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Der grosse Kampf zwischen Licht und Finsternis „Untreue und Abfall in der Christenheit” Die Reformation in Frankreich Dem Protest zu Speyer und der Konfession zu Augsburg, die den Sieg der Reformation in Deutschland ankuendeten, folgten Jahre des Kampfes und der Finsternis. Durch Uneinigkeiten der Anhaenger geschwaecht und von gewaltigen Feinden bestuermt, schien der Protestantismus dem vollstaendigen Untergang geweiht zu sein. Tausende besiegelten ihr Zeugnis mit ihrem Blut. Kriege brachen aus, die protestantische Sache wurde von einem ihrer vornehmsten Anhaenger verraten, die edelsten der reformierten Fuersten fielen in die Haende des Kaisers und wurden als Gefangene von Stadt zu Stadt geschleppt. Aber im Augenblick seines augenscheinlichen Sieges erlitt der Kaiser eine schwere Niederlage. Er sah die Beute seinen Haenden entrissen und war schlieslich genoetigt, den Lehren, deren Vernichtung seine Lebensaufgabe galt, Duldung zu gewaehren. Er hatte sein Reich, seine Schaetze und selbst das Leben aufs Spiel gesetzt, um die Ketzerei zu vertilgen. Jetzt sah er seine Heere durch Schlachten aufgerieben, seine Schaetze erschoepft, viele Teile seines Reiches von Empoerung bedroht, waehrend sich der Glaube, den er vergebens zu unterdruecken gesucht hatte, ueberall ausbreitete. Karl V. war gegen die Macht des Allmaechtigen angegangen. Gott hatte gesagt: Es werde Licht; aber der Kaiser hatte danach getrachtet, die Finsternis unerhellt zu erhalten. Seine Absichten waren fehlgeschlagen, und in fruehem Alter, erschoepft von dem langen Kampf entsagte er dem Thron und trat in ein Kloster ein, wo er nach zwei Jahren starb. In der Schweiz und auch in Deutschland kamen dunkle Tage fuer die Reformation. Waehrend viele Kantone den reformierten Glauben annahmen, hingen andere mit blinder Beharrlichkeit an dem Glaubensbekenntnis Roms und verfolgten die, welche die Wahrheit annehmen Seite 211 (Englisch Seite 211,212) wollten, was schlieslich zum Bruderkrieg fuehrte. Zwingli und viele seiner Reformationsfreunde fielen auf dem blutigen Schlachtfeld von Kappel. Oekolampad, von diesem furchtbaren Misgeschick ueberwaeltigt starb bald darauf. Rom jubelte und schien an vielen Orten alles, was es verloren hatte, wiederzugewinnen. Der aber, dessen Ratschlaege von Ewigkeit her sind, hatte weder seine Sache noch sein Volk verlassen. Seine Hand brachte ihnen Befreiung. Er hatte schon in andern Laendern Mitarbeiter erweckt, um die Reformation weiterzufuehren. In Frankreich hatte der Tag bereits zu daemmern begonnen, noch ehe man etwas von dem Reformator Luther wuste. Einer der ersten, der das Licht erfaste, war der bejahrte Lefévre (Faber Stapulensis), ein Mann von umfassender Gelehrsamkeit, Professor an der Sorbonne und aufrichtiger und eifriger Anhaenger des Papsttums. Bei den Untersuchungen ueber die alte Literatur war seine Aufmerksamkeit auf die Bibel gerichtet worden, und er fuehrte ihr Studium bei seinen Studenten ein. Faber war ein schwaermerischer Verehrer der Heiligen und hatte es unternommen, eine Geschichte der Heiligen und Maertyrer nach den Legenden der Kirche zu verfassen. Dies war eine muehsame Arbeit, und er hatte bereits bedeutende Fortschritte gemacht, als er mit dem Gedanken, die Bibel koenne ihm dabei gute Dienste leisten, sie zu studieren begann. Hier fand er in der Tat Heilige beschrieben, aber nicht solche, wie der roemische Heiligenkalender sie darstellte. Eine Flut goettlichen Lichtes erleuchtete seinen Verstand. Erstaunt und widerwillig wandte er sich von seiner geplanten Aufgabe ab und widmete sich dem Wort Gottes. Bald begann er, die koestlichen, in der Heiligen Schrift entdeckten Wahrheiten zu lehren. Weder Luther noch Zwingli hatten das Werk der Reformation begonnen, da schrieb Faber schon im Jahre 1512: "Gott allein gibt uns die Gerechtigkeit durch den Glauben, rechtfertigt uns allein durch seine Gnade zum ewigen Leben." (D'Aubigné, "Geschichte der Reformation", 12. Buch, 2. Abschnitt, S. 290) Sich in das Geheimnis der Erloesung vertiefend, rief er aus: "O wunderbarer Austausch: die Unschuld wird verurteilt, der Schuldige freigesprochen; der Gesegnete verflucht, der Verfluchte gesegnet; das Leben stirbt, der Tote erhaelt das Leben; die Ehre ist mit Schmach bedeckt, der Geschmaehte wird geehrt." (D'Aubigné, "Geschichte der Reformation", 12. Buch, 2. Abschnitt, S. 290) Seite 212 (Englisch Seite 212,213) Und waehrend er lehrte, das die Ehre der Erloesung nur Gott zukomme, erklaerte er auch, das die Pflicht des Gehorsams dem Menschen obliege. "Bist du der Kirche Christi angehoerig", sagt er, "so bist du ein Glied am Leibe Christi und als solches mit Goettlichkeit erfuellt... Wenn die Menschen dieses Vorrecht begriffen, so wuerden sie sich rein, keusch und heilig halten, alle Ehre dieser Welt fuer eine Schmach achten im Vergleich zu der inneren Herrlichkeit, welche den fleischlichen Augen verborgen ist." (D'Aubigné, "Geschichte der Reformation", 12. Buch, 2. Abschnitt, S. 290) Unter Fabers Schuelern befanden sich etliche, die eifrig seinen Worten lauschten, und die lange, nachdem die Stimme ihres Lehrers zum Schweigen gebracht worden war, fortfahren sollten, die Wahrheit zu verkuendigen. Zu diesen gehoerte William Farel. Als Sohn frommer Eltern erzogen, die Lehren der Kirche in unbedingtem Glauben hinzunehmen, haette er mit dem Apostel Paulus von sich selbst erklaeren koennen: "Ich bin ein Pharisaeer gewesen, welches ist die strengste Sekte unsers Gottesdienstes." (Apg. 26,5) Als ergebener Anhaenger Roms brannte er vor Eifer, alle jene zu vernichten, die es wagen sollten, sich der Kirche zu widersetzen. "Ich knirschte mit den Zaehnen wie ein wuetender Wolf, wenn sich irgendeiner gegen den Papst aeuserte", (Wylie, "History of Protestantism", 13. Buch, Kap. 2, S. 129) sagte er spaeter ueber diesen Abschnitt seines Lebens. Er war unermuedlich gewesen in seiner Verehrung der Heiligen und hatte gemeinschaftlich mit Faber die Runde in den Kirchen gemacht, in denen er an den Altaeren anbetete und die Heiligenschreine mit Gaben schmueckte. Aber diese aeuserliche Froemmigkeit konnte ihm keinen Seelenfrieden verschaffen. Ein Bewustsein der Suende, das alle Busuebungen, die er sich auferlegte, nicht verbannen konnten, bemaechtigte sich seiner. Er lauschte den Worten des Reformators, wie auf eine Stimme vom Himmel: "Das Heil ist aus Gnaden; der Unschuldige wird verurteilt, der Schuldige freigesprochen." "Das Kreuz Christi allein oeffnet den Himmel, schliest allein das Tor der Hoelle." (Wylie, "History of Protestantism", 13. Buch, Kap. 2, S. 129) Freudig nahm Farel die Wahrheit an. Durch eine Bekehrung, die der des Apostels Paulus aehnlich war, wandte er sich von der Knechtschaft menschlicher Satzungen zu der Freiheit der Kinder Gottes und "war so umgewandelt, das er nicht mehr die Mordlust eines wilden Seite 213 (Englisch Seite 213,214) Wolfes hatte, sondern einem sanften Lamme glich, nachdem er sich vom Papst entfernt und ganz Christus hingegeben hatte". (D'Aubigné, ebd., 12. Buch, 3. Abschnitt, S. 295) Waehrend Faber fortfuhr, das Licht unter seinen Schuelern auszubreiten, trat Farel, der im Werke Christi ebenso eifrig wirkte wie ehedem in jenem des Papstes, oeffentlich auf, um die Wahrheit zu verkuendigen. Ein Wuerdentraeger der Kirche, der Bischof von Meaux, schlos sich ihnen bald darauf an; andere Lehrer, die wegen ihrer Faehigkeiten und ihrer Gelehrsamkeit hohes Ansehen genossen, vereinten sich mit ihnen in der Verkuendigung des Evangeliums, das Anhaenger unter allen Staenden gewann, von der Wohnung des Handwerkers und des Bauern an bis zum Palast des Koenigs. Die Schwester Franz`I., der damals auf dem Thron sas, nahm den reformierten Glauben an. Der Koenig und die Koeniginmutter schienen ihm eine Zeitlang wohlwollend gegenueberzustehen, und mit grosen Hoffnungen sahen die Reformatoren der Zeit entgegen, da Frankreich fuer das Evangelium gewonnen waere. Doch ihre Hoffnungen sollten sich nicht erfuellen. Pruefungen und Verfolgungen erwarteten die Juenger Christi, obgleich sie vor ihren Augen gnaedig verhuellt waren. Eine Zeit des Friedens trat ein, auf das sie Kraft gewoennen, dem Sturm zu begegnen. Die Reformation machte rasche Fortschritte. Der Bischof von Meaux bemuehte sich eifrig in seiner Dioezese, sowohl die Geistlichen als auch das Volk zu unterweisen. Ungebildete und unsittliche Priester wurden entlassen und soweit als moeglich durch fromme und gebildete Maenner ersetzt. Der Bischof wuenschte sehr, seine Leute moechten selbst Zugang zum Worte Gottes haben, und dies