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Der grosse Kampf zwischen Licht und Finsternis „Erweckung und Hinkehr zum wahren Glauben” Ein Zufluchtsort Die englischen Reformatoren hatten, waehrend sie den Lehren der roemisch-katholischen Kirche entsagten, viele ihrer Formen beibehalten. Wenn auch der Anspruch und das Glaubensbekenntnis Roms verworfen war, wurden doch im Gottesdienst der anglikanischen Kirche viele seiner Sitten und Gebraeuche geuebt. Man behauptete, dass diese Dinge keine Gewissensfragen seien, weil sie in der Heiligen Schrift nicht geboten, deshalb auch nicht wesentlich, und weil sie nicht verboten, auch eigentlich nicht unrecht seien. Ihre Befolgung diene dazu, die Kluft, welche die protestantischen Kirchen von Rom trenne, zu verringern, und man betonte, dass sie die Annahme des protestantischen Glaubens durch die Anhaenger Roms erleichtere. Den bewahrenden und ausgleichenden Kraeften schienen diese Gruende ueberzeugend zu sein. Es gab jedoch noch eine andere Gruppe, die nicht so urteilte. Die Tatsache, dass diese Gebraeuche "dahin zielten, die Kluft zwischen Rom und der Reformation zu ueberbruecken", (Martyn, "Life and Time of Luther", Bd. V, S. 22) war in ihren Augen ein endgueltiges Argument gegen ihre Beibehaltung. Sie sahen sie als Zeichen der Sklaverei an, von der sie befreit worden waren und zu der sie nicht zurueckkehren wollten. Sie waren der Ansicht, dass Gott die Verordnungen zu seiner Verehrung in seinem Wort niedergelegt habe, und dass es den Menschen nicht freistehe, etwas hinzuzufuegen oder davon wegzunehmen. Der erste Beginn des grossen Abfalls bestand darin, dass man die Autoritaet Gottes durch die Kirche zu ergaenzen suchte. Rom machte zur Pflicht, was Gott nicht verboten hatte, und verbot schliesslich das, was Gott ausdruecklich befohlen hatte. Viele wuenschten ernstlich zu der Reinheit und Schlichtheit zurueckzukehren, welche die erste Gemeinde ausgezeichnet hatten. Viele der Seite 293 (Englisch Seite 289,290) in der anglikanischen Kirche eingefuehrten Gebraeuche betrachteten sie als Denkmaeler des Goetzendienstes, und sie konnten sich nicht mit gutem Gewissen an ihrem Gottesdienst beteiligen. Die Kirche jedoch, vom Staat unterstuetzt, duldete keine Abweichung von ihren gottesdienstlichen Formen. Der Besuch ihrer Gottesdienste wurde vom Gesetz verlangt, und unerlaubte religioese Versammlungen waren bei Androhung von Kerker, Verbannung und Todesstrafe untersagt. Am Anfang des 17. Jahrhunderts erklaerte der eben auf den Thron von England gelangte Koenig seine Entschlossenheit, die Puritaner zu zwingen, sich "entweder den andern anzupassen, oder er wuerde sie aus dem Lande hinaushetzen oder ihnen noch Schlimmeres tun". (Bancroft, "History of the United States from the discovery of the Continent", 1. Teil, Kap. 12, 6. Abschnitt) Gejagt, verfolgt und eingekerkert, konnten sie in der Zukunft keine Hoffnung auf bessere Tage erspaehen, und viele kamen zu der Ueberzeugung, dass fuer solche, die Gott nach ihrem eigenen Gewissen dienen wollten, "England fuer immer aufgehoert habe, ein bewohnbares Land zu sein". (Palfrey, "History of New England", Kap. 3, 43. Abschnitt) Etliche entschlossen sich schliesslich, in Holland Zuflucht zu suchen. Sie mussten Schwierigkeiten, Verluste und Gefaengnis erleiden; ihre Absichten wurden durchkreuzt und sie selbst ihren