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Der grosse Kampf zwischen Licht und Finsternis „Untreue und Abfall in der Christenheit” Luthers Trennung von Rom Unter denen, die berufen wurden, die Gemeinde aus der Finsternis in das Licht eines reineren Glaubens zu fuehren, stand Martin Luther an vorderster Stelle. Eifrig, feurig und hingebungsvoll kannte er kein Bangen ausser der Gottesfurcht und liess keine andere Grundlage fuer den religioesen Glauben gelten als die Heilige Schrift. Luther war der Mann fuer seine Zeit; durch ihn fuehrte Gott ein grosses Werk fuer die Reformation der Kirche und die Erleuchtung der Welt aus. Gleich den ersten Herolden des Evangeliums stammte Luther aus einer einfachen, wenig begueterten Familie. Seine fruehe Kindheit brachte er in dem bescheidenen Heim eines deutschen Landmannes zu. Durch taegliche harte Arbeit als Bergmann verdiente sein Vater die Mittel zu seiner Erziehung. Er bestimmte ihn zum Rechtsgelehrten; aber nach Gottes Willen sollte aus ihm ein Baumeister werden an dem grossen Tempel, der sich im Laufe der Jahrhunderte langsam erhob. Muehsal, Entbehrung und strenge Manneszucht waren die Schule, in der die unendliche Weisheit Luther fuer seine ausserordentliche Lebensaufgabe vorbereitete. Luthers Vater war ein Mann von tatkraeftigem, emsigem Geist und grosser Charakterstaerke, ehrlich, entschlossen und aufrichtig. Er stand zu dem, was er als seine Pflicht erkannt hatte, ganz gleich, welche Folgen dies haben mochte. Sein echter, gesunder Menschenverstand liess ihn das Moenchswesen mit Misstrauen betrachten. Er war hoechst unzufrieden, als Luther ohne seine Einwilligung in ein Kloster eintrat. Es dauerte zwei Jahre, ehe sich der Vater mit seinem Sohn ausgesoehnt hatte, und selbst dann blieben seine Ansichten dieselben. Luthers Eltern verwandten grosse Sorgfalt auf die Erziehung und Ausbildung ihrer Kinder. Sie bemuehten sich, sie in der Gotteserkenntnis Seite 120 (Englisch Seite 120,121) und in der Ausuebung christlicher Tugenden zu unterweisen. Oft hoerte der Sohn das Gebet des Vaters zum Himmel emporsteigen, dass das Kind des Namens des Herrn gedenken und einmal die Wahrheit mit foerdern helfen moege. Soweit es ihr arbeitsreiches Leben zuliess, nutzten die Eltern eifrig jede Moeglichkeit, sittlich und geistig weiterzukommen. Ihre Bemuehungen, ihre Kinder fuer ein Leben der Froemmigkeit und Nuetzlichkeit zu erziehen, waren ernsthaft und ausdauernd. In ihrer Entschiedenheit und Charakterfestigkeit verlangten sie von ihren Kindern zuweilen etwas zu viel; aber der Reformator selbst fand an ihrer Erziehungsweise mehr zu billigen als zu tadeln, obwohl er sich in mancher Beziehung bewusst war, dass sie geirrt hatten. In der Schule, die er schon in jungen Jahren besuchte, wurde Luther streng, ja geradezu hart behandelt. Die Armut seiner Eltern war so gross, dass er, als er das Vaterhaus verliess, um die Schule eines andern Ortes zu besuchen, eine Zeitlang genoetigt war, sich seinen Unterhalt als Kurrende-Saenger zu erwerben, wobei er oft Hunger litt. Die damals herrschenden finsteren, aberglaeubischen Vorstellungen von der Religion erfuellten ihn mit Furcht. Er legte sich abends mit sorgenschwerem Herzen nieder, sah mit Zittern in die dunkle Zukunft und schwebte in staendiger Furcht, wenn er an Gott dachte, in dem er mehr einen harten, unerbittlichen Richter und grausamen Tyrannen als einen liebevollen himmlischen Vater sah. Dennoch