wurde bald erreicht. Faber nahm die uebersetzung des Neuen Testaments in Angriff, und gerade zur selben Zeit, als Luthers deutsche Bibel in Wittenberg die Presse verlies, wurde in Meaux das franzoesische Neue Testament veroeffentlicht. Der Bischof sparte weder Muehe noch Ausgaben, um es in seinen Pfarreien zu verbreiten, und bald waren die Bauern von Meaux im Besitz der Heiligen Schrift. Wie der vor Durst verschmachtende Wanderer mit Freuden eine sprudelnde Wasserquelle begruest, so nahmen diese Seelen die Botschaft des Himmels auf. Die Arbeiter auf dem Felde und die Handwerker Seite 214 (Englisch Seite 214,215) in ihren Werkstaetten erleichterten sich die taegliche Arbeit, indem sie von den koestlichen Wahrheiten der Bibel redeten. Statt am Abend ins Wirtshaus zu gehen, versammelten sie sich in ihren Wohnungen, um das Wort Gottes zu lesen und sich in Gebet und Lobpreisungen zu vereinen. Bald machte sich in diesen Gemeinden eine grose Veraenderung bemerkbar. Obwohl sie der bescheidensten Klasse angehoerten, ungebildet waren und schwere Landarbeit verrichteten, wurde doch die umgestaltende, erhebende Kraft der goettlichen Gnade in ihrem Leben sichtbar. Demuetig, liebend und heilig erfuellten sie das Zeugnis ihres Glaubens; eine Haltung, die das Evangelium fuer alle vollbringt, die es aufrichtig annehmen. Das zu Meaux angezuendete Licht lies seine Strahlen weit hinausleuchten. Taeglich nahm die Zahl der Neubekehrten zu. Die Wut der Priester wurde vom Koenig, der den engherzigen, blinden Eifer der Moenche verachtete, eine Zeitlang im Zaum gehalten; aber schlieslich gewannen die paepstlichen Fuehrer die Oberhand. Der Scheiterhaufen wurde aufgerichtet. Der Bischof von Meaux gezwungen zwischen Feuer und Widerruf zu entscheiden, waehlte den leichteren Weg. Obwohl der Anfuehrer fiel, die Herde blieb standhaft. Viele zeugten noch inmitten der Flammen fuer die Wahrheit. Durch ihren Mut und ihre Treue auf dem Scheiterhaufen sprachen diese demuetigen Christen zu tausenden Menschen, die in den Tagen des Friedens ihr Zeugnis nie vernommen haetten. Nicht nur die Niedrigen und Armen wagten es, sich inmitten von Spott und Leiden zu Christus zu bekennen. Auch in den fuerstlichen Gemaechern der Schloesser und Palaeste gab es edle Seelen, denen die Wahrheit mehr galt als Reichtum, Rang oder selbst das Leben. Die ritterliche Ruestung barg einen erhabeneren und standhafteren Geist als der Bischofsmantel und die Bischofsmuetze. Ludwig von Berquin war von adliger Abkunft, ein tapferer hoefischer Ritter, dem Studium zugetan, von feiner Lebensart und tadellosen Sitten. "Er war", sagt ein Schriftsteller, "ein sehr eifriger Beobachter aller paepstlichen Einrichtungen, wohnte aufs genaueste allen Messen und Predigten bei... und setzte allen seinen uebrigen Tugenden dadurch die Krone auf, das er das Luthertum ganz besonders verabscheute." Doch gleich vielen andern Menschen, die die goettliche Vorsehung zum Studium der Bibel Seite 215 (Englisch Seite 215,216) gefuehrt hatte, war er erstaunt, hier nicht etwa "die Satzungen Roms, sondern die Lehren Luthers" (Wylie, ebd., 13. Buch, Kap. 9. S. 159) zu finden, und er widmete sich von nun an ganz der Sache des Evangeliums. Berquin schien bestimmt, der Reformator seines Vaterlandes zu werden, nannten doch viele diesen Guenstling des Koenigs wegen seiner Begabung, seiner Beredsamkeit, seines unbeugsamen Mutes, seines Heldeneifers und seines Einflusses am Hofe "den Gelehrtesten unter den Adligen". Nach Beza waere Berquin vielleicht ein zweiter Luther geworden, haette er in Franz I. einen zweiten Kurfuersten gefunden. Die Roemlinge aber verschrien ihn, das er schlimmer waere als Luther; sicher ist, das sie ihn mehr fuerchteten. Sie warfen ihn als Ketzer ins Gefaengnis, doch lies ihn der Koenig wieder frei. Jahrelang zog sich der Kampf hin. Franz, zwischen Rom und der Reformation schwankend, duldete und zuegelte abwechselnd den grimmigen Eifer der Moenche. Dreimal wurde Berquin von den paepstlichen Behoerden eingekerkert, jedoch von dem Monarchen, der sich in Bewunderung seiner Geistesgaben und seines edlen Charakters weigerte, ihn der Bosheit der Priesterherrschaft preiszugeben, immer wieder freigelassen. Berquin wurde wiederholt vor der ihm in Frankreich drohenden Gefahr gewarnt, und man drang in ihn, den Schritten derer zu folgen, die in einem freiwilligen Exil Sicherheit gefunden hatten. Der furchtsame, unbestaendige Erasmus, der trotz all seiner glaenzenden Gelehrsamkeit jener moralischen Groese ermangelte, die das Leben und die Ehre der Wahrheit unterordnet, schrieb an Berquin: "Halte darum an, als Gesandter ins Ausland geschickt zu werden. Bereise Deutschland. Du kennst Beda und seinesgleichen - er ist ein tausendkoepfiges Ungeheuer, das Gift nach allen Seiten ausspeit. Deine Feinde heisen Legion. Selbst wenn deine Sache besser waere als Jesu Christi, so wuerden sie dich nicht gehen lassen, bis sie dich elendiglich umgebracht haben. Verlasse dich nicht allzusehr auf den Schutz des Koenigs. Auf jeden Fall bringe mich nicht in Ungelegenheiten bei der theologischen Fakultaet." (Erasmus, "Opus epistolarum", Bd. II, S. 1206) Doch als sich die Gefahren haeuften, wurde Bequins Eifer um so groeser. Weit davon entfernt, auf die weltklugen und eigennuetzigen Ratschlaege des Erasmus einzugehen, entschlos er sich zu noch kuehneren Seite 216 (Englisch Seite 216,217) Masnahmen. Er wollte nicht nur die Wahrheit verteidigen, sondern auch den Irrtum angreifen. Die Anschuldigung der Ketzerei, welche die Katholiken gegen ihn geltend zu machen suchten, wandte er gegen sie. Die ruehrigsten und erbittersten seiner Gegner waren die gelehrten Doktoren und Moenche an der theologischen Fakultaet der grosen Universitaet Paris, eine der hoechsten kirchlichen Autoritaeten sowohl fuer die Stadt als auch fuer die Nation. Den Schriften dieser Doktoren entnahm Berquin zwoelf Saetze, die er oeffentlich als der Heiligen Schrift zuwiderlaufend und ketzerisch erklaerte; und er wandte sich an den Koenig mit der Bitte, in dieser Sache zu entscheiden. Der Monarch, der nicht abgeneigt war, die Kraft und den Scharfsinn der sich bekaempfenden Fuehrer zu messen, freute sich, eine Gelegenheit zu haben, den Hochmut dieser stolzen Moenche zu demuetigen, und gebot ihnen, ihre Sache mit der Bibel zu verteidigen. Diese Waffe konnte ihnen, wie sie wohl wusten, wenig helfen; Einkerkerung, Marterqualen und der Scheiterhaufen waren Waffen, die sie besser zu gebrauchen verstanden. Die Lage hatte sich gewendet, und sie sahen sich im Begriff, selbst in die Grube zu fallen, in die sie Berquin stuerzen wollten. Ratlos sannen sie auf einen Weg, wie sie entkommen koennten. Um diese Zeit war ein an einer Strasenecke aufgestelltes Standbild der Jungfrau Maria verstuemmelt worden. In der Stadt herrschte grose Aufregung. Scharenweise stroemte das Volk zu der Staette und gab seinem Bedauern und seiner Entruestung ueber diese Freveltat Ausdruck. Auch der Koenig war tief betroffen. Hier bot sich eine Gelegenheit, aus welcher die Moenche grosen Vorteil ziehen konnten, und sie zoegerten nicht lange. "Dies sind die Fruechte der Lehren Berquins", riefen sie. "Alles geht seinem Umsturz entgegen - die Religion, die Gesetze, ja selbst der Thron - infolge dieser lutherischen Verschwoerung." (Wylie, ebd., 12. Buch, Kap. 9, S. 159) Wiederum setzte man Berquin gefangen. Der Koenig verlies Paris, und so hatten die Moenche Freiheit, nach eigenem Willen zu handeln. Der Reformator wurde verhoert und zum Tode verurteilt, und damit Franz zuletzt nicht noch einschritte, ihn zu retten, vollzog man das Urteil am gleichen Tage, da es ausgesprochen worden war. Um die Mittagsstunde fuehrte man Berquin zum Richtplatz. Eine ungeheure Menschenmenge hatte sich versammelt, um der Hinrichtung Seite 217 (Englisch Seite 217,218) beizuwohnen, und viele erkannten mit Staunen und Besorgnis, das das Opfer den besten und rechtschaffensten Adelsfamilien Frankreichs angehoerte. Bestuerzung, Entruestung, Verachtung und bitterer Has verfinsterten die Angesichter jener wogenden Menge; aber auf einem Antlitz ruhte kein Schatten. Die Gedanken des Maertyrers weilten weitab von jenem Schauplatz der Aufregung; er war sich nur der Gegenwart seines Herrn bewust. Der elende Sturzkarren, auf dem er sas, die duesteren Gesichtszuege seiner Verfolger, der schreckliche Tod, dem er entgegenging - all dies beachtete er nicht. Der da lebendig ist von Ewigkeit zu Ewigkeit und die Schluessel der Hoelle und des Todes hat, war ihm zur Seite. Auf Berquins Antlitz leuchtete des Himmels Licht und Friede. "Er war mit einem