Feinden verraten; aber ihre unerschuetterliche Beharrlichkeit setzte sich endlich durch, und sie fanden Zuflucht an den freundschaftlichen Gestaden Hollands. Durch die Flucht hatten sie ihre Haeuser, ihre Gueter und ihren Lebensunterhalt verloren; sie waren Fremdlinge in einem fremden Land, unter einem Volk von anderer Sprache und anderen Sitten. Sie mussten neue und ungewohnte Beschaeftigungen ergreifen, um ihr Brot zu verdienen. Maenner von mittlerem Alter, die ihr Leben bisher mit Ackerbau zugebracht hatten, waren gezwungen, nun dies oder jenes Handwerk zu erlernen. Aber freudig fuegten sie sich in jede Lage und verschwendeten keine Zeit mit Muessiggang oder Unzufriedenheit. Oft von Armut bedraengt, lobten sie Gott fuer die Segnungen, die er ihnen gewaehrte, und fanden ihre Freude in ungestoerter geistlicher Gemeinschaft. "Sie wussten, dass sie Pilger waren, und sie schauten nicht viel auf irdische Dinge, sondern hoben ihre Augen auf gen Himmel, ihrem liebsten Heimatland, und beruhigten ihr Gemuet." (Bancroft 1. Teil, Kap. 12, 15. Abschnitt) Seite 294 (Englisch Seite 290,291) In Verbannung und Ungemach erstarkten ihre Liebe und ihr Glaube. Sie vertrauten auf die Verheissungen Gottes, und er verliess sie in Zeiten der Not nicht. Seine Engel standen ihnen zur Seite, um sie zu ermutigen und zu unterstuetzen. Und als Gottes Hand sie uebers Meer nach einem Lande zu weisen schien, in dem sie fuer sich selbst einen Staat gruenden und ihren Kindern das kostbare Erbe religioeser Freiheit hinterlassen konnten, folgten sie ohne Zagen willig dem Pfad der Vorsehung. Gott hatte Pruefungen ueber sein Volk kommen lassen, um es auf die Erfuellung seiner Gnadenabsichten vorzubereiten. Die Gemeinde war erniedrigt worden, damit sie erhoeht wuerde. Gott stand im Begriff, seine Macht zu ihren Gunsten zu entfalten und der Welt aufs neue einen Beweis zu geben, dass er die nicht verlassen will, die ihm vertrauen. Er hatte die Ereignisse so gelenkt, dass der Zorn Satans und die Anschlaege boeser Menschen seine Ehre foerdern und sein Volk an einen Ort der Sicherheit bringen mussten. Verfolgung und Auswanderung bahnten den Weg in die Freiheit. Als sich die Puritaner zuerst gezwungen fuehlten, sich von der anglikanischen Kirche zu trennen, schlossen sie untereinander einen feierlichen Bund, als freies Volk des Herrn in "allen seinen Wegen, die ihnen bekannt waren oder noch bekanntgemacht wuerden, gemeinsam zu wandeln". (Brown, "The Pilgrim Fathers", S. 74) Dies war der wahre Geist der Freiheit, die lebendige Grundlage des Protestantismus. Mit diesem Vorsatz verliessen die Pilger Holland um in der Neuen Welt eine Heimat zu suchen. John Robinson, ihr Prediger, der durch goettliche Vorsehung verhindert war, sie zu begleiten, sagte in seiner Abschiedsrede an die Auswanderer: "Geschwister, wir gehen nun voneinander, und der Herr weiss, ob ich euch, solange ich lebe, je wiedersehen werde. Wie der Herr es aber fuegt, ich befehle euch vor Gott und seinen heiligen Engeln, mir nicht weiter zu folgen, als ich Christus gefolgt bin. Falls Gott euch durch ein anderes Werkzeug irgend etwas offenbaren sollte, so seid ebenso bereit es anzunehmen wie zu der Zeit, da ihr die Wahrheit durch meine Predigt annahmt; denn ich bin sehr zuversichtlich, dass der Herr noch mehr Wahrheit und Licht aus seinem heiligen Wort hervorbrechen lassen