strebte Luther unter sehr vielen und grossen Entmutigungen entschlossen vorwaerts, dem hohen Ziel sittlicher und geistiger Vortrefflichkeit zu, das seine Seele anzog. Ihn duerstete nach Erkenntnis, und sein ernster und praktisch veranlagter Charakter verlangte eher nach dem Dauerhaften und Nuetzlichen als nach Schein und Oberflaechlichkeiten. Als er mit achtzehn Jahren die Universitaet in Erfurt bezog, war seine Lage guenstiger und seine Aussichten waren erfreulicher als in seinen juengeren Jahren. Da es seine Eltern durch Fleiss und Sparsamkeit zu einigem Wohlstand gebracht hatten, waren sie imstande, ihm alle noetige Hilfe zu gewaehren; auch hatte der Einfluss verstaendiger Freude die duesteren Wirkungen seiner frueheren Erziehung etwas gemildert. Er studierte nun eifrig die besten Schriftsteller, bereicherte sein Verstaendnis mit ihren wichtigsten Gedanken und eignete sich die Seite 121 (Englisch Seite 121,122) Weisheit der Weisen an. Sogar unter der rauhen Zucht seiner ehemaligen Lehrmeister hatte er schon frueh zu Hoffnungen berechtigt, dass er sich einmal auszeichnen koennte, und unter guenstigen Einfluessen entwickelte sich sein Geist jetzt schnell. Ein gutes Gedaechtnis, ein lebhaftes Vorstellungsvermoegen, eine ueberzeugende Urteilskraft und unermuedlicher Fleiss liessen ihn bald einen Platz in den vordersten Reihen seiner Gefaehrten gewinnen. Die geistige Erziehung reifte seinen Verstand und erweckte eine Geistestaetigkeit und einen Scharfblick, die ihn fuer die Kaempfe seines Lebens vorbereiteten. Die Furcht des Herrn wohnte in Luthers Herzen; sie befaehigte ihn, an seinen Vorsaetzen festzuhalten und fuehrte ihn zu tiefer Demut vor Gott. Er war sich staendig seiner Abhaengigkeit von der goettlichen Hilfe bewusst und versaeumte nicht, jeden Tag mit Gebet zu beginnen, waehrend sein Herz staendig um Fuehrung und Beistand flehte. Oft sagte er: "Fleissig gebetet ist ueber die Haelfte studiert." (Mathesius, "Luther-Historien", S. 3.) Als Luther eines Tages in der Universitaetsbibliothek die Buecher durchschaute, entdeckte er eine lateinische Bibel. Solch ein Buch hatte er nie zuvor gesehen, wie er selbst bezeugte: "Da ich zwanzig Jahr alt war, hatte ich noch keine gesehen. Ich meinte, es waeren keine Evangelien noch Episteln mehr, denn die in den Postillen sind." ("D. Martin Luthers saemtliche Werke", Erlanger Ausgabe, LX, S. 255) Nun blickte er zum erstenmal auf das ganze Wort Gottes. Mit ehrfuerchtigem Staunen wendete er die heiligen Blaetter um; mit beschleunigtem Puls und klopfendem Herzen las er selbst die Worte des Lebens, hin und wieder anhaltend, um auszurufen: "Oh, dass Gott mir solch ein Buch als mein Eigentum geben wollte!" Engel Gottes standen ihm zur Seite, und Strahlen des Lichtes vom Thron des Hoechsten enthuellten seinem Verstaendnis die Schaetze der Wahrheit. Er hatte sich stets gefuerchtet, Gott zu beleidigen; jetzt aber ergriff ihn wie nie zuvor eine tiefe Ueberzeugung seines suendhaften Zustandes. Das aufrichtige Verlangen, von Suenden frei zu sein und Frieden mit Gott zu haben, veranlasste ihn schliesslich, in ein Kloster einzutreten und ein Moenchsleben zu fuehren. Hier musste er sich den niedrigsten Arbeiten unterziehen und von Haus zu Haus betteln. Er stand in dem Alter, in dem man sich am meisten nach Achtung und Anerkennung Seite 122 (Englisch Seite 122,123) sehnt, und fuehlte sich in seinen natuerlichen Gefuehlen durch diese niedrige