Samtrock sowie mit Gewaendern von Atlas und Damast angetan und trug goldbestickte Beinkleider." (D'Aubigné, "Geschichte der Reformation zu den Zeiten Calvins", 2. Buch, Kap. 16) Er stand im Begriff, seinen Glauben in Gegenwart des Koenigs aller Koenige und vor dem ganzen Weltall zu bekennen, und kein Anzeichen der Trauer sollte seine Freude Luegen strafen. Als der Zug sich langsam durch die von der Menge umdraengten Strasen bewegte, nahm das Volk mit Bewunderung den unumwoelkten Frieden und die freudige Siegesgewisheit seines Blickes und seiner Haltung war. "Er ist", sagten einige, "wie einer, der in einem Tempel sitzt und ueber heilige Dinge nachdenkt." (Wylie, ebd., 13. Buch, Kap. 9) Auf dem Scheiterhaufen versuchte Berquim einige Worte an die Menge zu richten; aber die Moenche begannen, da sie deren Folgen fuerchteten, zu schreien und die Soldaten klirrten mit ihren Waffen, das der Laerm die Stimme des Maertyrers uebertoente. "Auf diese Weise setzte im Jahre 1529 die hoechste gelehrte und kirchliche Autoritaet in dem gebildeten Paris der Bevoelkerung von 1793 das gemeine Beispiel, auf dem Schafott die ehrwuerdigen Worte eines Sterbenden zu ersticken." (Wylie, ebd. 13. Buch, Kap. 9) Berquin blieb bis zum letzten Augenblick standhaft. Er wurde vom Henker erdrosselt und sein Leichnam den Flammen uebergeben. Die Kunde von seinem Tode rief in ganz Frankreich unter den Freunden der Reformation Trauer hervor; aber sein Beispiel war nicht vergebens. Seite 218 (Englisch Seite 218) "Wir wollen", sagten die Wahrheitszeugen, "mit gutem Mut dem Tod entgegengehen, indem wir unseren Blick nach dem jenseitigen Leben richten." (D'Aubigné, ebd., 2. Buch, Kap. 16) Waehrend der Verfolgung in Meaux wurde den Lehrern des reformierten Glaubens das Recht zu predigen entzogen. Daraufhin begaben sie sich in andere Gebiete. Faber ging bald darauf nach Deutschland, waehrend Farel in seine Geburtsstadt im oestlichen Frankreich zurueckkehrte, um das Licht in der Heimat seiner Kindheit zu verbreiten. Dort waren die Vorgaenge von Meaux bereits bekannt geworden, und es fanden sich Zuhoerer, als er die Wahrheit mit unerschrockenem Eifer lehrte. Die Behoerden aber fuehlten sich veranlast, ihn zum Schweigen zu bringen und wiesen ihn aus der Stadt. Wenn er nun auch nicht laenger oeffentlich arbeiten konnte, durchzog er doch die Ebenen und Doerfer, lehrte in Privatwohnungen und auf einsam gelegenen Wiesen und fand Schutz in den Waeldern und felsigen Hoehlen, die ihm in seiner Jugend als Schlupfwinkel gedient hatten. Gott bereitete ihn fuer groesere Pruefungen vor. "Kreuz und Verfolgung und die Umtriebe Satans", schrieb er, "haben mir nicht gefehlt; sie sind staerker gewesen, als das ich aus eigener Kraft sie haette aushalten koennen; aber Gott ist mein Vater, er hat mir alle noetige Kraft verliehen und wird es auch ferner tun." (D'Aubigné, "Geschichte der Reformation", 12. Buch, 9. Abschnitt, S. 344) Wie in den apostolischen Tagen war die Verfolgung "nur mehr zur Foerderung des Evangeliums geraten". (Phil. 1,12)) Aus Paris und Meaux waren sie vertrieben worden, und "die nun zerstreut waren, gingen um und predigten das Wort". (Vgl. Apg. 8,4) Auf diese Weise fand das Licht seinen Weg in viele der entlegensten Provinzen Frankreichs. Gott bereitete noch immer Mitarbeiter darauf vor, seine Sache auszudehnen. In einer der Schulen in Paris war ein tiefsinniger, ruhiger Juengling, der bereits Beweise eines gewaltigen, durchdringenden Verstandes gegeben hatte und sich nicht weniger durch die Reinheit seines Lebens als durch vernuenftigen Eifer und religioese Hingabe auszeichnete. Seine Talente und sein Fleis machten ihn bald zum Stolz der Schule, und man sagte sich zuversichtlich, das Johannes Calvin einer der tuechtigsten und geehrtesten Verteidiger der Kirche werden wuerde. Seite 219 (Englisch Seite 219,220) Aber ein Strahl goettlichen Lichtes durchdrang sogar die Mauern der Schulweisheit und des Aberglaubens, von denen Clavin umgeben war. Mit Schaudern hoerte er von den neuen Lehren, ohne den geringsten Zweifel zu hegen, das die Ketzer das Feuer, dem sie uebergeben wurden, vollstaendig verdienten. Ganz unwissentlich jedoch kam er mit der Ketzerei unmittelbar in Beruehrung und wurde gezwungen, die Macht der paepstlichen Theologie zu pruefen, um die protestantischen Lehren zu bekaempfen. Ein Vetter Calvins, der sich der Reformation angeschlossen hatte, befand sich in Paris. Die beiden Verwandten trafen sich oft und besprachen miteinander die Angelegenheiten, welche die Christenheit beunruhigten. "Es gibt nur zwei Religionen in der Welt", sagte Olivetan, der Protestant, "die eine ist die, welche die Menschen erfunden haben und nach der die Menschen sich durch Zeremonien und gute Werke retten; die andere ist die Religion, welche in der Bibel offenbart ist und die lehrt, das die Menschen nur durch die freie Gnade Gottes selig werden koennen." "Weg mit euren neuen Lehren!" rief Calvin. "Bildet ihr euch ein, das ich mein ganzes Leben lang im Irrtum gewesen bin?" (Wylie, 13. Buch, Kap. 7) Aber in ihm waren Gedanken erweckt worden, die er nicht willkuerlich verbannen konnte. Allein in seinem Zimmer, dachte er ueber die Worte seines Vetters nach. Ein Bewustsein der Suende bemaechtigte sich seiner; er sah sich ohne Mittler in der Gegenwart eines heiligen und gerechten Richters. Die Fuersprache der Heiligen, gute Werke, die Zeremonien der Kirche, sie alle waren machtlos, fuer die Suende Genugtuung zu leisten. Calvin sah nichts vor sich als das Dunkel ewiger Verzweiflung. Vergebens bemuehten sich die Gelehrten der Kirche, seiner Angst abzuhelfen, vergebens nahm er seine Zuflucht zu Beichte und Busuebungen: seine Seele konnten sie nicht mit Gott versoehnen. Waehrend Calvin noch diese vergeblichen Kaempfe durchlebte, kam er eines Tages wie von ungefaehr an einem der oeffentlichen Plaetze vorbei und wurde dort Augenzeuge der Verbrennung eines Ketzers. Er war betroffen ueber den Ausdruck des Friedens, der auf dem Angesicht des Maertyrers ruhte. Unter den Qualen jenes furchtbaren Todes und unter der noch schrecklicheren Verdammung der Kirche bekundete er Seite 220 (Englisch Seite 220) einen Glauben und Mut, den der junge Student schmerzlich mit seiner eigenen Verzweiflung und Finsternis verglich, waehrend er doch in strengstem Gehorsam gegen die Kirche lebte. Auf die Bibel, so wuste er, stuetzten die Ketzer ihren Glauben, und er entschlos sich, die Heilige Schrift zu studieren, um womoeglich das Geheimnis ihrer Freude zu entdecken. In der Bibel fand er Christus. "O Vater!" rief er aus , "sein Opfer hat deinen Zorn besaenftigt, sein Blut hat meine Flecken gereinigt, sein Kreuz hat meinen Fluch getragen, sein Tod hat fuer mich Genugtuung geleistet. Wir hatten viel unnuetze Torheiten geschmiedet; aber du hast mir dein Wort gleich einer Fackel gegeben, und du hast mein Herz geruehrt, damit ich jedes andere Verdienst, ausgenommen das des Erloesers, verabscheue." (Calvin, opun. lat., S. 123) Calvin war fuer das Priesteramt erzogen worden. Schon im Alter von zwoelf Jahren wurde er zum Kaplan einer kleinen Gemeinde ernannt. Sein Haupt hatte der Bischof nach den Verordnungen der Kirche geschoren. Er erhielt weder eine Weihe noch erfuellte er die Pflichten eines Priesters, aber er war Mitglied der Geistlichkeit, trug den Titel seines Amtes und erhielt in Anbetracht dessen ein Gehalt. Als er nun fuehlte, das er nie ein Priester werden wuerde, widmete er sich eine Zeitlang dem Studium der Rechte, gab aber schlieslich seinen Vorsatz auf und entschlos sich, sein Leben dem Evangelium zu weihen. Er zoegerte jedoch, oeffentlich zu lehren; denn er war von Natur aus schuechtern. Das Bewustsein der grosen Verantwortlichkeit einer solchen Stellung lastete schwer auf ihm, und es verlangte ihn nach weiterem Studium. Schlieslich willigte er doch auf die ernsten Bitten seiner Freunde hin ein. "Wunderbar ist es", sagte er, "das einer von so niedriger Herkunft zu so hoher Wuerde erhoben werden sollte." (Wylie, 13. Buch, Kap. 9) Ruhig trat Calvin sein Werk an, und seine Worte waren wie der Tau, der niederfaellt, um die Erde zu erquicken. Er hatte Paris verlassen und hielt sich nun in einer Stadt in der Provinz unter dem Schutz der Prinzessin Magarete auf, den sie auch seinen Juengern zuteil werden lies, weil sie das Evangelium liebte. Calvin war noch immer ein Juengling, freundlich und anspruchslos in seinem Wesen. Seite 221 (Englisch Seite 221,222) Er begann seine Aufgabe bei den Leuten in ihren Wohnungen. Umgeben von den Angehoerigen des Haushaltes las er die Bibel und erklaerte die