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Der grosse Kampf zwischen Licht und Finsternis Untreue und Abfall in der Christenheit Spaetere englische Reformatoren Waehrend Luther dem deutschen Volk die Bibel erschloss, wurde Tyndale vom Geist Gottes angetrieben, das gleiche fuer England zu tun. Wiklifs Bibel war aus dem lateinischen Text uebersetzt worden, der viele Irrtuemer enthielt. Man hatte sie nie gedruckt; und der Preis eines geschriebenen Exemplars war so hoch, dass ausser den Reichen oder Adligen nur wenige sie sich verschaffen konnten. Da die Kirche sie ueberdies aufs schaerfste geaechtet hatte, war diese Ausgabe nur verhaeltnismaessig wenig verbreitet. Im Jahre 1516, ein Jahr vor Luthers Thesenanschlag, hatte Erasmus seine griechische und lateinische Fassung des Neuen Testaments veroeffentlicht, und damit wurde das Wort Gottes zum erstenmal in der Ursprache gedruckt. In diesem Werk sind viele Irrtuemer der frueheren Fassungen berichtigt und der Sinn deutlicher wiedergegeben. Dies fuehrte viele der gebildeten Klassen zu einem besseren Verstaendnis der Wahrheit und gab den reformatorischen Bestrebungen neuen Auftrieb. Doch den meisten Menschen aus dem gewoehnlichen Volk war das Wort Gottes noch immer unzugaenglich. Tyndale sollte Wiklifs Werk vollenden und seinen Landsleuten die Bibel geben. Als eifriger Schueler, der ernstlich nach Wahrheit suchte, hatte er das Evangelium aus dem griechischen Neuen Testament des Erasmus empfangen. Furchtlos predigte er seine Ueberzeugung und drang darauf, alle Lehren durch das Wort Gottes zu pruefen. Auf die paepstliche Behauptung, dass die Kirche die Bibel gegeben habe und sie allein erklaeren koenne, sagte Tyndale: "Wer hat denn den Adler gelehrt, seine Beute zu finden? Derselbe Gott lehrt seine hungrigen Kinder ihren Vater in seinem Worte finden. Nicht ihr habt uns die Schrift gegeben, vielmehr habt ihr sie uns vorenthalten; ihr seid es, die solche verbrennen, Seite 246 (Englisch Seite 245,246) die sie predigen, ja ihr wuerdet die Schrift selbst verbrennen, wenn ihr koenntet." (D'Aubigné, "Geschichte der Reformation", 18. Buch, 4. Abschnitt) Tyndales Predigten machten grossen Eindruck; viele nahmen die Wahrheit an. Aber die Priester waren auf der Hut, und sobald er das Feld verlassen hatte, versuchten sie mit ihren Drohungen und Entstellungen sein Werk zu vernichten. Nur zu oft gelang es ihnen. "Was soll ich tun?" rief Tyndale aus. "Waehrend ich hier saee, reisst der Feind dort wieder alles aus, wo ich gerade herkomme. Ich kann nicht ueberall zugleich sein. Oh, dass die Christen die Heilige Schrift in ihrer Sprache besaessen, so koennten sie den Sophisten selbst widerstehen! Ohne die Bibel ist es unmoeglich, die Laien in der Wahrheit zu gruenden." (D`Aubigné, "Geschichte der Reformation", 18. Buch, 4. Abschnitt) Ein neuer Vorsatz reifte jetzt in ihm. Er sagte: "In Israels eigener Sprache erschollen die Psalmen im Tempel des Herrn, und das Evangelium sollte unter uns nicht reden duerfen in der Sprache Englands? Die Kirche sollte weniger Licht haben jetzt im hohen Mittag als ehemals in den ersten Stunden der Daemmerung? Das Neue Testament muss in der Volkssprache gelesen werden koennen." (D'Aubigné, "Geschichte der Reformation", 18. Buch, 4. Abschnitt) Die Doktoren und Lehrer der Kirche stimmten nicht miteinander ueberein. Nur durch die Heilige Schrift konnte das Volk zur Wahrheit gelangen. Der eine hatte diese Lehre, der andere jene; ein Gelehrter widersprach dem andern. "Wie sollen wir da das Wahre vom Falschen unterscheiden? Allein durch das Wort Gottes." (D'Aubigné, "Geschichte der Reformation", 18. Buch, 4. Abschnitt) Nicht lange danach erklaerte ein katholischer Gelehrter, mit dem er in eine Auseinandersetzung geriet, dass es besser waere, ohne das Gesetz Gottes als ohne das Gesetz des Papstes zu sein, worauf Tyndale erwiderte: "Ich trotze dem Papst samt all seinen Gesetzen. Wenn Gott mir das Leben schenkt, so soll in wenig Jahren ein Bauernknecht, der den Pflug fuehrt, die Schrift noch besser verstehen als ich." (D'Aubigné, "Geschichte der Reformation", 18. Buch, 4. Abschnitt) Er wurde in seiner Absicht, die Heilige Schrift in seiner eigenen Sprache zu schaffen, dadurch bestaerkt, und sofort begab er sich an die Arbeit. Durch die Verfolgung aus der Heimat vertrieben, ging er nach London und arbeitete dort eine Zeitlang ungestoert. Aber wiederum zwang ihn die Gewalttaetigkeit der Paepstlichen zur Flucht. Ganz England schien ihm verschlossen zu sein, und er entschied sich, in Deutschland Zuflucht zu suchen. Hier begann er das englische Neue Testament Seite 247 (Englisch Seite 246,247) zu drucken. Zweimal wurde sein Vorhaben aufgehalten; und wenn es ihm verboten wurde, in einer Stadt zu drucken, ging er in eine andere. Schliesslich kam er nach Worms, wo Luther wenige Jahre zuvor das Evangelium vor dem Reichstag verteidigt hatte. In jener alten Stadt lebten viele Freunde der Reformation, und Tyndale setzte dort sein Werk ohne weitere Behinderungen fort. Dreitausend Exemplare des Neuen Testaments waren bald fertig, und eine neue Auflage folgte noch im selben Jahre. Mit grossem Eifer und unermuedlicher Ausdauer fuehrte er seine Arbeit fort. Obwohl die englischen Behoerden ihre Haefen mit groesster Wachsamkeit hueteten, gelangte das Wort Gottes auf verschiedene Weise heimlich nach London. Von dort aus wurde es ueber das ganze Land verbreitet. Die Paepstlichen suchten die Wahrheit zu unterdruecken, aber vergebens. Der Bischof von Durham kaufte einmal von einem Buchhaendler, der ein Freund Tyndales war, seinen ganzen Vorrat an Bibeln auf, um sie zu vernichten, in der Meinung, dass dadurch das Werk gehindert wuerde. Doch mit dem auf diese Weise gewonnenen Geld wurde das Material zu einer neuen und verbesserten Auflage gekauft, die sonst nicht haette erscheinen koennen. Als Tyndale spaeter gefangengesetzt