Beschaeftigung tief gekraenkt; aber geduldig ertrug er die Demuetigung, weil er glaubte, dass es um seiner Suenden willen notwendig sei. Jeden Augenblick, den er von seinen taeglichen Pflichten eruebrigen konnte, verwandte er aufs Studium; er goennte sich wenig Schlaf und nahm sich kaum die Zeit fuer seine bescheidenen Mahlzeiten. Vor allem andern erfreute ihn das Studium des Wortes Gottes. Er hatte an der Klostermauer angekettet eine Bibel gefunden und zog sich oft zu ihr zurueck. Je mehr er von seinen Suenden ueberzeugt wurde, desto staerker suchte er durch eigene Werke Vergebung und Frieden zu erlangen. Er fuehrte ein ausserordentlich strenges Leben und bemuehte sich, das Boese seines Wesens, von dem sein Moenchstum ihn nicht zu befreien vermocht hatte, durch Fasten, Wachen und Kasteien zu besiegen. Er schreckte vor keinem Opfer zurueck, das ihm moeglicherweise zur Reinheit des Herzens verhelfen koennte, die ihm vor Gott Anerkennung braechte. "Wahr ist's, ein frommer Moench bin ich gewesen, und habe so gestrenge meinen Orden gehalten, dass ich's sagen darf: ist je ein Moench gen Himmel gekommen durch Moencherei, so wollte ich auch hineingekommen sein; denn ich haette mich (wo es laenger gewaehrt haette) zu Tode gemartert mit Wachen, Beten, Lesen und anderer Arbeit." (Luther, EA, XXXI, S. 273) Infolge dieser schmerzhaften Zucht wurde er immer schwaecher und litt an Ohnmachtsanfaellen, von deren Auswirkungen er sich nie ganz erholte. Aber trotz aller Anstrengungen fand seine angsterfuellte Seele keine Erleichterung, sondern wurde immer verzweifelter. Als es Luther schien, dass alles verloren sei, erweckte Gott ihm einen Helfer und Freund. Der fromme Staupitz oeffnete seinem Verstaendnis das Wort Gottes und riet ihm, seine Aufmerksamkeit von sich selbst abzulenken und mit den Betrachtungen ueber eine ewige Strafe fuer die Uebertretung des Gesetzes Gottes aufzuhoeren und auf Jesus, seinen suendenvergebenden Heiland, zu schauen. "Statt dich wegen deiner Suenden zu kasteien, wirf dich in die Arme des Erloesers. Vertraue auf ihn - auf die Gerechtigkeit seines Lebens- auf die Versoehnung in seinem Tode. Horch auf den Sohn Gottes. Er ist Mensch geworden, dir die Gewissheit seiner goettlichen Gunst zu geben." - "Liebe ihn, der Seite 123 (Englisch Seite 123,124) dich zuerst geliebt hat." (Walch, "D. Martin Luthers saemtliche Schriften", II, S. 264) So sprach dieser Bote der Gnade. Seine Worte machten tiefen Eindruck auf Luthers Gemuet. Nach manchem Kampf mit langgehegten Irrtuemern erfasste er die Wahrheit, und Friede zog in seine gequaelte Seele ein. Luther wurde zum Priester geweiht und aus dem Kloster als Professor an die Universitaet Wittenberg berufen. Hier widmete er sich dem Studium der Heiligen Schrift in den Grundtexten, begann darueber Vorlesungen zu halten und erschloss das Buch der Psalmen, die Evangelien und Briefe dem Verstaendnis von Scharen begeisterter Zuhoerer. Staupitz noetigte ihn, die Kanzel zu besteigen und das Wort Gottes zu predigen. Luther zoegerte, da er sich unwuerdig fuehlte, als Bote Christi zum Volk zu reden. Nur nach langem Widerstreben gab er den Bitten seiner Freunde nach. Die Wahrheiten der Heiligen Schrift erfuellten ihn schon stark, und Gottes Gnade ruhte auf ihm. Seine Beredsamkeit fesselte die Zuhoerer, die Klarheit und Macht in der Darstellung der Wahrheit ueberzeugte ihren Verstand, und seine Inbrunst bewegte die Herzen. Luther war noch immer