Heilswahrheiten. Die Zuhoerer brachten andern die frohe Kunde, und bald ging Calvin von der Stadt in die umliegenden kleineren Staedte und Doerfer. Er fand ebenso in Schloessern wie in Huetten Eingang; er machte Fortschritte und legte den Grund zu Gemeinden, aus denen unerschrockene Zeugen fuer die Wahrheit hervorgehen sollten. Einige Monate spaeter war er wieder in Paris. Im Kreise der Gebildeten und Gelehrten herrschte eine ungewohnte Aufregung. Das Studium der alten Sprachen hatte die Menschen zur Bibel gefuehrt, und viele , deren Herzen von ihren Wahrheiten unberuehrt waren, besprachen sie eifrig und stritten sogar mit den Verfechtern der roemischen Kirche. Calvin, ein tuechtiger Kaempfer auf dem Gebiete theologischer Streitigkeiten, hatte einen hoeheren Auftrag zu erfuellen als diese laermenden Schulgelehrten. Die Gemueter der Menschen waren geweckt, und jetzt war die Zeit gekommen, ihnen die Wahrheit nahezubringen. Waehrend die Hoersaele der Universitaeten von dem Geschrei theologischer Streitfragen erfuellt waren, ging Calvin von Haus zu Haus, oeffnete den Menschen das Verstaendnis der Heiligen Schrift und sprach zu ihnen von Christus, dem Gekreuzigten. Durch Gottes gnaedige Vorsehung sollte Paris wiederum eine Einladung erhalten, das Evangelium anzunehmen. Es hatte den Ruf Fabers und Farels verworfen; doch erneut sollten alle Staende in jener grosen Hauptstadt die Botschaft vernehmen. Der Koenig hatte sich politischer Ruecksichten halber noch nicht voellig fuer Rom und gegen die Reformation entschieden. Margarete hegte noch immer die Hoffnung, das der Protestantismus in Frankreich siegen wuerde. Sie bestimmte, das in Paris der reformierte Glaube gepredigt werden sollte. Waehrend der Abwesenheit des Koenigs lies sie einen protestantischen Prediger in den Kirchen der Stadt den wahren Bibelglauben verkuendigen. Als dies von den paepstlichen Wuerdentraegern verboten wurde, stellte die Fuerstin ihren Palast zur Verfuegung. Ein Gemach wurde als Kapelle hergerichtet, und dann gab man bekannt, das taeglich zu einer bestimmten Stunde eine Predigt stattfaende und das das Volk aller Staende dazu eingeladen sei. Grose Scharen stroemten zum Gottesdienst. Nicht Seite 222 (Englisch Seite 222,223) nur die Kapelle, sondern auch die Vorzimmer und Hallen waren gedraengt voll. Tausende kamen jeden Tag zusammen: Adlige, Staatsmaenner, Rechtsgelehrte, Kaufleute und Handwerker. Statt die Versammlungen zu untersagen, befahl der Koenig, in Paris zwei Kirchen zu oeffnen. Nie zu vor war die Stadt so vom Worte Gottes bewegt worden. Es schien, als waere der Geist des Lebens vom Himmel auf das Volk gekommen. Maesigkeit, Reinheit, Ordnung und Fleis traten an die Stelle von Trunkenheit, Ausschweifung, Zwietracht und Muesiggang. Die Priesterschaft war jedoch nicht muesig. Da der Koenig sich weigerte, einzuschreiten und die Predigt zu verbieten, wandte sie sich an die Bevoelkerung. Kein Mittel wurde gespart, um die Furcht, die Vorurteile und den Fanatismus der unwissenden und aberglaeubischen Menge zu erregen. Und Paris, das sich seinen falschen Lehrern blindlings ergab, erkannte wie einst Jerusalem weder die Zeit seiner Heimsuchung noch was zu seinem Frieden diente. Zwei Jahre lang wurde das Wort Gottes in der Hauptstadt verkuendigt; doch waehrend viele das Evangelium annahmen, verwarf es die Mehrheit des Volkes. Franz hatte, nur um seinem eigenen Zweck zu dienen, eine gewisse religioese Duldung an den Tag gelegt, und es gelang den paepstlichen Anhaengern, wieder die Oberhand zu gewinnen. Abermals wurden die Kirchen geschlossen und Scheiterhaufen aufgerichtet. Calvin war noch in Paris, bereitete sich durch Studium, tiefes Nachdenken und Gebet auf seine kuenftige Arbeit vor und fuhr fort, das Licht auszubreiten. Schlieslich geriet auch er in den Verdacht der Ketzerei. Die Behoerden beschlossen, ihn den Flammen zu uebergeben. Da er sich in seiner Abgeschiedenheit auser jeder Gefahr waehnte, dachte er an nichts Boeses. Ploetzlich eilten Freunde auf sein Zimmer mit der Nachricht, das Beamte auf dem Wege seien, ihn zu verhaften. Im selben Augenblick vernahmen sie lautes Klopfen am aeuseren Eingang. Es galt, keine Zeit zu verlieren. Einige Freunde hielten die Beamten an der Tuer auf, waehrend andere dem Reformator behilflich waren, sich durchs Fenster hinunterzulassen und schnell aus der Stadt zu entkommen. Er fand Zuflucht in der Huette eines Arbeiters, der ein Freund der Reformation war; dort verkleidete er sich, indem er einen Anzug seines Gastgebers anzog und setzte mit einer Hacke auf der Seite 223 (Englisch Seite 223,224) Schulter die Reise fort. Seine Schritte nach dem Sueden lenkend, fand er wiederum eine Zuflucht, diesmal auf den Besitzungen Margaretes von Parma. (D'Aubigné, "Geschichte der Reformation zu den Zeiten Calvins", 2. Buch, Kap. 30) Hier blieb er einige Monate, sicher unter dem Schutz maechtiger Freunde, und befaste sich wie zuvor mit seinen Studien. Aber sein Herz war auf die Verbreitung des Evangeliums in Frankreich bedacht, er konnte nicht lange untaetig bleiben. Sobald der Sturm sich etwas gelegt hatte, suchte er ein neues Arbeitsfeld in Poitiers, wo eine Universitaet war, und wo man die neue Auffassungen bereits guenstig aufgenommen hatte. Leute aller Staende lauschten freudig dem Evangelium. Es wurde nicht oeffentlich gepredigt; aber im Hause des Oberbuergermeisters, in seiner eigenen Wohnung und zuweilen in einer oeffentlichen Gartenanlage erschlos Calvin die Worte des Lebens denen, die sie hoeren wollten. Als die Zahl seiner Zuhoerer wuchs, hielt man es fuer sicherer, sich auserhalb der Stadt zu versammeln. Eine Hoehle an der Seite einer tiefen, engen Bergschlucht, wo Baeume und ueberhaengende Felsen die Abgeschiedenheit vervollstaendigten, wurde als Versammlungsort gewaehlt. Kleine Gruppen, die die Stadt auf verschiedenen Wegen verliesen, fanden ihren Weg dorthin. An diesem abgelegenen Ort wurde die Bibel gelesen und ausgelegt. Hier wurde zum erstenmal von den Protestanten Frankreichs das heilige Abendmahl gefeiert. Diese kleine Gemeinde sandte mehrere treue Evangelisten aus. Noch einmal kehrte Calvin nach Paris zurueck. Auch jetzt konnte er die Hoffnung noch nicht aufgeben, das Frankreich als Ganzes die Reformation annehmen werde. Aber er fand fast ueberall verschlossene Tueren. Das Evangelium lehren, hies den geraden Weg auf den Scheiterhaufen einschlagen, und er entschlos sich schlieslich, nach Deutschland zu gehen. Kaum hatte Calvin Frankreich verlassen, brach der Sturm ueber die Protestanten herein, der ihn, waere er laenger dort geblieben, sicherlich mit in das allgemeine Verderben gerissen haette. Die franzoesischen Reformatoren, die ernstlich wuenschten, das ihr Land mit Deutschland und der Schweiz Schritt hielte, beschlossen gegen die aberglaeubischen Gebraeuche Roms einen kuehnen Streich zu fuehren, der die ganze Nation aufwecken sollte. Demgemaes wurden in Seite 224 (Englisch Seite 224) einer Nacht in ganz Frankreich Plakate gegen die Messe angeschlagen. Statt die Reformation zu foerdern, brachte jedoch dieser eifrige aber unkluge Schritt nicht nur seinen Urhebern, sondern auch den Freunden des reformierten Glaubens in ganz Frankreich Verderben. Er lieferte den Katholiken den schon lange erwuenschten Vorwand, um die gaenzliche Ausrottung der Ketzer als Aufruehrer, die der Sicherheit des Thrones und dem Frieden der Nation gefaehrlich waeren, zu verlangen. Von unbekannter Hand - ob der eines unbesonnen Freundes oder eines verschlagenen Feindes stellte sich nie heraus - wurde eines der Plakate an der Tuer des koeniglichen Privatgemaches befestigt. Der Monarch war entsetzt. In dieser Schrift wurden aberglaeubische Gebraeuche, die jahrhundertelang bestanden hatten, schonungslos angegriffen. Die beispiellose Verwegenheit, diese ungeschminkten und erschreckenden aeuserungen vor ihn zu bringen, erregte seinen Zorn. Vor Entsetzen stand er einen Augenblick bebend und sprachlos, dann brach seine Wut mit den schrecklichen Worten los: "Man ergreife ohne Unterschied alle, die des Luthertums verdaechtigt sind... Ich will sie alle ausrotten." (D'Aubigné, ebd., 4. Buch, Kap. 10) Die Wuerfel waren gefallen. Der Koenig hatte entschieden, sich ganz auf die Seite Roms zu stellen. Sofort wurden Masnahmen ergriffen, jeden Lutheraner in Paris zu verhaften. Ein armer Handwerker, Anhaenger des reformierten Glaubens, der die Glaeubigen zu ihren geheimen Versammlungen aufzufordern pflegte, wurde festgenommen, und man gebot ihm unter Androhung des sofortigen Todes auf dem Scheiterhaufen, den paepstlichen Boten in die Wohnung eines