wurde, bot man ihm die Freiheit unter der Bedingung an, dass er die Namen derer angaebe, die ihm geholfen hatten, die Ausgaben fuer den Druck seiner Bibeln zu bestreiten. Er antwortete, dass der Bischof von Durham mehr getan habe als sonst jemand; denn da dieser fuer die vorraetigen Buecher einen hohen Preis bezahlt habe, sei er, Tyndale, in die Lage versetzt worden, guten Mutes weiterzuarbeiten. Tyndale wurde seinen Feinden in die Haende gespielt und musste viele Monate im Kerker zubringen. Schliesslich bezeugte er seinen Glauben mit dem Maertyrertod; doch die von ihm zubereiteten Waffen haben andere Streiter befaehigt, den Kampf durch alle Jahrhunderte hindurch bis in unsere Zeit weiterzufuehren. Latimer verfocht von der Kanzel herab die Auffassung, dass die Bibel in der Sprache des Volkes gelesen werden muesse. "Der Urheber der Heiligen Schrift", sagte er, "ist Gott selbst, und diese Schrift hat einen Anteil an der Macht und Ewigkeit ihres Urhebers. Es gibt weder Koenige, Kaiser, Obrigkeiten noch Herrscher,... die nicht gebunden waeren,... seinem heiligen Wort zu gehorchen... Lasst uns keine Nebenwege einschlagen, Seite 248 (Englisch Seite 247,248) sondern lasst das Wort Gottes uns leiten; lasst uns nicht unsern Vaetern nachfolgen und auf das sehen, was sie getan haben, sondern auf das, was sie haetten tun sollen." (Latimer, "First Sermon Preached before King Edward VI.") Barnes und Frith, die treuen Freunde Tyndales, erhoben sich, um die Wahrheit zu verteidigen. Ihnen folgten die Gebrueder Ridley und Cranmer. Diese fuehrenden Koepfe in der englischen Reformationsbewegung galten als gebildete Maenner, und die meisten von ihnen waren ihres Eifers oder ihrer Froemmigkeit wegen in der roemischen Kirche hoch geachtet gewesen. Ihr Widerstand gegen das Papsttum ruehrte daher, dass sie die Irrtuemer des "Heiligen Stuhles" kannten. Ihre Kenntnis der Geheimnisse Babylons verlieh ihrem Zeugnis gegen ihre Macht um so groesseres Gewicht. "Ich muss euch eine seltsame Frage stellen", sagte Latimer, "wisst ihr, wer der eifrigste Bischof und Praelat in England ist?... Ich sehe, ihr horcht und wartet auf seinen Namen... Ich will ihn nennen: Es ist der Teufel... Er entfernt sich nie aus seinem Kirchsprengel; ... sucht ihn, wann ihr wollt, er ist immer zu Hause,... er ist stets bei der Arbeit... Ihr werdet ihn nie traege finden, dafuer buerge ich euch... Wo der Teufel wohnt,... dort weg mit den Buechern, und Kerzen herbei; weg mit den Bibeln, und Rosenkraenze herbei; weg mit dem Licht des Evangeliums, und Wachsstoecke hoch, ja sogar am hellen Mittag;... nieder mit dem Kreuz Christi, es lebe das Fegefeuer, das die Tasche leert;... hinweg mit dem Bekleiden der Nackten, Armen und Lahmen; herbei mit der Verzierung von Bildern und der bunten Schmueckung von Stock und Stein; herbei mit menschlichen Ueberlieferungen und Gesetzen; nieder mit Gottes Einrichtungen und seinem allerheiligsten Worte... Oh, dass unsere Praelaten so eifrig waeren, die Koerner guter Lehre auszustreuen, wie Satan fleissig ist, allerlei Unkraut zu saeen!" (Latimer, "Sermon of the Plough") Die unfehlbare Autoritaet und Macht der Heiligen Schrift als Richtschnur des Glaubens und des Wandels war der grosse, von diesen Reformatoren aufgestellte Grundsatz, den auch die Waldenser, den Wiklif, Jan Hus, Luther, Zwingli und ihre Mitarbeiter hochgehalten hatten. Sie verwarfen die Anmassung des Papstes, der Konzilien, der Seite 249 (Englisch Seite 248,249) Vaeter und der Koenige, in religioesen Dingen das Gewissen zu beherrschen. Die Bibel war ihnen Autoritaet, und mit ihren Lehren prueften sie alle Lehrsaetze und Ansprueche. Der Glaube an Gott und sein Wort staerkte diese heiligen Maenner, als ihr Leben auf dem Scheiterhaufen endete. "Sei guten Mutes", rief Latimer seinem Leidensgefaehrten zu, als die Flammen begannen, ihre Stimme zum Schweigen zu bringen, "wir werden heute durch Gottes Gnade ein Licht in England anzuenden, das, wie ich hoffe, nie ausgeloescht werden wird." ("Works of Hugh Latimer", Bd. I, S. 13) In Schottland war der von Columban und seinen Mitarbeitern ausgestreute Same der Wahrheit nie voellig vernichtet worden. Nachdem sich die Kirchen Englands Rom unterworfen hatten, hielten jene in Schottland jahrhundertelang ihre Freiheit aufrecht. Im zwoelften Jahrhundert jedoch fasste das Papsttum auch hier Fuss, und in keinem Lande hat es eine unumschraenktere Herrschaft ausgeuebt als in Schottland. Nirgends war die Finsternis dichter. Dennoch kamen auch Strahlen des Lichts dahin, um das Dunkel zu durchdringen und den kommenden Tag anzukuenden. Die mit der Heiligen Schrift und den Lehren Wiklifs aus England kommenden Lollarden trugen viel dazu bei, die Kenntnis des Evangeliums zu erhalten. Jedes Jahrhundert hatte somit seine Zeugen und Maertyrer. Am Anfang der grossen Reformation erschienen Luthers Schriften; wenig spaeter Tyndales Neues Testament in englischer Sprache. Unbemerkt von der Priesterschaft wanderten diese Boten schweigend ueber Berge und Taeler, fachten, wo sie auch hinkamen, die Fackel der Wahrheit, die in Schottland nahezu ausgegangen war, zu neuer Flamme an und machten das Werk der Unterdrueckung zunichte, das Rom vier Jahrhunderte hindurch getrieben hatte. Dann gab das Blut der Maertyrer der Bewegung neuen Auftrieb. Die paepstlichen Anfuehrer, die ploetzlich zur Erkenntnis der ihrer Sache drohenden Gefahr kamen, brachten etliche der edelsten und gelehrtesten Soehne Schottlands auf den Scheiterhaufen. Sie errichteten aber damit nur eine Kanzel, von der aus die Worte der sterbenden Zeugen im ganzen Lande zu hoeren waren, die das Herz des Volkes mit einem unerschuetterlichen Vorsatz erfuellten: die Fesseln der roemischen Herrschaft abzustreifen. Seite 250 (Englisch Seite 249,250) Hamilton und Wishart, zwei junge Menschen von adligem Geschlecht und ebensolchem Charakter, gaben mit einer