auf die sogenannte roemische Kirche zu beschraenken. Die protestantischen Kirchen tragen viel von dem Antichristen in sich und sind weit davon entfernt, frei von der Verderbtheit und Gottlosigkeit zu sein." (Hopkins, "Works", Bd. II, S. 328)

 Ueber die Trennung der presbyterianischen Kirche von Rom schrieb Dr. Guthrie: "Vor dreihundert Jahren verliess unsere Kirche mit einer offenen Bibel auf ihrer Fahne und dem Wahlspruch `Erforschet die Schrift!' auf ihrer Urkunde die Tore Roms." Dann stellt er die bedeutungsvolle Frage: "Verliess sie rein die Tore Babylons?" (Guthrie, "The Gospel in Ezekiel", S. 237)

 Spurgeon aeusserte sich folgendermassen: "Die anglikanische Kirche scheint ganz und gar durchsaeuert zu sein von der Lehre, dass das Heil in den Sakramenten liege; aber diejenigen, welche von dieser Kirche getrennt sind, sind gleichermassen von philosophischem Unglauben durchdrungen. Auch die, von denen wir bessere Dinge erwartet haetten, wenden sich, einer nach dem andern, von den Grundpfeilern des Glaubens ab. Das innerste Herz Englands ist, glaube ich, ganz durchloechert von einem verderblichen Unglauben, der es noch wagt, auf die Kanzel zu steigen und sich christlich zu nennen."

 Worin lag der Ursprung des grossen Abfalls? Wie ist die Kirche zuerst von der Einfachheit des Evangeliums abgewichen? - Indem sie sich den Gebraeuchen des Heidentums anpasste, um den Heiden die Annahme des Christentums zu erleichtern. Der Apostel Paulus erklaerte schon in seinen Tagen: "Es regt sich bereits das Geheimnis der Bosheit." (2. Thess. 2, 7) Solange die Apostel lebten, erhielt sich die Gemeinde verhaeltnismaessig rein. Doch "gegen Ende des 2. Jahrhunderts wandelten sich die meisten Gemeinden; als die alten Juenger gestorben waren, schwand unter ihren Kindern und den Neubekehrten die fruehere Einfachheit... und nahm kaum merkbar neue Formen an". (Robinson, "Ecclesiastical Researches", Kap. 6, 17. Abschnitt) Um Anhaenger zu gewinnen, nahm man es mit dem ehrwuerdigen Richtmass des christlichen Glaubens weniger genau; infolgedessen brachte "eine heidnische Flut, die in die Kirche hineinstroemte, ihre Gewohnheiten, Gebraeuche und Goetzen mit". (Gavazzi, "Lectures", S. 278) Da sich die christliche Religion die Gunst und Unterstuetzung der weltlichen Herrscher sicherte, wurde sie dem Namen nach von Scharen von Menschen angenommen; viele

Seite 387 (Englisch Seite 384,385)

waren nur dem Schein nach Christen, blieben aber in Wirklichkeit Heiden und beteten im geheimen ihre Goetzen weiter an.

 Wiederholt sich derselbe Vorgang nicht in beinahe jeder Kirche, die sich protestantisch nennt? Mit dem Dahinscheiden ihrer Gruender, die von dem wahren Geist der Erneuerung beseelt waren, treten ihre Nachfahren in den Vordergrund und gestalten die Sache neu. Waehrend die Kinder der Reformer blind vertrauend zu den Glaubenssaetzen ihrer Vaeter halten und sich weigern, eine Wahrheit anzunehmen, die ueber den Gesichtskreis jener hinausgeht, weichen sie von deren Beispiel der Demut, Selbstverleugnung und Weltentsagung weit ab. So "verschwindet die erste Einfalt". Eine Welle der Weltlichkeit mit ihren Gewohnheiten, Gebraeuchen und Goetzen ueberschwemmt die Kirche.