jeden Protestanten in der Stadt zu fuehren. Entsetzt schreckte er vor diesem gemeinen Antrag zurueck; doch schlieslich siegte die Furcht vor den Flammen, und er willigte ein, der Verraeter seiner Brueder zu werden. Mit der vor ihm hergetragenen Hostie und von einem Gefolge von Priestern, Weihrauchtraegern, Moenchen und Soldaten umgeben, zog Morin, der koenigliche Kriminalrichter mit dem Verraeter langsam und schweigend durch die Strasen der Stadt. Der Zug sollte scheinbar zu Ehren "des heiligen Sakramentes" sein, eine versoehnende Handlung fuer die Beleidigungen, welche die Protestierenden der Messe zugefuegt hatten. Doch unter diesem Aufzug verbarg sich eine toedliche Absicht. Kamen sie an dem Hause eine Lutheraners Seite 225 (Englisch Seite 224,225) vorbei, gab der Verraeter ein Zeichen; kein Wort wurde gesprochen. Der Zug machte Halt, das Haus wurde betreten, die Familie herausgeschleppt und in Ketten gelegt, und die schreckliche Schar ging weiter, um neue Opfer aufzusuchen. "Er schonte weder grose noch kleine Haeuser noch die Gebaeude der Universitaet... Vor Morin zitterte die ganze Stadt... Es war eine Zeit der Schreckensherrschaft." ( D'Aubigné, ebd., 4. Buch, Kap. 10) Die Opfer wurden unter grausamen Schmerzen getoetet; denn ein besonderer Befehl war ergangen, das Feuer abzuschwaechen, um die Qualen der Opfer zu verlaengern. Sie starben jedoch als Sieger. Ihre Standhaftigkeit blieb unerschuettert, ihr Friede ungetruebt. Ihre Verfolger, die ihrer unbeugsamen Festigkeit gegenueber machtlos waren, fuehlten sich geschlagen. "Scheiterhaufen wurden in allen Stadtteilen von Paris errichtet, und das Verbrennen erfolgte an verschiedenen aufeinanderfolgenden Tagen in der Absicht, durch Ausdehnung der Hinrichtungen Furcht vor der Ketzerei zu verbreiten. Der Vorteil blieb jedoch schlieslich auf der Seite des Evangeliums. Ganz Paris konnte sehen, was fuer Maenner die neuen Lehren hervorbrachten! Keine Kanzel konnte so beredt sein wie der Scheiterhaufen des Maertyrers. Die stille Freude, die auf den Angesichtern jener Maenner ruhte, wenn sie dem Richtplatz zuschritten, ihr Heldenmut inmitten der peinigenden Flammen, ihr sanftmuetiges Vergeben der Beleidigungen wandelten nicht selten den Zorn in Mitleid und den Has in Liebe um und zeugten mit unwiderstehlicher Beredsamkeit fuer das Evangelium." (Wylie, 13. Buch, Kap. 20) Die Priester, die es darauf abgesehen hatten, die Wut des Volkes aufrechtzuerhalten, verbreiteten die schrecklichsten Anklagen gegen die Protestanten. Man beschuldigte sie, sich verbunden zu haben, den Koenig zu ermorden, die Katholiken hinzuschlachten und die Regierung zu stuerzen. Aber sie konnten nicht den geringsten Beweis zur Unterstuetzung dieser Behauptungen erbringen. Doch sollten diese Vorhersagen kommenden Unheils erfuellt werden, wenn auch unter ganz andersartigen Umstaenden und aus entgegengesetzten Ursachen. Die von den Katholiken an den unschuldigen Protestanten veruebten Grausamkeiten haeuften sich zu einer Last der Vergeltung und beschworen in spaeteren Jahrhunderten gerade das Schicksal herauf, das sie dem Koenig, seiner Regierung und seinen Untertanen prophezeit hatten; Seite 226 (Englisch Seite 226,227) aber es wurde durch Unglaeubige und durch die paepstlichen Anhaenger selbst herbeigefuehrt. Es war nicht die Aufrichtung, sondern die Unterdrueckung des Protestantismus, die dreihundert Jahre spaeter diese schrecklichen Heimsuchungen ueber Frankreich bringen sollte. Argwohn, Mistrauen und Entsetzen durchdrangen nun alle Klassen der Gesellschaft. Inmitten der allgemeinen Aufregung zeigte es sich wie tief die lutherische Lehre in den Herzen der Maenner Wurzel gefast hatte, die sich durch ihre Bildung, ihren Einflus und ihren vorzueglichen Charakter auszeichneten. Vertrauensstellungen und Ehrenposten fand man ploetzlich unbesetzt. Handwerker, Drucker, Gelehrte, Professoren der Universitaeten, Schriftsteller, ja sogar Hoeflinge verschwanden. Hunderte flohen aus Paris und verliesen freiwillig ihre Heimat und gaben dadurch in vielen Faellen kund, das sie den reformierten Glauben beguenstigten. Die Katholiken blickten erstaunt um sich bei dem Gedanken an die Ketzer, die man ahnungslos in ihrer Mitte geduldet hatte. Ihre Wut liesen sie an den zahlreichen niedrigeren Opfern aus, die sich in ihrer Gewalt befanden. Die Gefaengnisse waren gedraengt voll und der Himmel schien verdunkelt durch den Rauch der brennenden Scheiterhaufen, die fuer die Bekenner des Evangeliums angezuendet waren. Franz I. hatte sich geruehmt, ein Bahnbrecher der Wiederbelebung der Gelehrsamkeit zu sein, die den Beginn des 16. Jahrhunderts kennzeichnete. Es hatte ihm Freude gemacht, gelehrte Maenner aus allen Laendern an seinem Hof zu versammeln. Seine Liebe zur Gelehrsamkeit und seiner Verachtung der Unwissenheit und des Aberglaubens der Moenche verdankte man wenigstens zum Teil den Grad religioeser Duldung, die der Reformation gewaehrt worden war. Aber von dem Eifer angetrieben, die Ketzerei auszurotten, erlies dieser Schutzherr der Wissenschaft ein Edikt, welches in ganz Frankreich das Drucken verbot. Franz I. lieferte eins der vielen Beispiele in der Geschichte, die beweisen, das geistige Bildung nicht vor religioeser Unduldsamkeit und Verfolgung schuetzt. Durch eine feierliche und oeffentliche Handlung sollte Frankreich sich voellig zur Vernichtung des Protestantismus hergeben. Die Priester verlangten, das der dem Himmel durch Verdammung der Messe widerfahrene Schimpf durch Blut gesuehnt werden muesse, und das der Koenig Seite 227 (Englisch Seite 227) um seines Volkes willen dieses schreckliche Werk oeffentlich gutheisen solle. Der 21. Januar 1535 wurde fuer diese schreckliche Handlung bestimmt. Die aberglaeubischen Befuerchtungen und der blinde Has des gesamten Volkes waren geweckt worden. Die Strasen von Paris fuellte eine Menschenmenge, die sich aus der ganzen umliegenden Gegend eingefunden hatte. Der Tag sollte durch eine grosartige, prunkvolle Prozession eingeleitet werden. Die Haeuser, an denen der Zug vorueberfuehren sollte, waren mit Trauerflor behangen, und hier und da erhoben sich Altaere. Vor jeder Tuer befand sich zu Ehren des "heiligen Sakramentes" eine brennende Fackel. Der Festzug bildete sich vor Tagesanbruch im koeniglichen Palast. "Zuerst kamen die Banner und Kreuze der verschiedenen Kirchspiele, dann erschienen paarweise Buerger mit Fackeln in den Haenden." Ihnen folgten die Vertreter der vier Moenchsorden, jeder in seiner ihm eigenen Tracht. Dann kam eine grose Sammlung beruehmter Reliquien. Hinter diesen ritten Kirchenfuersten in ihren Pupur- und Scharlachgewaendern und ihrem Juwelenschmuck - eine prunkvolle, glaenzende Anordnung. "Die Hostie wurde von dem Bischof von Paris unter einem kostbaren Baldachin,... der von vier Prinzen von Gebluet gehalten wurde, einhergetragen... Hinter der Hostie ging der Koenig... Franz I. trug weder Krone noch koenigliche Gewaender; mit entbloestem Haupt und gesenktem Blick, in der Hand eine brennende Kerze haltend", erschien der Koenig von Frankreich "als ein Buesender". (Wylie, 13. Buch, Kap. 21) Vor jedem Altar verneigte er sich in Demut, nicht wegen der Laster, die seine Seele verunreinigten, oder um des unschuldigen Blutes willen, das seine Haende befleckte, sondern um die Todsuende seiner Untertanen zu versoehnen, die es gewagt hatten, die Messe zu verdammen. Ihm folgten die Koenigin und paarweise die Wuerdentraeger des Staates, jeder mit einer brennenden Kerze. Als einen Teil des Dienstes an jenem Tage hielt der Monarch selbst im grosen Saal des bischoeflichen Palastes eine Ansprache an die hohen Beamten des Reiches. Mit sorgenvoller Miene erschien er vor ihnen und beklagte mit bewegten Worten "den Frevel, die Gotteslaesterung, den Tag des Schmerzes und der Schande", der ueber das Volk hereingebrochen Seite 228 (Englisch Seite 227,228) sei. Dann forderte er jeden treuen Untertanen auf, an der Ausrottung der verderblichen Ketzerei mitzuhelfen, die Frankreich mit dem Untergang bedrohe. "So wahr ich euer Koenig bin, ihr Herren, wueste ich eines meiner eigenen Glieder von dieser abscheulichen Faeulnis befleckt und angesteckt, ich liese es mir von euch abhauen... Noch mehr: saehe ich eines meiner Kinder damit behaftet, ich wuerde sein nicht schonen... Ich wuerde es selbst ausliefern und Gott zum Opfer bringen!" Traenen erstickten seine Rede, die ganze Versammlung weinte und rief einstimmig: "Wir wollen leben und sterben fuer den katholischen Glauben!" (D'Aubginé, 4. Buch, Kap. 12) Schrecklich war die Finsternis des Volkes geworden, welches das Licht der Wahrheit