grossen Anzahl geringerer Juenger ihr Leben auf dem Scheiterhaufen hin. Aber aus dem brennenden Scheiterhaufen Wisharts ging einer hervor, den die Flammen nicht zum Schweigen bringen sollten, einer, dem mit Gottes Beistand bestimmt war, dem Papsttum in Schottland die Sterbeglocke zu laeuten. John Knox hatte sich von den Ueberlieferungen und dem Wunderglauben der Kirche abgewandt, um von den Wahrheiten des Wortes Gottes zu leben. Wisharts Lehren hatten seinen Entschluss bestaerkt, die Gemeinschaft Roms zu verlassen und sich den verfolgten Reformatoren anzuschliessen. Von seinen Gefaehrten gebeten, das Amt eines Predigers anzunehmen, schreckte er zaghaft vor dessen Verantwortung zurueck. In der Abgeschiedenheit rang er tagelang mit sich selbst, ehe er einwilligte. Nachdem er diese Stellung einmal angenommen hatte, draengte er mit unbeugsamer Entschlossenheit und unverzagtem Mut vorwaerts, solange er lebte. Dieser unerschrockene Reformator fuerchtete keine Menschen. Die Feuer des Maertyrertums, die um ihn herum aufloderten, dienten nur dazu, seinen Eifer um so mehr anzufachen. Ungeachtet des drohend ueber seinem Haupte schwebenden Henkersbeils des Tyrannen behauptete er seine Stellung und teilte nach rechts und nach links kraeftige Schlaege aus, um den Goetzendienst zu zertruemmern. Als er der Koenigin von Schottland, in deren Gegenwart der Eifer vieler fuehrender protestantischer Maenner abgenommen hatte, gegenuebertrat, zeugte John Knox unerschuetterlich fuer die Wahrheit. Er war nicht durch Schmeicheleien zu gewinnen; er verzagte nicht vor Drohungen. Die Koenigin beschuldigte ihn der Ketzerei. Sie erklaerte, er habe das Volk verleitet, eine vom Staat verbotene Religion anzunehmen und damit Gottes Gebot, das den Untertanen befehle, ihren Fuersten zu gehorchen, uebertreten. Knox antwortete fest: "Da die richtige Religion weder ihren Ursprung noch ihre Autoritaet von weltlichen Fuersten, sondern von dem ewigen Gott allein erhielt, so sind die Untertanen nicht gezwungen, ihren Glauben nach dem Geschmack ihrer Fuersten zu richten. Denn oft kommt es vor, dass die Fuersten vor allen andern in der wahren Religion am allerunwissendsten Seite 251 (Englisch Seite 250,251) sind... Haette aller Same Abrahams die Religion Pharaos angenommen, dessen Untertanen sie lange waren, welche Religion, ich bitte Sie, Madame, wuerde dann in der Welt gewesen sein? Oder wenn in den Tagen der Apostel alle Menschen die Religion der roemischen Kaiser gehabt haetten, welche Religion wuerde dann auf Erden gewesen sein?... Und so, Madame, koennen Sie sehen, dass Untertanen nicht von der Religion ihrer Fuersten abhaengen, wenn ihnen auch geboten wird, ihnen Ehrfurcht zu erzeigen." Da sagte Maria: "Ihr legt die Heilige Schrift auf diese Weise aus, sie (die roemischen Lehrer) auf eine andere; wem soll ich glauben, und wer soll Richter sein?" "Sie sollen Gott glauben, der deutlich spricht in seinem Worte", antwortete der Reformator, "und weiter als das Wort lehrt, brauchen Sie weder das eine noch das andere zu glauben. Das Wort Gottes ist klar in sich selbst, und wenn irgendeine Stelle dunkel ist, so erklaert der Heilige Geist, der sich nie widerspricht, sie deutlicher an andern Stellen, so dass kein Zweifel obwalten kann, es sei denn fuer die, welche hartnaeckig unwissend sind." (Laing, "The Works of John Knox", Bd. II, S. 281, 284) Solche Wahrheiten verkuendete der furchtlose Reformator unter Lebensgefahr vor den Ohren seiner Regentin. Mit dem gleichen unerschrockenen Mut hielt er an seinem Vorhaben fest und betete und kaempfte fuer den Herrn so lange, bis Schottland vom Papsttum frei war. In England wurde durch die Einfuehrung des Protestantismus als Staatsreligion die Verfolgung zwar vermindert, aber nicht voellig zum Stillstand gebracht. Waehrend man vielen Lehren Roms absagte, blieben nicht wenige seiner Gebraeuche erhalten. Die oberste Autoritaet des Papstes wurde verworfen, aber an seiner Stelle wurde der Landesherr als Haupt der Kirche eingesetzt. Der Gottesdienst wich noch immer erheblich von der Reinheit und Einfachheit des Evangeliums ab. Der grosse Grundsatz religioeser Freiheit wurde noch nicht verstanden. Wenn auch die schrecklichen Grausamkeiten, die Rom gegen die Ketzerei angewandt hatte, von protestantischen Herrschern nur selten ausgeuebt wurden, so anerkannte man doch nicht das Recht eines jeden einzelnen, Gott nach seinem eigenen Gewissen zu verehren. Von allen wurde verlangt, die Lehren anzunehmen und die gottesdienstlichen Seite 252 (Englisch Seite 251,252) Formen zu beachten, welche die Staatskirche vorschrieb. Andersdenkende waren mehr oder weniger der Verfolgung ausgesetzt. Jahrhundertelang blieben diese Methoden bestehen. Im 17. Jahrhundert wurden Tausende von Predigern aus ihren Aemtern vertrieben. Dem Volk war es bei Androhung schwerer Geldbussen, von Gefaengnis und Verbannung untersagt, irgendwelche religioese Versammlungen zu besuchen, die die Kirche nicht genehmigt hatte. Jene treuen Seelen, die sich nicht enthalten konnten, zur Anbetung Gottes zusammenzukommen, waren genoetigt, sich in dunklen Gassen, in finsteren Bodenkammern und zu gewissen Jahreszeiten mitternachts in den Waeldern zu versammeln. In den schuetzenden Tiefen des Waldes, dem von Gott selbst erbauten Tempel, kamen jene zerstreuten und verfolgten Kinder des Herrn zusammen, um in Gebet und Lobpreis ihre Herzen auszuschuetten. Aber ungeachtet all ihrer Vorsichtsmassregeln mussten viele um ihres Glaubens willen leiden. Die Gefaengnisse waren ueberfuellt, Familien wurden getrennt, und viele Menschen aus dem Lande vertrieben. Doch Gott hielt zu seinem Volk, und die Verfolgung vermochte dessen Zeugnis nicht zum Schweigen zu bringen. Viele lenkten ihre Schritte nach Amerika, wo sie den Grundstein zu der buergerlichen und religioesen Freiheit legten, die das Bollwerk und der Ruhm jenes Landes gewesen