 Ach, wie sehr wird jene Freundschaft der Welt, die "Gottes Feindschaft" (Jak. 4,4) ist, jetzt unter den erklaerten Nachfolgern Christi gehegt! Wie weit sind die allgemeinen Kirchen im ganzen Christentum von dem biblischen Masstab der Demut, der Selbstverleugnung, der Einfachheit und der Gottseligkeit abgewichen! John Wesley sagte einmal, als er von dem richtigen Gebrauch des Geldes redete: "Verschwendet keinen Teil einer so koestlichen Gabe in blosser Befriedigung der Augenlust durch ueberfluessige oder kostspielige Kleidung oder unnoetigen Putz. Verschwendet keinen Teil mit der kuenstlichen Ausschmueckung eurer Haeuser, in ueberfluessigen oder teuren Einrichtungen, in kostbaren Bildern, Gemaelden, Vergoldungen... Gebt nichts aus, um hoffaertigem Leben zu froenen, um die Bewunderung oder das Lob der Menschen zu gewinnen... Solange es dir wohlgeht, wird man Gutes von dir reden. Solange du dich kleidest mit Purpur und koestlicher Leinwand und alle Tage herrlich und in Freuden lebst, werden ohne Zweifel viele deinen erlesenen Geschmack, deine Freigebigkeit und Gastfreundschaft loben. Erkaufe aber ihren Beifall nicht so teuer; begnuege dich lieber mit der Ehre, die von Gott kommt." (Wesley 's Works, "Sermon 50") In vielen Kirchen jedoch werden heutzutage solche Lehren verachtet.

 In dieser Welt ist es ueblich, irgendeinem Religionsbekenntnis anzugehoeren. Herrscher, Politiker, Juristen, Doktoren, Kaufleute treten der Kirche bei, um sich die Achtung und das Vertrauen der Gesellschaft

Seite 388 (Englisch Seite 385,386)

zu erwerben und ihre eigenen weltlichen Angelegenheiten zu foerdern. Auf diese Weise suchen sie ihre ungerechten Handlungen unter einem christlichen Bekenntnis zu verbergen. Die verschiedenen religioesen Gemeinschaften bieten, verstaerkt durch den Reichtum und den Einfluss dieser getauften Weltmenschen, noch mehr auf, um Volkstuemlichkeit und Goennerschaft zu gewinnen. Praechtige Kirchen, die auf die verschwenderischste Weise ausgeschmueckt sind, werden in belebten Strassen errichtet. Die Kirchgaenger sind kostbar und nach der neuesten Mode gekleidet. Man zahlt einem begabten Prediger ein hohes Gehalt, damit er das Volk unterhalte und fessele. Seine Predigten duerfen die allgemein verbreiteten Suenden nicht ruegen, sondern muessen dem zeitbejahenden Ohr weich und gefaellig klingen. Auf diese Weise werden der Zeitmode huldigende Suender in die Kirchenbuecher eingetragen und sogenannte Modesuenden unter dem Deckmantel der Gottseligkeit verborgen.

 Eine fuehrende weltliche Zeitung, die sich ueber die gegenwaertige Haltung der bekenntlichen amerikanischen Christen der Welt gegenueber ausspricht, schrieb: "Allmaehlich hat sich die Kirche dem Zeitgeist ergeben und ihre gottesdienstlichen Formen den modernen Beduerfnissen angepasst... In der Tat verwendet die Kirche alles als ihr Werkzeug, was hilft, die Religion anziehend zu machen." Ein Schreiber im Neuyorker "Independent" sprach folgendermassen vom Methodismus, wie er ist: "Die Trennungslinie zwischen den Gottesfuerchtigen und den Gottlosen verblasst zu einem Halbschatten, und auf beiden Seiten sind eifrige Maenner bemueht, alle Unterschiede zwischen ihrer Handlungsweise und ihren Vergnuegungen zu verwischen... Die Volkstuemlichkeit der Religion traegt ungeheuer viel dazu bei, die Zahl derer zu vermehren, die sich ihre Segnungen verschaffen moechten, ohne redlich ihren Pflichten nachzukommen."