verworfen hatte. "Die heilsame Gnade" war ihm erschienen; doch Frankreich hatte sich, nachdem es ihre Macht und Heiligkeit geschaut, nachdem Tausende von ihrem goettlichen Reiz gefesselt, Staedte und Weiler von ihrem Glanz erleuchtet worden waren, abgewandt und die Finsternis dem Licht vorgezogen. Es hatte die himmlische Gabe von sich gewiesen, als sie ihm angeboten wurde. Es hatte Boeses gut und Gutes boese geheisen, bis es ein Opfer seiner hartnaeckigen Selbsttaeuschung geworden war. Und wenn es jetzt auch wirklich glauben mochte, Gott einen Dienst zu erweisen, indem es dessen Kinder verfolgte, so konnte seine Aufrichtigkeit doch nicht seine Schuld abtragen. Frankreich hatte das Licht, das es vor Taeuschung und vor dem Makel der Blutschuld haette bewahren koennen, eigenwillig verworfen. In der grosen Kathedrale, wo fast drei Jahrhunderte spaeter die "Goettin der Vernunft" von einem Volk auf den Thron gehoben wurde, das den lebendigen Gott vergessen hatte, dort legten die Teilnehmer der Prozession einen feierlichen Eid ab, die Ketzerei auszurotten. Von neuem bildete sich der Zug, und die Vertreter Frankreichs schickten sich an, das Werk zu beginnen, das sie geschworen hatten, auszufuehren. "In geringen Zwischenraeumen waren Gerueste errichtet worden, auf denen gewisse Protestanten lebendig verbrannt werden sollten, und es war bestimmt worden, die Holzscheite beim Herannahen des Koenigs anzuzuenden, damit die Prozession anhalten und Augenzeuge der Hinrichtung sein moechte." (Wylie, 13. Buch, Kap. 21) Die Einzelheiten der von diesen Seite 229 (Englisch Seite 228,229) Zeugen fuer Christus ausgestandenen Qualen sind zu schauerlich, um angefuehrt zu werden; doch die Opfer wurden nicht schwankend. Als man auf sie eindrang, zu widerrufen, antwortete einer der Maertyrer: "Ich glaube nur, was die Propheten und Apostel ehemals gepredigt haben und was die ganze Gemeinschaft der Heiligen geglaubt hat. Mein Glaube setzt seine Zuversicht auf Gott und wird aller Gewalt der Hoelle widerstehen." (D'Aubigné, 4. Buch, Kap. 12) Immer wieder hielt die Prozession an den Marterstaetten an. Nachdem sie zu ihrem Ausgangspunkt, dem koeniglichen Palast, zurueckgekehrt war, verlief sich die Menge, und der Koenig und die Praelaten zogen sich, mit den Vorgaengen des Tages zufrieden, zurueck und beglueckwuenschten sich in der Hoffnung, das das eben begonnene Werk bis zur gaenzlichen Ausrottung der Ketzerei erfolgreich fortgesetzt werden koennte. Das Evangelium des Friedens, das Frankreich verworfen hatte, war nur zu sicher ausgewurzelt worden, und schrecklich sollten die Folgen sein. Am 21. Januar 1793, 258 Jahre nach jenen Tagen der Verfolgung der Reformation in Frankreich, zog ein anderer Zug mit einem ganz anderen Zweck durch die Strasen von Paris. "Abermals war der Koenig die Hauptperson, abermals erhoben sich Tumult und Laerm; wiederum wurde der Ruf nach mehr Opfern laut; aufs neue gab es schwarze Schafotte, und nochmals wurden die Auftritte des Tages mit schrecklichen Hinrichtungen beschlossen. Ludwig XVI., der sich den Haenden seiner Kerkermeister und Henker zu entwinden strebte, wurde auf den Henkerblock geschleppt und hier mit Gewalt gehalten, bis das Beil gefallen war und sein abgeschlagenes Haupt auf das Schafott rollte." (Wylie, 13. Buch, Kap. 21) Doch der Koenig war nicht das einzige Opfer; nahe an der gleichen Staette kamen waehrend der blutigen Tage der Schreckensherrschaft 2800 Menschen durch die Guillotine ums Leben. Die Reformation hatte der Welt eine allen zugaengliche Bibel angeboten, indem sie das Gesetz Gottes aufschlos und seine Ansprueche auf das Gewissen des Volkes geltend machte. Die unendliche Liebe hatte den Menschen die Grundsaetze und Ordnungen des Himmels entfaltet. Gott hatte gesagt: "So behaltet's nun und tut es. Denn das wird eure Weisheit und Verstand sein bei allen Voelkern, wenn sie Seite 230 (Englisch Seite 229,230) hoeren werden alle diese Gebote, das sie muessen sagen: Ei, welch weise und verstaendige Leute sind das und ein herrlich Volk!" (5. Mose 4,6) Als Frankreich die Gabe des Himmels verwarf, saete es den Samen der Gesetzlosigkeit und des Verderbens; und die unausbleibliche Entwicklung von Ursache und Wirkung gipfelte in der Revolution und der Schreckensherrschaft. Schon lange vor der durch jene Plakate heraufbeschworenen Verfolgung hatte sich der kuehne und eifrige Farel gezwungen gesehen, aus seinem Vaterland zu fliehen. Er begab sich in die Schweiz, trug durch sein Wirken, Zwinglis Werk unterstuetzend, dazu bei, den Ausschlag zugunsten der Reformation zu geben. Seine spaeteren Jahre verbrachte er hier, fuhr jedoch fort, einen entschiedenen Einflus auf die Reformation in Frankreich auszuueben. Waehrend der ersten Jahre seiner freiwilligen Verbannung waren seine Bemuehungen ganz besonders auf die Ausbreitung der Reformation in seinem Geburtsland gerichtet. Er verwandte viel Zeit auf die Predigt des Evangeliums unter seinen Landsleuten nahe der Grenze, wo er mit unermuedlicher Wachsamkeit den Kampf verfolgte und mit ermutigenden Worten und Ratschlaegen half. Mit Hilfe anderer Verbannter wurden die Schriften der deutschen Reformatoren ins Franzoesische uebersetzt und zusammen mit der franzoesischen Bibel in grosen Auflagen gedruckt. Wandernde Buchhaendler verkauften diese Werke in ganz Frankreich, und da sie ihnen zu niedrigen Preisen geliefert wurden, ermoeglichte es ihnen der Gewinn aus dieser Arbeit, diese Aufgabe fortzusetzen. Farel trat seine Arbeit in der Schweiz unter dem bescheidenen Gewande eines Schullehrers an. Auf einem abgeschiedenen Kirchspiel widmete er sich der Erziehung der Kinder. Auser den gewoehnlichen Lehrfaechern fuehrte er vorsichtig die Wahrheiten der Bibel ein und hoffte, durch die Kinder die Eltern zu erreichen. Etliche glaubten; aber die Priester traten dazwischen, um das Werk Christi aufzuhalten, und die aberglaeubischen Landleute wurden aufgehetzt, sich ihm zu widersetzen. Das koenne nicht das Evangelium Christi sein, betonten die Priester, wenn dessen Predigt keinen Frieden, sondern Krieg bringe. Gleich den ersten Juengern floh Farel, wenn er in einer Stadt verfolgt wurde, in eine andere, wanderte von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, Seite 231 (Englisch Seite 230,231) ertrug Hunger, Kaelte und Muedigkeit und war ueberall in Lebensgefahr. Er predigte auf Marktplaetzen, in Kirchen, mitunter auf den Kanzeln der Kathedralen. Manchmal fand er die Kirche ohne Zuhoerer; zuweilen wurde seine Predigt von Geschrei und Spott unterbrochen, ja, er wurde sogar gewaltsam von der Kanzel heruntergerissen. Mehr als einmal griff in der Poebel an und schlug ihn fast tot. Dennoch draengte Farel vorwaerts, wenn er auch oft zurueckgeschlagen wurde. Mit unermuedlicher Ausdauer wandte er sich immer wieder dem Kampfe zu, und nach und nach sah er Doerfer und Staedte, die zuvor Hochburgen des Papsttums gewesen waren, dem Evangelium ihre Tore oeffnen. Das kleine Kirchspiel, in dem er mit seiner Arbeit begonnen hatte, nahm bald den reformierten Glauben an. Auch die Staedte Murten und Neuenburg gaben die roemischen Braeuche auf und entfernten die Bilder aus ihren Kirchen. Schon lange hatte Farel gewuenscht, die protestantische Fahne in Genf aufzupflanzen. Koennte diese Stadt gewonnen werden, sie waere der Mittelpunkt fuer die Reformation in Frankreich, in der Schweiz und in Italien. Mit diesem Ziel im Auge hatte er seine Arbeit fortgesetzt, bis viele der umliegenden Staedte und Ortschaften gewonnen worden waren. Dann ging er mit einem einzigen Gefaehrten nach Genf. Aber nur zwei Predigten durfte er dort halten. Die Priester, die sich umsonst bemuehten hatten, von den zivilen Behoerden seine Verurteilung zu erlangen, beschieden ihn jetzt vor einen Kirchenrat, zu dem sie sich mit unter den Kleidern verborgenen Waffen begaben, entschlossen, ihn zu toeten. Vor der Halle sammelte sich eine wuetende Menge mit Knuetteln und Schwertern, um ihn umzubringen, falls es ihm gelingen sollte, dem Rat zu entrinnen. Die Anwesenheit weltlicher Beamter und eine bewaffnete Macht retteten ihn jedoch. Frueh am naechsten Morgen wurde er mit seinem Gefaehrten ueber den See an einen sicheren Ort gebracht. So endete dieser Versuch, Genf das Evangelium zu verkuendigen. Fuer den naechsten Versuch wurde ein einfacheres Werkzeug erwaehlt - ein junger Mann von so bescheidenem Aussehen, das ihn sogar die offenherzigen Freunde der Reformation kalt behandelten. Was konnte ein solcher auch da tun, wo Farel verworfen worden war? Wie konnte einer, der wenig Mut und Erfahrung besas, dem Sturm widerstehen, der die Staerksten und Tapfersten zur Flucht gezwungen hatte? "Es soll Seite 232 (Englisch Seite 231,232) nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth." (Sach. 4,6) "Was toericht ist vor der Welt, das hat Gott erwaehlt, das er die Weisen zu Schanden mache", "denn die goettliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind; und die goettliche Schwachheit ist staerker, als die Menschen sind." (1. Kor. 1, 27. 