ist. Auch hier diente wie in den Tagen der Apostel die Verfolgung der Foerderung des Evangeliums. In einem abscheulichen, mit Verworfenen und Verbrechern belegten Kerker schien John Bunyan Himmelsluft zu atmen. Er schrieb dort sein wunderbares Gleichnis von der Reise des Pilgers aus dem Lande des Verderbens nach der Himmelsstadt. Laenger als zweihundert Jahre sprach jene Stimme des Gefangenen zu Bedford mit durchdringender Macht zu den Herzen der Menschen. Bunyans "Pilgerreise" und "Ueberschwengliche Gnade fuer den groessten der Suender" haben manchen irrenden Fuss auf den Weg des Lebens geleitet. Baxter, Flavel, Alleine und andere talentvolle, gebildete Maenner mit tiefer christlicher Erfahrung erhoben sich zu kuehner Verteidigung des Glaubens, "der einmal den Heiligen uebergeben ist". (Jud. 3) Das Werk, das diese von den Herrschern dieser Welt verfemten und geaechteten Seite 253 (Englisch Seite 252,253) Maenner vollbrachten, kann niemals untergehen. Flavels "Brunnquell des Lebens" und "Wirkung der Gnade" haben Tausende gelehrt, wie sie ihre Seelen Christus anbefehlen koennen. Baxters "Der umgewandelte Pfarrer" hat sich vielen, die eine Wiederbelebung des Werkes Gottes wuenschten, als Segen erwiesen; seine "Ewige Ruhe der Heiligen" hat insofern Erfolg gehabt, als diese Schrift Seelen zu der Ruhe fuehrte, die noch fuer das Volk Gottes vorhanden ist. Hundert Jahre spaeter erschienen zu einer Zeit grosser Finsternis Whitefield und die Gebrueder Wesley als Lichttraeger fuer Gott. Unter der Herrschaft der Staatskirche war das Volk einem religioesen Verfall ausgeliefert, der sich vom Heidentum nur wenig unterschied. Eine Naturreligion erwies sich als das bevorzugte Studiengebiet der Geistlichkeit und schloss auch den groessten Teil ihrer Theologie ein. Die hoeheren Klassen verspotteten die Froemmigkeit und bruesteten sich damit, ueber solche Schwaermereien, wie sie es nannten, erhaben zu sein. Die niederen Staende waren in grosser Unwissenheit befangen und dem Laster ergeben, waehrend die Kirche weder den Mut noch den Glauben aufbrachte, die in Verfall geratene Sache der Wahrheit laenger zu unterstuetzen. Die von Luther so klar und eindeutig gelehrte grosse Wahrheit von der Rechtfertigung durch den Glauben war nahezu voellig aus den Augen verloren worden, waehrend der roemische Grundsatz, dass die Seligkeit durch gute Werke erlangt werde, deren Stelle eingenommen hatte. Whitefield und die beiden Wesleys, die Glieder der Landeskirche waren, suchten aufrichtig nach der Gnade Gottes, die, wie man sie gelehrt hatte, durch ein tugendhaftes Leben und durch die Beachtung der religioesen Verordnungen erlangt werden konnte. Als Charles Wesley einst erkrankte und seinen Tod erwartete, wurde er gefragt, worauf er seine Hoffnung auf ein ewiges Leben stuetze. Seine Antwort lautete: "Ich habe mich nach Kraeften bemueht, Gott zu dienen." Als der Freund, der ihm die Frage gestellt hatte, mit seiner Antwort nicht voellig zufrieden zu sein schien, dachte Wesley: "Sind meine Bemuehungen nicht ein genuegender Grund der Hoffnung? Wuerde er mir diese rauben, so haette ich nichts anderes, worauf ich vertrauen koennte." (Whitehead, "Life of the Rev. Charles Wesley", S. 102) Derart dicht war die Finsternis, die sich auf die Kirche Seite 254 (Englisch Seite 253,254) gesenkt hatte, welche die Versoehnung verbarg, Christus seiner Ehre beraubte, und den Geist der Menschen von der einzigen Hoffnung auf die Seligkeit, dem Blute des gekreuzigten Erloeser, abwandte. Wesley und seine Mitarbeit kamen zu der Einsicht, dass die wahre Religion im Herzen wohnt, und dass sich das Gesetz Gottes sowohl auf die Gedanken als auch auf die Worte und Handlungen erstreckt. Von der Notwendigkeit eines heiligen Herzens und eines rechten Wandels ueberzeugt, trachteten sie jetzt ernstlich nach einem neuen Leben. Durch Fleiss und Gebet versuchten sie, das Boese ihres natuerlichen Herzens zu ueberwinden. Sie lebten ein Leben der Selbstverleugnung, Liebe und Demut und beachteten streng und genau jede Massregel, die ihnen zur Erfuellung ihres groessten Wunsches - jene Heiligkeit zu erlangen, welche die Huld Gottes verschaffen kann - dienlich schien. Aber sie erreichten das vorgesteckte Ziel nicht. Vergebens waren ihre Bemuehungen, sich von der Verdammnis der Suende zu befreien oder deren Macht zu brechen. Es war das gleiche Ringen, das auch Luther in seiner Zelle in Erfurt durchzustehen hatte, es war die gleiche Frage, die auch seine Seele gemartert hatte: "Wie mag ein Mensch gerecht sein bei Gott?" (Hiob 9, 2, Parallelbibel) Das auf den Altaeren des Protestantismus nahezu ausgeloeschte Feuer der goettlichen Wahrheit sollte von der alten Fackel, die die boehmischen Christen brennend erhalten hatten, wieder angezuendet werden. Nach der Reformation war der Protestantismus in Boehmen von den roemischen Horden niedergetreten worden. Alle, die der Wahrheit nicht entsagen wollten, wurden zur Flucht gezwungen. Etliche von diesen fanden eine Zuflucht in Sachsen, wo sie den alten Glauben aufrechterhielten. Ueber die Nachkommen dieser Christen gelangte das Licht zu Wesley und seinen Gefaehrten. Nachdem John und Charles Wesley zum Predigtamt eingesegnet worden waren, wurden sie mit einem Missionsauftrag nach Amerika gesandt. An Bord des Schiffes befand sich eine Gesellschaft maehrischer Brueder. Waehrend der Ueberfahrt gab es heftige Stuerme und als John Wesley den Tod vor Augen sah, fuehlte er, dass er nicht die Gewissheit des Friedens mit Gott hatte. Die maehrischen Brueder hingegen bekundeten eine Ruhe und ein Vertrauen, die ihm fremd waren. Seite 255 (Englisch Seite 254) Er sagte: "Ich hatte lange zuvor den grossen Ernst in ihrem Benehmen beobachtet. Sie hatten bestaendig ihre Demut an den Tag gelegt, indem sie fuer die andern Reisenden niedrige Dienstleistungen verrichteten, deren sich keiner der Englaender unterziehen