wird." (Martyn, Bd. V, S. 70 f.) Seite 295 (Englisch Seite 291,292) "Was mich anbetrifft, so kann ich den Zustand der reformierten Kirche nicht genug beklagen, die in der Religion bis zu einer gewissen Stufe gelangt sind und nicht weitergehen wollen, als die Werkzeuge ihrer Erneuerungsbewegung gegangen sind. Die Lutheraner sind nicht zu veranlassen, ueber das hinauszugehen, was Luther sah... Und die Calvinisten bleiben, wie ihr seht, da stehen, wo sie von jenem grossen Gottesmann, der noch nicht alle Dinge sah, zurueckgelassen wurden. Dies ist ein sehr beklagenswertes Elend; denn wenn jene Maenner in ihrer Zeit auch brennende und leuchtende Lichter waren, so erkannten sie doch nicht alle Ratschlaege Gottes; sie wuerden aber, lebten sie jetzt, ebenso bereit sein, weiteres Licht anzunehmen, wie sie damals bereit waren, das erste zu empfangen." (Neal, "History of the Puritans", Bd. I, S. 269) "Denkt an euer Gemeindegeloebnis, in dem ihr euch verpflichtet habt, in allen Wegen des Herrn zu wandeln, wie sie euch bekannt geworden sind oder noch bekannt werden. Denkt an euer Versprechen und an euren Bund mit Gott und miteinander, alles Licht und alle Wahrheit, so euch noch aus seinem geschriebenen Wort kundgetan werden soll, anzunehmen. Dennoch achtet darauf, darum bitte ich euch, was ihr als Wahrheit annehmt; vergleicht sie, waegt sie mit anderen Schriftstellen der Wahrheit, ehe ihr sie annehmt, denn es ist nicht moeglich, dass die christliche Welt so ploetzlich aus solch einer dichten antichristlichen Finsternis herauskomme und ihr dann auf einmal die vollkommene Erkenntnis aufgehe." (Martyn, Bd. V, S. 70 f) Es war das Verlangen nach Gewissensfreiheit, das die Pilger begeisterte, den Schwierigkeiten der langen Reise ueber das Meer mutig zu begegnen, die Beschwerden und die Gefahren der Wildnis zu erdulden und unter Gottes Segen an der Kueste Amerikas den Grundstein zu einer maechtigen Nation zu legen. Doch so aufrichtig und gottesfuerchtig die Pilger auch waren, den grossen Grundsatz religioeser Freiheit begriffen sie noch nicht. Die Unabhaengigkeit, die fuer sich zu erwerben sie soviel geopfert hatten, gewaehrten sie anderen nicht bereitwillig in gleichem Masse. "Sehr wenige selbst der hervorragendsten Denker und Sittenlehrer des 17. Jahrhunderts hatten einen richtigen Begriff von jenem herrlichen, dem Neuen Testament entstammenden Grundsatz, der Gott als den einzigen Richter des menschlichen Glaubens Seite 296 (Englisch Seite 292,293) anerkennt." (Martyn, Bd. V, S. 297) Die Lehre, dass Gott der Gemeinde das Recht verliehen habe, die Gewissen zu beherrschen und eine bestimmte Haltung als Ketzerei zu bezeichnen und zu bestrafen, ist einer der tief eingewurzelten paepstlichen Irrtuemer. Waehrend die Reformatoren das Glaubensbekenntnis Roms verwarfen, waren sie doch nicht ganz frei von seinem unduldsamen Geist. Die dichte Finsternis, in die das Papsttum waehrend der langen Zeit seiner Herrschaft die gesamte Christenheit eingehuellt hatte, war selbst jetzt noch nicht voellig gewichen. Einer der leitenden Prediger in der Kolonistensiedlung in der Bucht von Massachusetts sagte: "Duldung machte die Welt antichristlich; und die Kirche hat sich durch die Bestrafung der Ketzer nie geschadet." (Martyn, Bd. V, S. 335) In den Kolonien wurde die Verordnung eingefuehrt, dass in der zivilen Regierung nur