ein treuer Sohn der paepstlichen Kirche und dachte nicht daran, je etwas anderes zu sein. Nach der Vorsehung Gottes bot sich ihm Gelegenheit, Rom zu besuchen. Er machte die Reise zu Fuss, wobei er in den am Wege liegenden Kloestern Herberge fand. Verwunderung erfuellte ihn, als er in einem Kloster in Italien den Reichtum, die Pracht und den Aufwand dieser Staetten sah. Mit einem fuerstlichen Einkommen beschenkt, wohnten die Moenche in glaenzenden Gemaechern, kleideten sich in die reichsten und koestlichsten Gewaender und fuehrten eine ueppige Tafel. Schmerzlich besorgt, verglich Luther dieses Schauspiel mit der Selbstverleugnung und der Muehsal seines eigenen Lebens. Seine Gedanken wurden verwirrt. Endlich erblickte er aus der Ferne die Stadt der sieben Huegel. Tief bewegt warf er sich auf die Erde nieder und rief: "Sei mir gegruesst, du heiliges Rom!" Er betrat die Stadt, besuchte die Kirchen, lauschte den von den Priestern und Moenchen vorgetragenen Wundererzaehlungen und erfuellte alle vorgeschriebenen Zeremonien. Ueberall boten sich ihm Szenen, die ihn in Erstaunen und Schrecken versetzten. Er sah, dass unter allen Klassen der Geistlichkeit das Laster herrschte. Von den Seite 124 (Englisch Seite 124,125) Lippen der Geistlichen musste er unanstaendige Redensarten hoeren. Ihr gottloses Wesen, selbst waehrend der Messe, entsetzte ihn. Als er sich unter die Moenche und Buerger mischte, fand er Verschwendung und Ausschweifung. Wohin er sich auch wandte, er traf statt Heiligkeit Entweihung. "Niemand glaube, was zu Rom fuer Bueberei und greulich Suende und Schande gehen ... er sehe, hoere und erfahre es denn. Daher sagt man: `Ist irgendeine Hoelle , so muss Rom drauf gebaut sein; denn da gehen alle Suenden im Schwang.`" (Luther, EA, LXII, S. 441) Durch einen kurz vorher veroeffentlichten Erlass war vom Papst allen denen Ablass verheissen worden, die auf den Knien die "Pilatusstiege" hinaufrutschen wuerden, von der gesagt wird, unser Heiland sei darauf herabgestiegen, als er das roemische Gerichtshaus verliess, und sie sei durch ein Wunder von Jerusalem nach Rom gebracht worden. (Ranke, Geschichte im Zeitalter der Reformation", 8. Auflage, I, S. 200) Luther erklomm eines Tages andaechtig diese Treppe, als ploetzlich eine donneraehnliche Stimme zu ihm zu sagen schien: "Der Gerechte wird seines Glaubens leben!" (Roem. 1,17) In Scham und Schrecken sprang er auf und floh von dieser Staette. Jene Bibelstelle verlor nie ihre Wirkung auf seine Seele. Von jener Zeit an sah er deutlicher als je zuvor die Taeuschung, auf Menschenwerke zu vertrauen, um Erloesung zu erlangen, und ebenso deutlich sah er die Notwendigkeit eines unerschuetterlichen Glaubens an die Verdienste Christi. Seine Augen waren geoeffnet worden, um nie wieder verschlossen zu werden. Als er Rom den Ruecken kehrte, hatte er sich auch in seinem Herzen von Rom abgewandt, und von jener Zeit an wurde die Kluft immer tiefer, bis er schliesslich alle Verbindung mit der paepstlichen Kirche abschnitt. Einige Zeit nach seiner Rueckkehr aus Rom wurde Luther von der Universitaet zu Wittenberg der Titel eines Doktors der Theologie verliehen. Nun stand es ihm frei, sich wie nie zuvor der Heiligen Schrift zu widmen, die er liebte. Er hatte das feierliche Geloebnis abgelegt, alle Tage seines Lebens Gottes Wort, und nicht die Aussprueche und Lehren der Paepste, zu studieren und gewissenhaft zu predigen. Er war nicht laenger der einfache