wollte. Sie hatten dafuer keine Bezahlung verlangt, sondern sie ausgeschlagen, indem sie sagten, es waere gut fuer ihre stolzen Herzen, und ihr Heiland haette noch mehr fuer sie getan. Jeder Tag hatte ihnen Gelegenheit geboten, eine Sanftmut zu zeigen, die keine Beleidigung beseitigen konnte. Wurden sie gestossen, geschlagen oder niedergeworfen, so erhoben sie sich wieder und gingen weg; aber keine Klage wurde in ihrem Munde gefunden. Jetzt sollten sie geprueft werden, ob sie von dem Geist der Furcht ebenso frei waren wie von dem des Stolzes, des Zornes und der Rachsucht. Waehrend sie gerade einen Psalm sangen mit dem ihr Gottesdienst begann, brach eine Sturzwelle herein, riss das grosse Segel in Stuecke, bedeckte das Schiff und ergoss sich zwischen die Decks, so dass es schien, als ob die grosse Tiefe uns bereits verschlungen haette. Unter den Englaendern erhob sich ein furchtbares Angstgeschrei. Die Brueder aber sangen ruhig weiter. Ich fragte nachher einen von ihnen: `Waren Sie nicht erschrocken?` Er antwortete: `Gott sei Dank nicht.` `Aber,`sagte ich, `waren ihre Weiber und ihre Kinder nicht erschrocken?` Er erwiderte mild: `Nein unsere Weiber und Kinder fuerchten sich nicht, zu sterben.`" (Whitehead, "Life of the Rev. John Wesley ", S. 10 ff.) Nach der Ankunft in Savannah weilte Wesley kurze Zeit bei den maehrischen Bruedern und war tief beeindruckt von ihrem christlichen Verhalten. Ueber einen ihrer Gottesdienste, die in auffallendem Gegensatz zu dem leblosen Formenwesen der anglikanischen Kirche standen, schrieb er: "Sowohl die grosse Einfachheit als auch die Feierlichkeit des Ganzen liessen mich die dazwischenliegenden 1700 Jahre beinahe vergessen und versetzten mich in eine Versammlung wo Form und Staat nicht galten, sondern wo Paulus, der Zeltmacher, oder Petrus, der Fischer, unter Bekundung des Geistes und der Kraft den Vorsitz hatten." (Whitehead, "Life of the Rev. John Wesley", S. 10 ff.) Auf seiner Rueckreise nach England gelangte Wesley unter der Belehrung eines maehrischen Predigers zu einem klareren Verstaendnis des biblischen Glaubens. Er liess sich ueberzeugen, dass sein Seelenheil Seite 256 (Englisch Seite 255) nicht von seinen eigenen Werken abhaengt, sondern dass er einzig auf "Gottes Lamm, welches der Welt Suende traegt", vertrauen muesse. Auf einer in London tagenden Versammlung der maehrischen Brueder wurde eine Schrift Luthers vorgelesen (Luthers Vorrede zum Roemerbrief, enthaltend die Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben), welche die Veraenderung beschrieb, die der Geist Gottes im Herzen des Glaeubigen bewirkt. Waehrend Wesley zuhoerte, entzuendete sich auch in seiner Seele der Glaube. "Ich fuehlte mein Herz seltsam erwaermt", sagte er. "Ich fuehlte, dass ich mein ganzes Vertrauen fuer mein Seelenheil auf Christus, ja auf Christus allein setzte, und ich erhielt die Versicherung, dass er meine - ja meine Suenden weggenommen und mich von dem Gesetz der Suende und des Todes erloest hatte." (Whitehead, ebd., S. 52) Waehrend langer Jahre muehsamen und unbequemen Ringens, Jahre strenger Selbstverleugnung, der Schmach und Erniedrigung, hatte Wesley unverwandt den einen Vorsatz festgehalten: Gott zu suchen. Nun hatte er ihn gefunden, und er erfuhr, dass die Gnade, die er durch Beten und Fasten, durch Almosengeben und Selbstverleugnung erlangen wollte, eine Gabe war "ohne Geld und umsonst". Einmal gegruendet im Glauben Christi, brannte seine Seele vor Verlangen, ueberall das herrliche Evangelium von der freien Gnade Gottes zu verkuendigen. "Ich betrachte die ganze Welt als mein Kirchspiel", sagte er, "und wo ich auch immer sein mag, erachte ich es als passend, recht und meine Pflicht und Schuldigkeit, allen, die willens sind zuzuhoeren, die frohe Botschaft des Heils zu verkuendigen." (Whitehead, ebd., S. 74.) Er setzte sein strenges, selbstverleugnendes Leben fort, das nun nicht mehr der Grund, sondern die Folge des Glaubens, nicht mehr die Wurzel, sondern die Frucht der Heiligung war. Die Gnade Gottes in Christus ist die Grundlage der Hoffnung des Christen, und diese Gnade wird offenbar im Gehorsam. Wesleys Leben war der Verkuendigung jener grossen Wahrheiten gewidmet, die er empfangen hatte: Gerechtigkeit durch den Glauben an das versoehnende Blut Christi, und die herzerneuernde Macht des Heiligen Geistes, die sich in einem neuen Leben erweist, das mit dem Beispiel Christi uebereinstimmt. Whitefield und die beiden Wesleys waren durch eine lange und tiefe persoenliche Ueberzeugung von ihrem menschlichen Verlorensein fuer Seite 257 (Englisch Seite 255,256) ihre Aufgabe vorbereitet worden. Damit sie faehig waeren, als gute Streiter Christi Schwierigkeiten zu erdulden, waren sie der Feuerprobe des Spottes, des Hohnes und der Verfolgung sowohl an der Universitaet als auch beim Antritt ihres Predigtamtes ausgesetzt gewesen. Sie und einige andere, die mit ihnen uebereinstimmten, wurden von ihren gottlosen Kommilitonen veraechtlich Methodisten genannt - ein Name, der von einer der groessten christlichen Gemeinschaften in England und Amerika als ehrenvoll angesehen wird. Als Glieder der anglikanischen Kirche waren sie den Formen ihres Gottesdienst sehr ergeben; aber der Herr hatte ihnen in seinem Wort ein hoeheres Ziel gezeigt. Der Heilige Geist noetigte sie, Christus, den Gekreuzigten, zu predigen. Die Macht des Hoechsten begleitete ihre Arbeit. Tausende wurden ueberzeugt und wahrhaft bekehrt. Diese Schafe mussten vor den reissenden Woelfen geschuetzt werden. Wesley dachte zwar nicht im geringsten daran, eine neue Gemeinschaft zu gruenden, doch vereinigte er seine Anhaenger in einer sogenannten methodistischen Verbindung. Geheimnisvoll und schwierig war der Widerstand, den diese Prediger von der anglikanischen Kirche erfuhren; doch Gott hatte in seiner Weisheit diese Ereignisse gelenkt, um die Reformation in der