Kirchenglieder eine Stimme haben sollten. Es wurde eine Art Staatskirche gegruendet; jeder musste zum Unterhalt der Geistlichkeit beitragen und die Behoerden wurden beauftragt, die Ketzerei zu unterdruecken. Somit war die weltliche Macht in die Haende der Kirche gegeben. Es dauerte nicht lange, bis diese Massnahmen das unvermeidliche Ergebnis nach sich zogen - Verfolgungen. Elf Jahre nach der Gruendung der ersten Kolonie kam Roger Williams nach der Neuen Welt. Gleich den frueheren Pilgervaetern kam er, um sich der Religionsfreiheit zu erfreuen; aber im Gegensatz zu ihnen sah er - was so wenige zu seiner Zeit sahen -, dass diese Freiheit das unveraeusserliche Recht aller Menschen ist, wie ihr Glaubensbekenntnis auch lauten mag. Williams war ein ernster Forscher nach Wahrheit und hielt es, wie auch Robinson, fuer unmoeglich, dass sie schon alles Licht aus dem Worte Gottes erhalten haetten. Er "war der erste Mann im neueren Christentum, der die zivile Verwaltung auf die Lehre von der Gewissensfreiheit und der Gleichberechtigung der Anschauungen vor dem Gesetz gruendete". (Bancroft, 1. Teil, Kap. 15, 16. Abschnitt) Er erklaerte, dass es die Pflicht der Behoerde sei, Verbrechen zu verhindern, dass sie aber nie das Gewissen beherrschen duerfe. "Das Volk oder die Behoerden", sagte er, "moegen entscheiden, was der Mensch dem Menschen schuldig ist; versuchen sie aber einem Menschen seine Pflicht gegen Gott vorzuschreiben, so tun sie, was nicht ihres Amtes ist, und man kann sich auf sie nicht Seite 297 (Englisch Seite 293,294) mit Sicherheit verlassen; denn es ist klar, dass der Magistrat, wenn er die Macht hat, heute diese und morgen jene Meinungen oder Bekenntnis vorschreiben mag, wie es in England von den verschiedenen Koenigen und Koeniginnen und in der roemischen Kirche von etlichen Paepsten und Konzilien getan wurde, so dass der Glaube zu einem einzigen Chaos wuerde." (Martyn, Bd. V, S. 340) Den Gottesdiensten der Staatskirche beizuwohnen, wurde unter Androhung von Geld- oder Gefaengnisstrafe verlangt. "Williams missbilligte dieses Gesetz; denn die schlimmste Satzung im englischen Gesetzbuch sei die, welche den Besuch der Landeskirche verlange. Leute zu zwingen, sich mit Andersglaeubigen zu vereinen, betrachtete er als eine offene Verletzung ihrer natuerlichen Rechte; Religionsveraechter und unwillige zum oeffentlichen Gottesdienst zu schleppen, hiesse Heuchelei verlangen... `Niemand sollte zur Anbetung oder Unterstuetzung eines Gottesdienstes gegen seine Zustimmung gezwungen werden`, fuegte er hinzu. - `Was!`riefen seine Gegner ueber seine Grundsaetze erstaunt aus, `ist nicht der Arbeiter seines Lohnes wert?`- `Ja`, erwiderte er, `von denen, die ihn dingen.'" (Bancroft, 1. Teil, Kap. 15, 2. Abschnitt) Roger Williams wurde als ein getreuer Prediger, als ein Mann von seltenen Gaben, von unbeugsamer Rechtschaffenheit und echter Gueter geachtet und geliebt; doch konnte man es nicht vertragen, dass er den zivilen Behoerden so entschieden das Recht absprach, ueber die Kirche zu stehen, und dass er religioese Freiheit verlangte. Die Anwendung dieser neuen Lehre, behauptete man, "wuerde die Grundlage der Regierung des Landes untergraben". (Bancroft, 1. Teil, Kap. 15, 10. Abschnitt) Er wurde aus den Kolonien verbannt und sah sich schliesslich, um der Verhaftung zu entgehen, gezwungen, inmitten der Kaelte