Moench oder Professor, sondern der bevollmaechtigte Verkuender der Heiligen Schrift; er war zu einem Hirten berufen, die Herde zu weiden, die nach der Wahrheit hungerte und duerstete. Seite 125 (Englisch Seite 125,126) Mit Bestimmtheit erklaerte er, die Christen sollten keine anderen Lehren annehmen, als die, welche auf der Autoritaet der Heiligen Schrift beruhten. Diese Worte trafen ganz und gar die Grundlage der paepstlichen Oberherrschaft; sie enthielten den wesentlichen Grundsatz der Reformation. Luther erkannte die Gefahr, menschliche Lehrsaetze ueber das Wort Gottes zu erheben. Furchtlos griff er den spitzfindigen Unglauben der Schulgelehrten an und trat der Philosophie und Theologie, die so lange einen herrschenden Einfluss auf das Volk ausgeuebt hatten, entgegen. Er verwarf deren Bemuehen nicht nur als wertlos, sondern auch als verderblich und suchte die Gemueter seiner Zuhoerer von den Trugschluessen der Philosophen und Theologen abzuwenden und auf die ewigen Wahrheiten hinzulenken, die die Propheten und Apostel verkuendigten. Koestlich war die Botschaft, die er der lebhaft anteilnehmenden Menge, die an seinen Lippen hing, bringen durfte. Nie zuvor waren solche Lehren an ihre Ohren gedrungen. Die frohe Kunde von der Liebe des Heilandes, die Gewissheit der Vergebung und des Friedens durch das versoehnende Blut Christi erfreute ihre Herzen und fuellte sie mit einer unvergaenglichen Hoffnung. In Wittenberg war ein Licht angezuendet worden, dessen Strahlen die fernsten Teile der Erde erreichen und bis zum Ende der Zeit an Glanz und Klarheit mehr und mehr zunehmen sollten. Aber Licht und Finsternis koennen sich nicht vertragen, und zwischen Wahrheit und Irrtum besteht ein unvermeidbarer Kampf. Das eine aufrechterhalten und verteidigen heisst das andere angreifen und umstuerzen. Unser Heiland selbst erklaerte: "Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert", (Matth. 10,34) und Luther schrieb einige Jahre nach Beginn der Reformation: "Gott reisst, treibt und fuehrt mich; ich bin meiner nicht maechtig; ich will stille sein und werde mitten in den Tumult hineingerissen. " (Enders, "D. Martin Luthers Briefwechsel", Bd. I, S. 430, 20. Februar 1519) - Er sollte nun in den Kampf gedraengt werden. Die katholische Kirche hatte die Gnade Gottes zu einem Handelsgut herabgewuerdigt. Die Tische der Geldwechsler waren neben den Altaeren Seite 126 (Englisch Seite 126,127) aufgestellt, und das Geschrei der Kaeufer und Verkaeufer erfuellte die Luft. (Vgl. Matth. 21,12) Unter dem Vorwand, Mittel fuer den Bau der Peterskirche in Rom zu erheben, wurden namens der Autoritaet des Papstes oeffentlich Suendenablaesse zum Verkauf angeboten. Mit Frevelgeld sollte ein Tempel zur Anbetung Gottes errichtet, der Grundstein mit Loesegeld von der Suende gelegt werden. Aber gerade das zu Roms Erhebung ergriffene Mittel veranlasste den toedlichsten Schlag gegen seine Macht und Groesse, erweckte die entschlossensten und erfolgreichsten Gegner des Papsttums und fuehrte zu dem Kampf, der den paepstlichen Thron erschuetterte und die dreifache Krone auf dem Haupt des roemischen Oberpriesters ins Wanken brachte. Der roemische Beauftragte Tetzel, dazu bestimmt in Deutschland den Verkauf von Ablaessen zu leiten, war der gemeinsten Vergehen gegen die menschliche Gesellschaft und das Gesetz Gottes ueberfuehrt worden; nachdem er jedoch der seinen Verbrechen angemessenen Strafe entronnen war, wurde er