Kirche selbst zu beginnen. Waere sie voellig von aussen gekommen, so haette sie dort nicht durchdringen koennen, wo sie so sehr vonnoeten war. Da aber die Erweckungsprediger Kirchenmaenner waren und im Bereich der Kirche arbeiteten, wo sie gerade Gelegenheit hatten, fand die Wahrheit in jene Bezirke Eingang, in denen sonst die Tueren verschlossen geblieben waeren. Einige Geistliche wurden aus ihrer sittlichen Erstarrung aufgeruettelt und begannen eifrig in ihren eigenen Pfarreien zu predigen. Gemeinden, die durch ein veraeusserlichtes Formenwesen versteinert waren, erwachten zu geistlichem Leben. Zu Wesleys Zeiten wie zu allen Zeiten der Kirchengeschichte vollzogen verschieden begabte Maenner den ihnen zugewiesenen Auftrag. Sie stimmten nicht in jedem Lehrpunkt ueberein, waren aber alle vom Geist Gottes getrieben und nur von dem einen Wunsch beseelt, Seelen fuer Christus zu gewinnen. Meinungsverschiedenheiten drohten einst Whitefield und die Wesleys zu entfremden; als sie aber in der Schule Christi Sanftmut lernten, versoehnte sie gegenseitige Geduld und christliche Seite 258 (Englisch Seite 257,258) Liebe. Sie hatten keine Zeit zum Streit, denn ueberall machten sich Suende und Irrtum breit, und Suender gingen dem Verderben entgegen. Gottes Diener wandelten auf einem rauhen Pfad. Einflussreiche und gebildete Maenner traten ihnen entgegen. Nach einiger Zeit bekundeten viele Geistliche eine ausgesprochene Feindschaft gegen sie, und die Tueren der Kirche wurden dem reinen Glauben sowie denen, die ihn verkuendigten, verschlossen. Das Verfahren der Geistlichkeit, sie von der Kanzel herab zu verdammen, rief die Maechte der Finsternis, der Unwissenheit und der Ungerechtigkeit hervor. Zu wiederholten Malen entging John Wesley dem Tode nur durch ein Wunder der goettlichen Gnade. Wenn die Wut des Poebels gegen ihn aufgestachelt war und es keinen Weg des Entrinnens zu geben schien, trat ein Engel in Menschengestalt an seine Seite, und die Menge wich zurueck, und der Diener Gottes verliess unbehelligt die Staette der Gefahr. Ueber seine Errettung vor dem aufgebrachten Poebel bei einem solchen Anlass sagte Wesley: "Viele versuchten mich hinzuwerfen, waehrend wir auf einem schluepfrigen Pfade bergab zur Stadt gingen, da sie richtig urteilten, dass ich wohl kaum wieder aufstehen wuerde, wenn ich einmal zu Fall gebracht waere. Aber ich fiel nicht, glitt nicht einmal im geringsten aus, bis ich gaenzlich aus ihren Haenden war... Obgleich viele sich Muehe gaben, mich am Kragen oder an meinem Rock zu fassen, um mich niederzuziehen, konnten sie doch keinen Halt gewinnen; nur einem gelang es, einen Zipfel meines Rockschosses festzuhalten, der bald in seiner Hand blieb, waehrend die andere Haelfte, in der sich eine Tasche mit einer Banknote befand, nur halb abgerissen wurde. Ein derber Mensch unmittelbar hinter mir holte mehrmals aus, mich mit einem dicken Eichenstock zu schlagen; haette er mich nur einmal damit auf den Hinterkopf getroffen, so wuerde er sich jede weitere Muehe gespart haben koennen. Aber jedesmal wurde der Schlag abgewendet, ich weiss nicht wie; denn ich konnte mich weder zur Rechten noch zur Linken bewegen. Ein anderer stuerzte sich durch das Gedraenge, erhob seinen Arm zum Schlag, liess ihn aber ploetzlich sinken und streichelte mir den Kopf mit den Worten: `Was fuer weiches Haar er hat!`... Die allerersten, deren Herzen verwandelt wurden, waren die Gassenhelden, bei allen Anlaessen die Anfuehrer des Poebelhaufens, von denen einer als Ringkaempfer im Baerengarten auftrat... Seite 259 (Englisch Seite 258,259) Wie allmaehlich bereitet Gott uns auf seinen Willen vor! Vor zwei Jahren streifte ein Stueck von einem Ziegelstein meine Schultern, ein Jahr spaeter traf mich ein Stein zwischen die Augen, letzten Monat empfing ich einen Schlag und heute Abend zwei, einen ehe wir in die Stadt kamen, und einen nachdem wir hinausgegangen waren; doch beide waren wie nichts; denn obgleich mich ein Mann mit aller Gewalt auf die Brust schlug und der andere mit solcher Wucht auf den Mund, dass das Blut sofort hervorstroemte, so fuehlte ich doch nicht mehr Schmerz von beiden Schlaegen, als wenn sie mich mit einem Strohhalm beruehrt haetten." (Wesley's Works, Bd. III, S. 297, 298) Die Methodisten jener Zeit - das Volk und auch die Prediger - ertrugen Spott und Verfolgung sowohl von Kirchengliedern als auch von den offenbar Gottlosen, die sich durch die falschen Darstellungen jener anstacheln liessen. Sie wurden vor Gerichte gestellt, die freilich nur dem Namen nach als solche angesprochen werden konnten; denn Gerechtigkeit fand sich selten in den Gerichtshoefen jener Zeit. Oft wurden die Glaeubigen von ihren Verfolgern gepeinigt. Der Mob ging von Haus zu Haus, zerstoerte Hausgeraete und Gueter, pluenderte, was ihm gefiel, und misshandelte in brutaler Weise Maenner, Frauen und Kinder. Durch oeffentliche Bekanntmachungen wurden alle, die sich am Einwerfen von Fenstern und am Pluendern der Haeuser der Methodisten zu beteiligen wuenschten, aufgefordert, sich zu gegebener Stunde an einem bestimmten Ort zu versammeln. Diese offene Verletzung menschlicher wie auch goettlicher Gesetze liess man ungetadelt zu. Man verfolgte planmaessig die Menschen, deren einziger Fehler es war, dass sie versuchten, den Fuss des Suenders vom Pfad des Verderbens auf den Weg der Heiligkeit zu lenken. John Wesley sagte ueber die Anschuldigungen gegen ihn und seine Gefaehrten: "Manche machen geltend, dass die Lehren dieser Maenner falsch, irrig, schwaermerisch, dass sie neu und bis kuerzlich unbekannt gewesen und dass sie Quaekerismus, Schwaermerei und Papsttum seien. Diese ganze Behauptung ist bereits an der Wurzel abgehauen worden, da ausfuehrlich gezeigt wurde, dass jeder Zweig dieser Lehre die deutliche Lehre der Heiligen Schrift ist, wie sie von unserer eigenen Kirche ausgelegt wird, und die deshalb nicht falsch oder irrtuemlich sein kann, Seite 260 (Englisch Seite 259,260) vorausgesetzt, dass die Heilige Schrift wahr ist... Andere geben vor: `Ihre Lehre ist zu streng, sie machen den Weg zum Himmel zu schmal`. Und dies ist in Wahrheit der urspruengliche Einwand (der eine Zeitlang der einzige war), und liegt heimlich tausend andern zugrunde, die in verschiedener Gestalt erscheinen. Aber machen sie den Weg himmelwaerts schmaler als unser Herr und seine Apostel ihn machten? Ist ihre Lehre strenger als die der Bibel? Betrachtet nur einige deutliche Bibelstellen: `Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kraeften und von ganzem Gemuete.