und der Stuerme des Winters in die noch dichten, unberuehrten Waeldern zu fliehen. "Vierzehn Wochen lang", so schrieb er, "musste ich mich in der bitteren Jahreszeit herumschlagen, und ich wusste nicht, was Brot oder Bett heisst. Die Raben speisten mich in der Wueste." (Martyn, Bd. V, S. 349 f.) Ein hohler Baum diente ihm oft als Obdach. Auf diese Weise setzte er seine muehevolle Flucht durch Schnee und pfadlose Waelder fort, bis er bei einem Indianerstamm Zuflucht fand, dessen Vertrauen und Liebe er gewann, Seite 298 (Englisch Seite 294,295) waehrend er sich bemuehte, ihnen die Wahrheiten des Evangeliums zu predigen. Nach Monaten wechselvollen Wanderns kam er schliesslich an die Kueste der Narragansett-Bucht und legte dort den Grund zu dem ersten Staat der Neuzeit, der im vollsten Sinne das Recht auf religioese Freiheit anerkannte. Der Grundsatz, auf dem die Kolonie Roger Williams' beruhte, lautete, "dass jedermann das Recht haben sollte, Gott nach seinem eigenen Gewissen zu verehren." (Martyn, Bd. V, S. 349 f.) Sein kleiner Staat, Rhode Island, wurde der Zufluchtsort der Unterdrueckten und er wuchs und gedieh, bis seine Grundfesten - die buergerliche und religioese Freiheit - auch die Ecksteine der amerikanischen Republik wurden. In jenem bedeutenden alten Schriftstueck, dass diese Maenner als ihre Verfassung - Unabhaengigkeitserklaerung - aufstellten, sagten sie: "Wir halten diese Wahrheiten als selbstverstaendlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass ihnen der Schoepfer gewisse unveraeusserliche Rechte verliehen hat; dass zu diesen Leben, Freiheit und die Erlangung des Glueckes gehoeren." Und die Verfassung schuetzt in den deutlichsten Ausdruecken die Unverletzlichkeit des Gewissens: "Keine Religionspruefung soll je erforderlich sein zur Bekleidung irgendeines oeffentlichen Vertrauenspostens in den Vereinigten Staaten." - "Der Kongress soll kein Gesetz erlassen, das die Einfuehrung einer Religion bezweckt oder deren freie Ausuebung verbietet." "Die Verfasser der Konstitution erkannten den ewigen Grundsatz an, dass die Beziehungen des Menschen zu seinem Gott ueber der menschlichen Gesetzgebung stehen, und dass sein Gewissensrecht unveraeusserlich ist. Es waren zur Begruendung zu dieser Wahrheit keine Vernunftschluesse erforderlich; wir sind uns ihrer in unserem eigenen Herzen bewusst. Dies Bewusstsein ist es, das, den menschlichen Gesetzen Trotz bietend, so viele Maertyrer in Qualen und Flammen standhaft machte. Sie fuehlten, dass ihre Pflicht gegen Gott ueber menschliche Verordnungen erhaben sei, und dass Menschen keine Autoritaet ueber ihr Gewissen ausueben koennten. Es ist dies ein angeborener Grundsatz, den nichts auszutilgen vermag." (Congressional Documents (USA), Serien-Nr. 200, Urk. 271) Als sich die Kunde von einem Lande, in dem jeder die Frucht seiner eigenen Arbeit geniessen und der Ueberzeugung seines eigenen Seite 299 (Englisch Seite 295,296) Gewissens folgen koennte, in Europa verbreitete, wanderten Tausende nach Nordamerika aus. In schneller Folge wurde Kolonie auf Kolonie gegruendet. "Massachusetts bot durch eine besondere Verordnung den Christen jeder Nation, die sich ueber den Atlantischen Ozean fluechteten, `um Kriegen, Hungersnot oder der Unterdrueckung ihrer Verfolger zu entgehen`, freundliche, unentgeltliche Aufnahme und Hilfe an. Somit wurden die