 Howard Crosby sagte: "Es ist eine sehr ernste Sache, dass Christi Kirche so wenig den Absichten des Herrn nachkommt. Wie die Juden vor alters durch ein freundschaftliches Verhaeltnis mit Goetzendienern ihre Herzen von Gott abwandten,... so verlaesst die heutige Kirche Christi durch ihre falsche Partnerschaft mit der unglaeubigen Welt die goettlichen Richtlinien ihres wahren Lebens und gibt sich den verderblichen, wenngleich oft scheinbar richtigen Gewohnheiten einer

Seite 389 (Englisch Seite 386,387)

unchristlichen Gesellschaft hin und benutzt Beweisfuehrungen und kommt zu Schluessen, die den Offenbarungen Gottes fremd und dem Wachstum in der Gnade zuwider sind." (Crosby, "The Healthy Christian: An Appeal to the Church", S. 141. 142)

 In dieser Flut von Weltlichkeit und Vergnuegungssucht gehen Selbstverleugnung und Selbstaufopferung um Christi willen beinahe gaenzlich verloren. "Manche Maenner und Frauen, die sich jetzt in unseren Kirchen rege betaetigen, wurden als Kinder dazu angehalten, Opfer zu bringen, damit sie imstande waeren, fuer Christus etwas zu geben oder zu tun." Doch "falls es nun an Mitteln fehlt,... darf niemand aufgefordert werden, etwas zu geben. O nein, haltet einen Basar ab, veranstaltet eine Schau lebender Bilder, ein Scheinverhoer, ein altertuemliches Abendessen oder eine Mahlzeit - irgend etwas, um das Volk zu belustigen."

 Gouverneur Washburn von Wisconsin erklaerte in seiner Jahresbotschaft vom 9. Januar 1873: "Es scheinen Gesetze notwendig zu werden, um Schulen schliessen zu koennen, die geradezu Spieler heranzuechten. Man findet solche ueberall. Selbst die Kirche (ohne Zweifel unwissentlich) laesst sich oft darueber ertappen, dass sie des Teufels Werk ausfuehrt. Wohltaetigkeitskonzerte Praemienunternehmungen, Verlosungen, oft um religioesen und Wohltaetigkeitszwecken, haeufig aber auch um weit geringeren Absichten zu dienen, werden veranstaltet; Lotterien, Preispakete usw. erfuellen den Zweck, Geld zu erlangen, ohne den entsprechenden Wert dafuer zu geben. Nichts ist so entsittlichend, so berauschend, besonders fuer die Jugend, als der Gewinn von Geld oder Gut, ohne dafuer zu arbeiten. Wenn sich achtbare Personen mit derartigen Gluecksunternehmen befassen und ihr Gewissen damit beruhigen, dass das Geld fuer einen guten Zweck angewandt werde, dann kann man sich nicht wundern, wenn die Jugend so oft in solche Gewohnheiten verfaellt, die durch die Erregung der Gluecksspiele leicht hervorgerufen werden."

 Der Geist, sich der Welt anzupassen, durchdringt alle Kirchen des ganzen Christentums. Robert Atkins malte in einer in London gehaltenen Predigt ein dunkles Bild von dem geistlichen Verfall, der in England herrschte. Er sagte: "Die wahrhaft Gerechten auf Erden werden weniger, und niemand nimmt es zu Herzen. Die heutigen Bekenner