``Die Menschen muessen Rechenschaft geben am Juengsten Gericht von einem jeglichen unnuetzen Wort, das sie geredet haben.``Ihr esset nun oder trinket oder was ihr tut, so tut es alles zu Gottes Ehre.`(Luk. 10.27; Matth. 12,36; 1. Kor. 10.31) Wenn ihre Lehre strenger ist als dies, so sind sie zu tadeln; ihr seid aber in eurem Gewissen ueberzeugt, dass dem nicht so ist. Und wer kann um ein Jota weniger genau sein, ohne das Wort Gottes zu verdrehen? Kann irgendein Haushalter des Geheimnisses Gottes treu erfunden werden, wenn er irgendeinen Teil jenes heiligen Unterpfandes veraendert? Nein, er kann nichts umstossen; er kann nichts gelinder machen; er ist gezwungen, allen Menschen zu erklaeren: Ich darf die Heilige Schrift nicht zu eurem Geschmack herabwuerdigen. Ihr muesst euch nach ihr richten oder auf ewig zugrunde gehen. Dies gibt allerdings Veranlassung zu dem volkstuemlichen Geschrei: die Lieblosigkeit dieser Menschen! Lieblos sind sie? In welcher Beziehung? Speisen sie nicht die Hungrigen und kleiden die Nackten? Ja, aber das ist nicht die Sache; diesbezueglich mangelt es ihnen nicht; aber sie sind lieblos im Urteil; sie denken, es koenne niemand gerettet werden ausser jenen, die auf dem von ihnen vorgeschriebenen Weg gehen."(Wesley's Works, Bd. III, S. 152, 153) Das geistliche Siechtum, das sich in England unmittelbar vor Wesleys Zeit bekundet hatte, war in hohem Grade die Folge der gesetzesfeindlichen Lehre. Viele behaupteten, Christus habe das Sittengesetz abgeschafft, die Christen staenden deshalb nicht mehr unter der Verpflichtung, nach ihm zu handeln; denn ein Glaeubiger sei von der "Knechtschaft der guten Werke" befreit. Obgleich andere die Fortdauer des Gesetzes zugaben, erklaerten sie es fuer unnoetig, dass die Prediger das Volk zur Beachtung seiner Vorschriften anhielten, da die Seite 261 (Englisch Seite 260,261) Menschen, die Gott zum Heil bestimmt habe, "durch den unwiderstehlichen Antrieb der goettlichen Gnade zur Froemmigkeit und Tugend angeleitet wuerden", wogegen die zur ewigen Verdammnis Bestimmten "nicht die Kraft haetten, dem goettlichen Gesetz Gehorsam zu leisten". Andere, die gleichfalls behaupteten, dass die Auserwaehlten weder von der Gnade abfallen noch der goettlichen Gunst verlustig gehen koennten, kamen zu der noch schrecklicheren Annahme, dass "die boesen Handlungen, welche sie begehen, in Wirklichkeit nicht suendhaft seien noch als Uebertretung des goettlichen Gesetzes betrachtet werden koennten, und dass sie folglich keinen Grund haetten, ihre Suenden zu bekennen, noch sich von ihnen durch Busse abzuwenden". (Mc Clintock und Strongs Enzyklopaedie, Art. Antinomians) Deshalb erklaerten sie, dass selbst eine der groebsten Suenden, "die allgemein als eine schreckliche Uebertretung des Gesetzes Gottes betrachtet werde, in Gottes Augen keine Suende sei", wenn sie von einem seiner Auserwaehlten begangen werde, "da es eins der wesentlichen und auszeichnenden Merkmale der Auserwaehlten des Herrn sei, nichts tun zu koennen, das entweder nicht wohlgefaellig vor Gott oder durch das Gesetz verboten ist". Diese ungeheuerlichen Lehren sind wesentlich die gleichen wie die spaeteren Lehren der beim Volke beliebten Erzieher und Theologen: dass es kein unveraenderliches goettliches Gesetz als Richtmass des Rechtes gebe, sondern dass der Masstab der Sittlichkeit durch die Gesellschaft selbst bestimmt wird und bestaendig dem Wechsel unterworfen war. Alle diese Gedanken sind von demselben Geisterfuersten eingegeben, der einst unter den suendlosen Bewohnern des Himmels sein Werk anfing und versuchte, die gerechten Einschraenkungen des Gesetzes Gottes zu beseitigen. Die Lehre von der Unverbruechlichkeit der goettlichen Verordnung, die ein fuer allemal das Wesen des Menschen bestimmt, hat viele zu einer wirklichen Verwerfung des Gesetzes Gottes gefuehrt. Wesley trat den Irrtuemern der gesetzesfeindlichen (antinomistischen) Lehrer standhaft entgegen und zeigte, dass diese Lehre, die zur Gesetzesverwerfung fuehrte, der Heiligen Schrift zuwiderlief. "Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen." - "Denn solches ist gut und angenehm vor Gott, unserm Heiland, welcher will, Seite 262 (Englisch Seite 261,262) dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, naemlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat fuer alle zur Erloesung." (Tit. 2,11; 1. Tim. 2, 3-6) Der Geist Gottes wird in reichlichem Masse verliehen, um jeden Menschen zu befaehigen, das Heil zu ergreifen. So erleuchtet Christus, "das wahrhaftige Licht,... alle Menschen..., die in diese Welt kommen". (Joh. 1,9) Die Menschen verlieren das Heil durch ihre eigene vorsaetzliche Weigerung, die Gabe des Lebens anzunehmen. Als Antwort auf den Anspruch, dass beim Tode Christi die Zehn Gebote mit dem Zeremonialgesetz abgeschafft worden seien, entgegnete Wesley: "Das Sittengesetz, wie es in den Zehn Geboten enthalten und von den Propheten eingeschaerft worden ist, hat er nicht abgetan. Es war nicht der Zweck seines Kommens, irgendeinen Teil davon abzuschaffen. Es ist dies ein Gesetz, das nie gebrochen werden kann, das feststeht wie der treue Zeuge im Himmel... Es war von Anbeginn der Welt und wurde nicht auf steinerne Tafeln, sondern