Fluechtlinge und die Unterdrueckten durch gesetzliche Verordnungen Gaeste des Staates." (Martyn, Bd. V, S. 417) In den ersten zwanzig Jahren nach der Landung in Plymouth hatten sich ebenso viele tausend Pilger in Neuengland niedergelassen. Um ihr Ziel zu erreichen, "waren sie zufrieden, sich durch ein enthaltsames und arbeitsames Leben einen kargen Unterhalt verdienen zu koennen. Sie verlangten von dem Boden nur einen leidlichen Ertrag ihrer Arbeit. Keine goldenen Aussichten warfen ihren truegerischen Schein auf ihren Pfad... Sie waren mit dem langsamen aber bestaendigen Fortschritt ihres gesellschaftlichen Gemeinwesens zufrieden. Sie ertrugen geduldig die Entbehrungen der Wildnis, netzten den Baum der Freiheit mit ihren Traenen und mit dem Schweiss ihres Angesichts, bis er im Lande tief Wurzel geschlagen hatte". Die Bibel galt ihnen als Grundlage des Glaubens, als Quelle der Weisheit und als Freiheitsbrief. Ihre Grundsaetze wurden zu Hause, in der Schule und in der Kirche fleissig gelehrt, und ihre Fruechte offenbarten sich in Wohlstand, Bildung, sittlicher Reinheit und Maessigkeit. Man konnte jahrelang in den puritanischen Niederlassungen wohnen, ohne "einen Trunkenbold zu sehen, einen Fluch zu hoeren oder einem Bettler zu begegnen". (Bancroft, 1. Teil, Kap. 19,25. Abschnitt) Es wurde der Beweis erbracht, dass die Grundsaetze der Heiligen Schrift der sicherste Schutz fuer nationale Groesse sind. Die schwachen und isolierten Kolonien wuchsen zu einer Verbindung maechtiger Staaten heran, und die Welt nahm mit Bewunderung den Frieden und das Gedeihen "einer Kirche ohne Papst und eines Staates ohne Koenig" wahr. Doch staendig wachsende Scharen, angetrieben von Gruenden, die sich von denen der ersten Pilgervaeter stark unterschieden, zog es an die Kuesten Amerikas. Obgleich der einfache Glaube und der lautere Wandel eine weitverbreitete und bildende Macht ausuebten, wurde Seite 300 (Englisch Seite 296,297) deren Einfluss doch immer schwaecher, als die Zahl derer wuchs, die nur weltlichen Urteil suchten. Die von den ersten Kolonisten angenommene Verordnung, das Stimmrecht und die Besetzung von Staatsaemtern nur Gemeindegliedern zu gestatten, wirkte sich aeusserst schaedlich aus. Diese Massnahme war getroffen worden, um die Reinheit des Staates zu bewahren; aber sie wurde der Kirche zum Verderben. Das Stimmrecht zu erhalten und zu oeffentlichen Aemtern zugelassen zu werden, setzte ein Religionsbekenntnis voraus, so dass sich viele einzig und allein aus weltlicher Klugheit der Kirche anschlossen, ohne eine Aenderung ihres Herzens erfahren zu haben. So kam es, dass zur Kirche zum grossen Teil nur unbekehrte Menschen zaehlten, und dass sich selbst unter den Predigern solche befanden, die nicht nur irrige Lehren aufstellten, sondern auch nichts von der erneuernden Kraft des Heiligen Geistes wussten. Auf diese Weise zeigte es sich abermals, wie schon oft in der Kirchengeschichte seit den Tagen Konstantins bis in unsere Zeit, dass es verderblich ist, die Kirche mit Hilfe des Staates aufbauen zu wollen und die weltliche Macht aufzufordern, das Evangelium Jesu Christi zu unterstuetzen, der erklaert hat: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt." (Joh. 18,36) Die Verbindung zwischen Kirche und Staat, waere sie noch so gering, fuehrt, waehrend sie die Welt der Kirche naeherzubringen