Seite 390 (Englisch Seite 387,388)

der Religion in jeder Kirche lieben die Welt, passen sich ihr an, trachten nach persoenlicher Bequemlichkeit und streben nach Ansehen. Sie sind berufen, mit Christus zu leiden, aber sie schrecken schon vor einem Schmaehwort zurueck... Abfall, Abfall, Abfall! steht vorn an jeder Kirche geschrieben, und wuessten sie es nur und koennten sie es fuehlen, so waere noch Hoffnung da; doch ach! sie rufen: Wir sind reich und haben gar satt und beduerfen nichts." (Atkins, "Second Advent Library", Traktat Nr. 39)

 Die grosse, Babylon zur Last gelegte Suende ist, dass es mit dem Wein ihrer Hurerei alle Heiden getraenkt hat. Dieser betaeubende Becher, den es der Welt anbietet, stellt die falschen Lehren dar, die es als Folge seiner ungesetzlichen Verbindung mit den Grossen der Erde angenommen hat. Freundschaft mit der Welt verdirbt den Glauben und uebt einen verderblichen Einfluss auf die Welt aus, indem sie Lehren verbreitet, die den deutlichsten Aussagen der Heiligen Schrift zuwiderlaufen.

 Rom enthielt dem Volk die Bibel vor und verlangte von allen, dass man statt ihrer seine Lehren annehmen solle. Es war die Aufgabe der Reformation, der Menschheit das Wort Gottes wiederzugeben; und doch ist es wahr, dass die Menschen in den Kirchen unserer Zeit gelehrt werden, ihren Glauben mehr auf die Glaubensbekenntnisse und die Satzungen ihrer Kirche zu gruenden als auf die Heilige Schrift. Charles Beecher sagte von den protestantischen Kirchen: "Sie schrecken vor irgendeinem rauhen Wort gegen die Glaubensbekenntnisse mit der gleichen Empfindlichkeit zurueck, mit der jene heiligen Vaeter sich ueber irgendein hartes Wort, das der aufkommenden Verehrung der Heiligen und Maertyrer gegolten haette, entsetzt haben wuerden... Die protestantisch evangelischen Gemeinschaften haben sich gegenseitig und sich selbst derartig die Haende gebunden, dass unter ihnen allen niemand Prediger werden kann, ohne das eine oder andere Buch ausser der Bibel anzunehmen... Es ist keine Einbildung, wenn man sagt dass die Macht der Glaubensbekenntnisse anfaengt, die Bibel ebenso wirklich zu verbieten, wie Rom dies getan hat, wenn auch auf eine listigere Weise." (Beecher, "The Bible a Sufficient Creed", Predigt - gehalten 1846)

 Wenn treue Lehrer das Wort Gottes auslegen, dann erheben sich gelehrte Maenner, Prediger, die behaupten, die Schrift zu verstehen,

Seite 391 (Englisch Seite 388,389)

ruegen gesunde Lehren als Ketzerei und machen auf diese Weise die nach Wahrheit Suchenden abspenstig. Waere die Welt nicht hoffnungslos trunken von dem Wein Babylons, so wuerden durch die klaren, durchdringenden Wahrheiten des Wortes Gottes sehr viele ueberzeugt und bekehrt werden. Aber der christliche Glaube erscheint so verwirrt und voller Widersprueche, dass das Volk nicht weiss, was als Wahrheit zu glauben ist. Die Schuld an der Unbussfertigkeit der Welt lastet auf der Kirche.