in die Herzen aller Menschenkinder geschrieben, als sie aus der Hand des Schoepfers hervorgingen. Und wie sehr auch die einst von Gottes Finger geschriebenen Buchstaben jetzt durch die Suende verwischt sein moegen, so koennen sie doch nicht gaenzlich ausgetilgt werden, solange uns ein Bewusstsein von gut und boese bleibt. Jeder Teil dieses Gesetzes muss fuer alle Menschen und zu allen Zeitaltern in Kraft bleiben; da es nicht von Zeit oder Ort noch von irgendwelchen andern dem Wechsel unterworfenen Umstaenden, sondern von der Natur Gottes und der Natur der Menschen und ihren unveraenderlichen Beziehungen zueinander abhaengig ist. `Ich bin nicht gekommen, aufzuloesen, sondern zu erfuellen ... `(Math. 5, 17) Unzweifelhaft meint er hier (in Uebereinstimmung mit alledem, was vorangeht und folgt): Ich bin gekommen, es in seiner Vollkommenheit aufzurichten, trotz aller menschlichen Deutungen; ich bin gekommen, alles, was in ihm dunkel und undeutlich war, in ein volles und klares Licht zu stellen; ich bin gekommen, die wahre und volle Bedeutung jedes Teiles zu erklaeren, die Laenge und Breite und die ganze Tragweite eines jeglichen darin enthaltenen Gebotes sowie die Hoehe und Tiefe, Seite 263 (Englisch Seite 262) dessen unbegreifliche Reinheit und Geistlichkeit in allen seinen Zweigen zu zeigen." (Wesley's, Works, "Sermon 25") Wesley verkuendigte die vollkommene Uebereinstimmung zwischen Gesetz und Evangelium und erklaerte: "Es besteht deshalb die denkbar innigste Verbindung zwischen dem Gesetz und dem Evangelium. Einerseits bahnt das Gesetz bestaendig den Weg fuer das Evangelium und weist uns darauf hin, anderseits fuehrt uns das Evangelium bestaendig zu einer genaueren Erfuellung des Gesetzes. Das Gesetz zum Beispiel verlangt von uns, Gott und den Naechsten zu lieben und sanftmuetig, demuetig oder heilig zu sein. Wir fuehlen, dass wir hierzu nicht tuechtig sind, ja dass dies dem Menschen unmoeglich ist. Aber wir sehen eine Verheissung Gottes, uns diese Liebe zu geben und uns demuetig, sanftmuetig und heilig zu machen. Wir ergreifen dies Evangelium, diese frohe Botschaft; uns geschieht nach unserem Glauben, und die Gerechtigkeit des Gesetzes wird in uns erfuellt durch den Glauben an Christus Jesus... Die groessten Feinde des Evangeliums Christi sind die, welche offen und ausdruecklich das Gesetz richten und uebel davon reden, welche die Menschen lehren, das ganze Gesetz, nicht nur eins seiner Gebote, sei es das geringste oder das groesste, sondern saemtliche Gebote zu brechen (aufzuheben, zu loesen, seine Verbindlichkeit zu beseitigen)... Hoechst erstaunlich ist es, dass die, welche sich dieser starken Taeuschung ergeben haben, wirklich glauben, Christus dadurch zu ehren, dass sie sein Gesetz umstossen, und waehnen, sein Amt zu verherrlichen, waehrend sie seine Lehre vernichten! Ach, sie ehren ihn gerade wie Judas tat, als er sagte: `Gegruesset seist du, Rabbi' und kuesste ihn. `Wohl mag der Herr ebenso billig zu einem jeglichen von ihnen sagen: `Verraetst du des Menschen Sohn mit einem Kuss?' (Math. 26,49; Luk. 22,48) Irgendeinen Teil seines Gesetzes auf leichtfertige Weise beiseitezusetzen unter dem Vorwand, sein Evangelium zu foerdern, ist nichts anderes, als ihn mit einem Kuss zu verraten, von seinem Blute zu reden und seine Krone wegzunehmen. In der Tat kann keiner dieser Anschuldigung entgehen, der den Glauben in einer Weise verkuendigt, die direkt oder indirekt dahin fuehrt, irgendeinen Teil des Gehorsams beiseitezusetzen - keiner, der Jesus Christus also predigt, dass dadurch irgendwie selbst das geringste der Seite 264 (Englisch Seite 263) heiligen Gebote Gottes ungueltig gemacht, geschwaecht oder aufgehoben werde." (Wesley's Works, "Sermon 25") Denen, die darauf bestanden, dass "das Predigen des Evangelium allen Zwecken des Gesetzes entspreche", erwiderte Wesley: "Dies leugnen wir gaenzlich. Es kommt schon dem allerersten Endzweck des Gesetzes nicht nach, naemlich die Menschen der Suende zu ueberfuehren und die, welche noch immer am Rande der Hoelle schlafen, aufzuruetteln." Der Apostel Paulus erklaert: "Durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Suende"; (Roem 3,20) "und nicht ehe der Mensch sich der Schuld bewusst ist, wird er wirklich die Notwendigkeit des versoehnenden Blutes Christi fuehlen... Wie unser Heiland auch selbst sagt: `Die Gesunden beduerfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.` (Luk, 5.31) Es ist deshalb toericht, den Gesunden oder denen, die sich gesund waehnen, einen Arzt aufzudraengen. Sie muessen erst ueberzeugt sein, dass sie krank sind, sonst werden sie keine Hilfe verlangen. Ebenso toericht ist es, demjenigen Christus anzubieten, dessen Herz noch ganz und unzerbrochen ist." (Wesley's Works, "Sermon 35") So bemuehte sich Wesley, waehrend er das Evangelium von der Gnade Gottes predigte, gleich seinem Herrn, "das Gesetz herrlich und gross" zu machen. Gewissenhaft fuehrte er das ihm von Gott anvertraute Werk aus, und herrlich waren die Ergebnisse, die er sehen durfte. Am Ende eines ueber achtzigjaehrigen Lebens, von dem er mehr als ein halbes Jahrhundert als Wanderprediger zugebracht hatte, betrug die Zahl der sich zu ihm bekennenden Anhaenger mehr als eine halbe Million Seelen. Doch die Menge, die durch sein Wirken aus dem Verderben und der Erniedrigung der Suende zu einem hoeheren und reinerem Leben erhoben worden war, und die Zahl derer, die durch seine Lehre, eine tiefere und reichere Erfahrung gewonnen hatten, werden wir erst erfahren, wenn die gesamte Familie der Erloesten in das Reich Gottes gesammelt werden wird. Wesleys Leben bietet jedem Christen eine Lehre von unschaetzbarem Wert. Moegen sich doch der Glaube und die Demut, der unermuedliche Eifer und die Selbstaufopferung und Hingabe dieses Dieners Jesu Christi in den heutigen Gemeinden widerspiegeln! Seite 265 (Englisch Seite 263,264) |