scheint, in Wirklichkeit die Kirche naeher zur Welt. Den von Robinson und Roger Williams auf so edle Weise verteidigten Grundsatz, dass die Wahrheit sich entfaltet, und dass die Christen bereit sein sollten, alles Licht anzunehmen, das aus Gottes heiligem Wort scheinen mag, verloren ihre Nachkommen aus den Augen. Die protestantischen Kirchen Amerikas und auch Europas, die so sehr beguenstigt worden waren, indem sie die Segnungen der Reformation empfingen, drangen auf dem Pfad der Reform nicht weiter vor. Wenn auch von Zeit zu Zeit etliche treue Maenner auftraten, um neue Wahrheiten zu verkuendigen und lang gehegte Irrtuemer blosszustellen, so war doch die Mehrzahl, wie die Juden in den Tagen Christi oder die Paepstlichen zur Zeit Luthers, damit zufrieden, zu glauben, was ihre Vaeter geglaubt, und zu leben, wie ihre Vaeter gelebt hatten. Deshalb artete ihre Religion abermals in Formenwesen aus, und Irrtuemer und Seite 301 (Englisch Seite 297,298) Aberglaube die man verworfen haette, waere die Gemeinde weiterhin im Lichte des Wortes Gottes gewandelt, wurden beibehalten und gepflegt. Auf diese Weise starb der von der Reformation eingefloesste Geist allmaehlich aus, bis sich in den protestantischen Kirchen ein beinahe ebenso grosses Beduerfnis nach einer Reformation einstellte wie in der roemischen Kirche zur Zeit Luthers. Es herrschte die gleiche weltliche Gesinnung, die gleiche geistliche Abgestumpftheit, eine aehnliche Ehrfurcht vor den Ansichten der Menschen, und man ersetzte die Lehren des Wortes Gottes durch menschliche Theorien. Der weiten Verbreitung der Bibel zu Anfang des 19. Jahrhunderts und dem vielen Licht, das auf diese Weise ueber die Welt gekommen war, folgte kein entsprechender Fortschritt in der Erkenntnis der offenbarten Wahrheit oder in der religioesen Erfahrung. Satan konnte nicht wie in frueheren Zeiten dem Volke das Wort Gottes vorenthalten, weil es allen erreichbar war; um aber dennoch seine Absichten ausfuehren zu koennen, veranlasste er viele, die Heilige Schrift geringzuachten. Die Menschen versaeumten es, in der Heiligen Schrift zu forschen und nahmen dadurch staendig falsche Auslegungen an und pflegten Lehren, die mit den Aussagen der Heiligen Schrift nicht uebereinstimmten. Als Satan bemerkte, dass seine Anstrengungen, die Wahrheit durch Verfolgung zu unterdruecken, fehlschlugen, nahm er seine Zuflucht wieder zu Zugestaendnissen, wodurch einst der grosse Abfall und das Aufkommen der roemischen Kirche veranlasst wurden. Er verleitete die Christen, sich, wenn nicht mit Heiden, so doch mit denen zu verbinden, die sich durch die Verehrung der Dinge dieser Welt ebensosehr als wahre Goetzendiener erwiesen hatten wie die Anbeter der Goetzenbilder. Die Folgen dieser Verbindung waren jetzt nicht weniger verderblich als damals; unter dem Deckmantel der Religion pflegte man Stolz und Verschwendung, und dunkle Machenschaften herrschten in der Kirche. Satan fuhr fort, die Lehren der Bibel zu verdrehen, und die Ueberlieferungen, die Millionen zugrunde richten sollten, fassten tief Wurzel. Die Kirche hielt an diesen Ueberlieferungen fest und verteidigte sie, statt um den Glauben zu kaempfen, "der einmal den Heiligen uebergeben ist". (Jud. 3) So wurden die Grundsaetze, um derentwillen die Reformatoren so viel getan und gelitten hatten, herabgewuerdigt. Seite 302 (Englisch Seite 298) |