25) Froment begann seine Aufgabe als Schulmeister. Die Wahrheiten, die er die Kinder in der Schule lehrte, wiederholten diese zu Hause; bald kamen die Eltern, um den Bibelerklaerungen zu lauschen, und das Schulzimmer fuellte sich mit aufmerksamen Zuhoerern. Neue Testamente und kleinere Schriften wurden reichlich verteilt und erreichten viele Menschen, die es nicht wagten, offen zu kommen, um die neuen Lehren zu hoeren. Bald wurde auch dieser Prediger des Wortes Gottes zur Flucht gezwungen; aber die Wahrheiten, die er gelehrt hatte, waren in die Herzen des Volkes gedrungen. Die Reformation war gepflanzt worden, sie wurde staerker und dehnte sich aus. Die Prediger kehrten zurueck, und durch ihre Arbeit wurde schlieslich der protestantische Gottesdienst in Genf eingefuehrt. Die Stadt hatte sich bereits zur Reformation bekannt als Calvin nach verschiedenen Wanderungen und Wechselfaellen ihre Tore betrat. Von einem letzten Besuch seines Geburtsortes zurueckkehrend, befand er sich auf dem Wege nach Basel; doch da er die direkte Strase von den Truppen Karls V. besetzt fand, sah er sich gezwungen, den Umweg ueber Genf zu nehmen. In diesem Besuch erkannte Farel die Hand Gottes. Obgleich Genf den reformierten Glauben angenommen hatte, blieb dort noch immer eine grose Aufgabe zu erfuellen. Nicht als Gemeinschaften, sondern als Einzelwesen muessen Menschen zu Gott bekehrt werden; das Werk der Wiedergeburt mus im Herzen und Gewissen durch die Kraft des Heiligen Geistes und nicht durch Konzilienbeschluesse bewirkt werden. Waehrend die Genfer wohl die Botmaesigkeit Roms abgeschuettelt hatten, waren sie jedoch noch nicht bereit, die Laster zu fliehen, welche unter Roms Herrschaft gediehen waren. Hier die reinen Grundsaetze des Evangeliums einzufuehren und dies Volk zuzubereiten, wuerdig die Stellung auszufuellen, zu der die Vorsehung es berufen zu haben schien, das war keine leichte Aufgabe. Seite 233 (Englisch Seite 232,233) Farel war ueberzeugt, das er in Calvin jemand gefunden hatte, der sich ihm bei dieser Aufgabe anschliesen konnte. Im Namen Gottes beschwor er den jungen Prediger feierlich, in Genf zu bleiben und da zu arbeiten. Calvin erschrak sehr. Furchtsam und friedliebend, schreckte er zurueck vor der Beruehrung mit dem kuehnen, unabhaengigen, ja sogar heftigen Geist der Genfer. Seine geschwaechte Gesundheit und die Gewohnheit, zu studieren und zu forschen, veranlasten ihn, die Zurueckgezogenheit zu suchen. In der Meinung, der Reformation am besten durch seine Feder dienen zu koennen, wuenschte er sich ein ruhiges Plaetzchen zum Studium, um dort vermittels der Druckpresse die Gemeinden zu unterweisen und aufzubauen. Aber Farels feierliche Ermahnung kam zu ihm wie ein Ruf vom Himmel, und er wagte es nicht, sich zu widersetzen. Es schien ihm, wie er sagte, "als ob die Hand Gottes vom Himmel herab ausgereckt ihn ergriffen und unwiderruflich an den Ort gesetzt habe, den er so gern verlassen wollte". (D'Aubigné, 9. Buch, Kap. 17) Zu dieser Zeit umgaben die protestantische Sache grose Gefahren. Die Bannflueche des Papstes donnerten gegen die Stadt Genf, und maechtige Nationen bedrohten sie mit Vernichtung. Wie sollte die kleine Stadt der gewaltigen Priestermacht widerstehen, die so oft Koenige und Kaiser gezwungen hatte, sich zu unterwerfen? Wie koennte sie den Heeren der grosen Eroberer der Welt standhalten? In der ganzen Christenheit drohten dem Protestantismus furchtbare Feinde. Als die ersten Siege der Reformation erfochten waren, sammelte Rom neue Kraefte in der Hoffnung, ihre Vernichtung zu vollfuehren. Um diese Zeit wurde der Jesuitenorden (*) gestiftet. Von irdischen Banden und menschlichen Beziehungen abgeschnitten, den Anspruechen natuerlicher Neigungen abgestorben, die Vernunft und das Gewissen voellig zum Schweigen gebracht, kannten seine Mitglieder keine Herrschaft, keine Verbindung als nur die ihres Ordens und keine andere Pflicht als die, seine Macht auszudehnen. Das Evangelium Christi hatte seine Anhaenger befaehigt, ungeachtet der Kaelte, des Hungers, der Muehe und Armut Gefahren zu begegnen und Leiden zu erdulden und das Banner der Wahrheit angesichts des Kerkers, der Folter und des Scheiterhaufens hochzuhalten. Um diese Maenner zu bekaempfen, Seite 234 (Englisch Seite 233,234) begeisterte das Jesuitentum seine Anhaenger mit einem fanatischen Glaubenseifer, der ihnen die Moeglichkeit gab, gleiche Gefahren zu erdulden und der Macht der Wahrheit alle Waffen der Taeuschung gegenueberzustellen. Durch ein Geluebde an staendige Armut und Niedrigkeit gebunden, richtete sich ihr Streben darauf, Reichtum und Macht zu erlangen, um beides zum Sturz des Protestantismus und zur Wiederherstellung der paepstlichen Oberherrschaft zu verwenden. Als Mitglieder ihres Ordens erschienen sie unter dem Deckmantel der Heiligkeit, besuchten Gefaengnisse und Krankenhaeuser, halfen den Kranken und Armen, gaben vor, der Welt entsagt zu haben und trugen den heiligen Namen Jesu, der umhergegangen war, Gutes zu tun. Aber unter diesem tadellosen aeusseren wurden oft die gewissenlosesten und toedlichsten Absichten verborgen. Es war ein Hauptgrundsatz des Ordens, das der Zweck die Mittel heilige. Durch diese Regel wurden Luege, Diebstahl, Meineid, Meuchelmord nicht nur verzeihlich, sondern sogar lobenswert, wenn sie dem Interesse der Kirche dienten. Unter den verschiedensten Masken bahnten sich die Jesuiten ihren Weg zu Staatsaemtern, arbeiteten sich zu Ratgebern der Koenige empor und leiteten die Politik der Nationen. Sie wurden Diener, um als Spione ihre Herren zu ueberwachen. Sie errichteten Hochschulen fuer die Soehne der Fuersten und Adligen und Schulen fuer das gewoehnliche Volk und brachten die Kinder protestantischer Eltern dahin, das sie paepstlichen Gebraeuchen huldigten. Der ganze aeusserliche Glanz und Prunk des paepstlichen Gottesdienstes sollte darauf hinwirken, den Verstand zu verwirren, das Gemuet zu beeindrucken und die Einbildungskraft zu blenden und zu fesseln. Auf diese Weise wurde die Freiheit, fuer die die Vaeter gearbeitet und geblutet hatten, von den Soehnen verraten. Rasch breitete sich die jesuitische Bewegung ueber ganz Europa aus, und wohin sie auch kamen, bewirkten sie eine Wiederbelebung des Papsttums. Um ihnen groesere Macht zu geben, wurde eine Bulle erlassen, die die Inquisition wieder einfuehrte. Trotz des allgemeinen Abscheus, mit dem man die Inquisition sogar in katholischen Laendern betrachtete, wurde dieses schreckliche Gericht von paepstlichen Herrschern aufs neue eingesetzt, und Abscheulichkeiten, die zu schrecklich sind, um ans Tageslicht gebracht zu werden, wurden in den verborgenen Kerkern Seite 235 (Englisch Seite 234,235) wieder begangen. In zahlreichen Laendern wurden Tausende und aber Tausende, die Bluete der Nation, die Reinsten und Edelsten, die Intelligentesten und Gebildetesten, fromme und ergebene Prediger, arbeitsame und vaterlandsliebende Buerger, grosse Gelehrte, begabte Kuenstler und tuechtige Gewerbetreibende erschlagen oder gezwungen, in andere Laender zu fliehen. Das waren die Mittel, die Rom ersonnen hatte, um das Licht der Reformation auszuloeschen, den Menschen die Bibel zu entziehen und die Unwissenheit und den Aberglauben des Mittelalters wiederherzustellen. Aber durch Gottes Segen und durch die Bemuehungen jener edlen Maenner, die der Herr als Luthers Nachfolger erweckt hatte, wurde der Protestantismus nicht besiegt. Nicht der Gunst oder dem Arm der Fuersten sollte er seine Staerke verdanken. Die kleinsten Laender, die bescheidensten und am wenigsten maechtig zu nennenden Voelker wurden seine Bollwerke. Da war das kleine Genf inmitten starker Feinde, die auf seinen Untergang bedacht waren; da war Holland mit seinen sandigen Kuesten an der Nordsee, das gegen die Tyrannei Spaniens kaempfte, damals das groeste der Koenigreiche; da war das rauhe, unfruchtbare Schweden; sie alle errangen Siege fuer die Reformation. Fast dreissig Jahre lang arbeitete Calvin in Genf, einmal, um dort eine Gemeinde zu gruenden, die sich an die reine Sittlichkeit der Bibel hielte, und dann, um die Reformation ueber ganz Europa auszudehnen. Seine Art und Weise als oeffentlicher Lehrer