 Die zweite Engelsbotschaft aus Offenbarung 14 wurde zum erstenmal im Sommer 1844 gepredigt und fand damals unmittelbare Anwendung auf die Kirchen in den Vereinigten Staaten, wo die Gerichtswarnung am ausgedehntesten verkuendigt und zugleich auch verworfen worden war, und wo der Verfall in den Kirchen am schnellsten um sich gegriffen hatte. Aber die Botschaft des zweiten Engels fand im Jahre 1844 nicht ihre vollstaendige Erfuellung. Damals erlitten die Kirchen durch ihre Weigerung, das Licht der Adventbotschaft anzunehmen, einen sittlichen Fall, der aber noch nicht vollstaendig war. Da sie weiterhin die besonderen Wahrheiten fuer diese Zeit verwarfen, sind sie immer tiefer gefallen; jedoch laesst sich noch nicht sagen: Babylon ist gefallen; "Denn sie hat mit dem Wein ihrer Hurerei getraenkt alle Heiden". Sie hat noch nicht alle Heiden oder Voelker dahin gebracht, dies zu tun. Der Geist der Verweltlichung und der Gleichgueltigkeit gegen die pruefenden Wahrheiten fuer unsere Zeit besteht und hat in den Kirchen des protestantischen Glaubens in allen Laendern der Christenheit Boden gewonnen; diese Kirchen schliesst die feierliche und schreckliche Beschuldigung des zweiten Engels mit ein. Doch der Abfall hat seinen Hoehepunkt noch nicht erreicht.

 Die Heilige Schrift sagt uns, dass vor der Wiederkunft des Herrn Satan wirken wird "mit allerlei luegenhaftigen Kraeften und Zeichen und Wundern und mit allerlei Verfuehrung zur Ungerechtigkeit", und die, welche "die Liebe zur Wahrheit nicht haben angenommen, auf dass sie selig wuerden", werden kraeftige Irrtuemer empfangen, "dass sie glauben der Luege". (2. Thess. 2, 9-11) Nicht eher als bis dieser Zustand eingetreten und die Vereinigung der Kirche mit der Welt ueber die ganze Christenheit hergestellt ist, wird der Fall Babylons vollstaendig sein. Die Veraenderung

Seite 392 (Englisch Seite 389,390)

schreitet voran, aber die vollkommene Erfuellung von Offenbarung 14, 8 ist noch zukuenftig.

 Trotz der geistlichen Finsternis und der Trennung von Gott, die in den Kirchen, die Babylon bilden, bestehen, findet sich die Mehrzahl der wahren Nachfolger Christi noch immer in ihrer Gemeinschaft. Es gibt viele unter ihnen, die noch nie die besonderen Wahrheiten fuer diese Zeit gehoert haben. Nicht wenige sind unzufrieden mit ihrem gegenwaertigen Zustand und sehnen sich nach hellerem Licht. Sie schauen sich in den Kirchen, mit denen sie in Verbindung stehen, vergebens nach dem Ebenbild Christi um. Indem diese Gemeinden immer mehr von der Wahrheit abweichen und sich immer enger mit der Welt verbinden, wird der Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen immer groesser und schliesslich zu einer Trennung fuehren. Die Zeit wird kommen, da die, welche Gott ueber alles lieben, nicht laenger mit denen in Verbindung bleiben koennen, die "mehr lieben Wollust denn Gott, die da haben den Schein eines gottseligen Wesens, aber seine Kraft verleugnen". (2. Tim. 3, 4. 5)

 Offenbarung 18 verweist auf die Zeit, da die Kirche infolge der Verwerfung der drei Engelsbotschaften aus Offenbarung 14, 6-12 voellig den Zustand erreicht haben wird, der durch den zweiten Engel vorhergesagt ist. Das Volk Gottes, das sich noch immer in Babylon befindet, wird dann aufgefordert werden, sich aus dieser Bindung zu loesen. Diese Botschaft ist die letzte, die die Welt erhalten wird, und sie wird ihre Aufgabe erfuellen. Wenn die Seelen, die der Wahrheit nicht glaubten, sondern Lust hatten an der Ungerechtigkeit, (2. Thess. 2, 12) kraeftigen Irrtuemern preisgegeben werden, dass sie der Luege glauben, dann wird das Licht der Wahrheit allen strahlen, deren Herzen offenstehen, es zu empfangen, und alle Kinder Gottes, die in Babylon ausharren, werden dem Ruf folgen: "Gehet aus von ihr, mein Volk!" (Offb. 18, 4)

Seite 393 (Englisch Seite 390)