war nicht ohne Fehler, noch waren seine Lehren frei von Irrtum. Aber er war das Werkzeug der Verkuendigung der grosen Wahrheiten, die in seiner Zeit von besonderer Wichtigkeit waren, zur Aufrechterhaltung der Grundsaetze des Protestantismus gegen die rasch zurueckkehrende Flut des Papsttums und zur Foerderung eines reinen und einfachen Lebens in den reformierten Gemeinden an Stelle des Stolzes und der Verderbnis, die durch die paepstlichen Lehren genaehrt wurden. Von Genf gingen nicht nur Schriften hinaus, sondern auch Lehrer wurden ausgesandt, um die reformierten Lehren zu vertreten. Nach Genf schauten die Verfolgten aller Laender, um Belehrung, Rat und Ermutigung zu erlangen. Die Stadt Calvins wurde zu einer Zufluchtsstaette fuer die verfolgten Reformatoren des ganzen westlichen Europa. Auf der Flucht vor den schrecklichen Stuermen, die jahrhundertelang anhielten, Seite 236 (Englisch Seite 235,236) kamen die Fluechtlinge an die Tore Genfs. Ausgehungert, verwundet, der Heimat und der Verwandten beraubt, wurden sie herzlich empfangen und liebevoll versorgt. Die hier eine Heimat fanden, gereichten der Stadt, die sie aufgenommen hatte, durch ihre Froemmigkeit, Gelehrsamkeit und Tuechtigkeit zum Segen. Viele, die hier eine Zuflucht gesucht hatten, kehrten in ihre Heimat zurueck, um der Tyrannei Roms Widerstand zu bieten. John Knox, der wackere schottische Reformator, nicht wenige der englischen Puritaner, die Protestanten aus Holland und Spanien und die Hugenotten aus Frankreich trugen die Fackel der Wahrheit von Genf hinaus, um die Finsternis ihres Heimatlandes zu erleuchten. Seite 237 (Englisch Seite 236) * S.234 (Zurueck) "In einem beruehmt gewordenen Brief an die Ordensmitglieder schreibt Ignatius einmal: `Sehen Sie auf Den, dem Sie in dem Menschen Gehorsam leisten, also auf Christus, die hoechste Weisheit, die unendliche Guete und Liebe, auf den Herrn, von dem Sie wissen, das Er weder irren noch Sie taeuschen kann.` Eben weil der Jesuit in seinem Vorgesetzten stets die goettliche Person erblickt, bedeutet fuer ihn der Gehorsam eine Art `unio mystica` mit dem Willen Gottes. Darum erinnert, wenn von diesem Gehorsam die Rede ist, die Sprache der Jesuiten in manchem an die Terminologie der Mystik: `Wer den Zustand des wahren Gehorsams erreichen will, der mus seinen Willen ausziehen und den goettlichen Willen, der ihm von seinem Oberen aufgelegt wird, anziehen.`... Sorgfaeltig unterscheidet Ignatius verschiedene Grade des Gehorsams: Die unterste Stufe, der rein aeuserliche `Gehorsam der Tat`, besteht darin, das der Untergebene sich darauf beschraenkt, die ihm aufgetragene Handlung zu vollfuehren; diesen Gehorsam bezeichnet Ignatius als `sehr unvollkommen`. Die zweite Stufe ist dadurch gekennzeichnet, das der Untergebene auch den Willen des Oberen zu dem seinen macht; `diese Stufe verleiht bereits Freude am Gehorchen`. Wer sich aber ganz dem Dienst Gottes opfern will, mus `auser dem Willen auch noch die Einsicht darbringen`. Er mus dahin gelangen, `das er nicht nur das gleiche wolle, sondern auch das gleiche denke wie der Obere, das er sein Urteil dem seines Vorgesetzten unterwerfe, soweit nur der ergebene Wille den Intellekt ueberhaupt beugen kann`. Ignatius fordert somit nichts Geringeres als die Aufopferung des eigenen Verstandes, den `schrankenlosen Gehorsam bis zum Opfer der ueberzeugung`... Der Jesuit soll, von aeuserem Widerstand ganz zu schweigen, nicht einmal innerlich irgendwelche Bedenken darueber aufkommen lassen, ob der Vorgesetzte auch recht habe; er soll im vorhinein davon ueberzeugt sein, das das ihm Befohlene `zur hoeheren Ehre Gottes `diene, und soll es freudig, mit innerer Begeisterung ausfuehren. Die Unbedingtheit des jesuitischen Gehorsams muste aber alsbald zu einem schweren Bedenken fuehren: Was soll geschehen, wenn der Vorgesetzte die Ausfuehrung einer suendhaften Handlung befiehlt; ist seinen Weisungen auch dann Folge zu leisten? Wie alle uebrigen Ordensverfassungen gewaehren auch die Konstitutionen der Gesellschaft Jesu dem Untergebenen das Recht, `bescheidene Vorstellungen zu erheben`, wenn die Gefahr einer Suende droht. Dies hat schon Ignatius ausdruecklich gestattet, und in aehnlichem Sinne hat spaeter der Ordensgeneral Aquaviva verfuegt, das der Vorgesetzte dem Untergebenen stets Gelegenheit geben muesse, seine Einwendungen vorzubringen, `damit alles in mildem, vaeterlichem Geiste geleitet werde`. Diese Hinweise haben jedoch nicht genuegt, die Gegner des Ordens zu beruhigen, die vielmehr behaupten, fuer den Jesuiten hoere eben mit der grundsaetzlichen Unterdrueckung des eigenen Urteils von vornherein jede Moeglichkeit auf, einen Befehl ernstlich zu ueberpruefen; warnt doch Ignatius geradezu vor jedwedem Bedenken oder Zweifel, ob eine Anordnung zweckmaesig sei und zu Recht erfolge. Im uebrigen bilden auch die Formeln "ad quos potest cum caritate se oboedientia extendere" und einige aehnliche Vorbehalte wirklich die einzigen Einschraenkungen des Gebotes zu `blindem Gehorsam'. Die Konstitutionen des Ordens hingegen verlangen ausdruecklich dem Untergebenen habe `Wille und Urteil des Oberen als Masstab fuer den eigenen Willen und das eigene Urteil' vorzuschweben; der vollkommene Gehorsam sei blind, und `in dieser Blindheit' bestehe, `seine Weisheit und Vollkommenheit'. `Moegen die uebrigen religioesen Genossenschaften', schreibt Ignatius, `uns durch Fasten und Nachtwachen sowie durch andere Strenge in Nahrung und Kleidung uebertreffen, so muessen unsere Brueder durch wahren und vollkommenen Gehorsam, durch den freiwilligen Verzicht auf eigenes Urteil, hervorleuchten.' Grose Beruehmtheit hat jener Ausspruch Loyolas erlangt, der sich in aehnlicher Form in den Exerzitien wiederfindet und von welchem gemeiniglich das Wort vom `Kadavergehorsam` der Jesuiten abgeleitet wird: `ueberhaupt darf ich nicht mir gehoeren wollen, sondern meinem Schoepfer und dessen Stellvertreter. Ich mus mich leiten und bewegen lassen, wie ein Wachskluempchen sich kneten laest, mus mich verhalten wie ein Toter ohne Willen noch Einsicht, wie ein kleines Kruzifix, das sich ohne Schwierigkeit von einem Platz zum andern stellen laest, wie ein Stab in der Hand eines Greises, auf das er mich hinstelle, wo er will und wo er mich am besten brauchen kann. So mus ich immer zur Hand sein, damit sich der Orden meiner bediene und mich in der Weise verwende, die er fuer gut haelt...' Insbesondere aber hat Franz von Assisi seine Ordensbrueder (Franziskaner) zu bedingungslosem Gehorsam angehalten. Von ihm ruehrt der Satz her, der Moench muesse sich betrachten `gleich einem Leichnam, der durch den Geist Gottes die Seele und das Leben empfaengt, indem er den Willen Gottes gehorsam in sich aufnimmt'." (René Fueloep-Miller, Macht und Geheimnis der Jesuiten, S. 34 ff., 1947.) Ursprung, Grundsaetze und Absichten der Gesellschaft Jesu behandelt René Fueloep-Miller in seinem nebenstehend genannten Werk. Weitere Quellen: A. Boehmer, Die Jesuiten, 1921; H. Becher, Die Jesuiten, 1951; E. Gothein, Ignatius v. Loyola und die Gegenreformation, Halle, 1895; L. v. Ranke, Die Geschichte der Paepste, Koeln, 1956; P. v. Hoensbroech, Der Jesuitenorden, 2 Bde., 1926/28; F. Wiegand, Die Jesuiten, 1926; B. Duhr, Geschichte der Jesuiten in den Laendern deutscher Zunge, 4 Bde., 1907 - 1928; 100 Jesuitenfabeln, 1904; Johannes Huber, Der Jesuitenorden nach seiner Verfassung und Doktrin, Wirksamkeit und Geschichte charakterisiert, 1873; M. Heimbucher, Die Orden und Kongregationen der katholischen Kirche, 3 Bde., 1908 M. Meschler, Die Gesellschaft Jesu, ihre Satzungen und ihre Erfolge, 1911; Der Grose Herder, Bd. IV, Sp. 1246-1249, 1954; Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd. III, 1929, Sp. 104-109; Realenzyklopaedie fuer protestantische Theologie und Kirche, Bd. VI, S. 608-642, 1879; John Gerard, S.J., Concerning Jesuits, London, 1902; L.E. Dupin, A Compendious History of the Church, Bd. IV, Kap. 33, S. 132-135, London, 1713; Encyclopedia Britannica, Art. Jesuiten; C. Paroissien, The Principles of the Jesuits, Developed in a Collection of Extracts from Their Own Authors, London, 1860; W. C. Cartwright, The Jesuits, Their Consitution and Teaching, London, 1876; E.L. Taunton, The History of the Jesuits in England (1580-1773), London, 1901; T. Campbell, The Jesuits (1534-1921), New York, 1922; E. Schoell, Der jesuitische Gehorsam, Halle, 1891; Th. Weber, Der Gehorsam in der Gesellschaft Jesu, Breslau, 1872; J. G. Dreydorff, Die Moral der Jesuiten, 1893; F. W. Nippold, Der Jesuitenorden von seiner Wiederherstellung bis auf die Gegenwart. (Zurueck) |