mit der Foerderung der gewinnsuechtigen und gewissenlosen Plaene des Papstes beauftragt. In herausfordernder Weise wiederholte er die schamlosesten Luegen und erzaehlte Wundergeschichten, um das unwissende, leichtglaeubige und aberglaeubische Volk zu taeuschen. Haetten sie das Wort Gottes besessen, waeren sie nicht so hintergangen worden. Die Heilige Schrift wurde ihnen vorenthalten, damit sie unter der Herrschaft des Papsttums blieben und dazu beitruegen, die Macht und den Reichtum seiner ehrgeizigen Fuehrer zu mehren. Wenn der Dominikaner Tetzel, der den Ablasshandel (*) leitete, eine Stadt betrat, ging ein Bote vor ihm her und verkuendigte: "Die Gnade Gottes und des heiligen Vaters ist vor den Toren." Und das Volk bewillkommnete den gotteslaesterlichen Betrueger, dass "man haette nicht wohl Gott selber schoener empfangen und halten koennen". (v. Dorneth, "Martin Luther", S. 102) Der schaendliche Handel ging in der Kirche vor sich; Tetzel bestieg die Kanzel und pries die Ablaesse als eine kostbare Gabe Gottes. Er erklaerte, dass durch seine Ablasszettel dem Kaeufer alle Suenden, "auch noch so ungeheuerliche, welche der Mensch noch begehen moechte", verziehen wuerden. "Es waere nicht Not, Reue noch Leid oder Busse fuer die Suende zu haben". Seine Ablaesse besaessen die Kraft, Lebende und Seite 127 (Englisch Seite 127,128) Tote zu retten; "wenn einer Geld in den Kasten legt fuer eine Seele im Fegfeuer, sobald der Pfennig auf den Boden fiel und kluenge, so fuehre die Seele heraus gen Himmel." (Luther, EA, XXVI, S. 69 f., " Wider Hans Wurst") Als Simon der Zauberer sich von den Apostel die Macht, Wunder zu wirken, erkaufen wollte, antwortete ihm Petrus: "Dass du verdammt werdest mit deinem Gelde, darum dass du meinst, Gottes Gabe werde durch Geld erlangt!" (Apg. 8,20) Aber Tetzels Anerbieten wurde von Tausenden gierig ergriffen. Gold und Silber flossen in seinen Kasten. Eine Seligkeit, die mit Geld erkauft werden konnte, war leichter zu erlangen als eine solche, die Reue, Glauben und eifrige Anstrengungen erforderte, der Suende zu widerstehen und sie zu ueberwinden. Der Ablasslehre hatten sich schon gelehrte und fromme Maenner in der roemischen Kirche widersetzt, und es gab viele, welche den Behauptungen, die der Vernunft und der Offenbarung zuwider waren, nicht vertrauten. Kein Geistlicher wagte es indessen, seine Stimme gegen diesen gottlosen Handel zu erheben; aber die Gemueter der Menschen wurden beunruhigt und aengstlich, und viele fragten sich ernsthaft, ob Gott nicht durch irgendein Werkzeug die Reinigung seiner Kirche bewirken wuerde. Obwohl Luther noch immer ein sehr eifriger Anhaenger des Papstes war, erfuellten ihn die gotteslaesterlichen Anmassungen der Ablasskraemer mit Entsetzen. Viele aus seiner eigenen Gemeinde hatten sich Ablassbriefe gekauft und kamen bald zu ihrem Beichtvater, bekannten ihre verschiedenen Suenden und erwarteten Freisprechung, nicht weil sie bussfertig waren und sich bessern wollten, sondern auf Grund des Ablasses. Luther verweigerte ihnen die Freisprechung und warnte sie, dass sie, wenn sie nicht bereuten und ihren Wandel aenderten, in ihren Suenden umkaemen. In grosser Bestuerzung suchten sie Tetzel auf und klagten ihm, dass ihr Beichtvater seine Briefe verworfen haben; ja, einige forderten kuehn die Rueckgabe ihres Geldes. Der Moench wurde zornig. Er aeusserte die schrecklichsten Verwuenschungen, liess etliche Male auf dem Markt ein Feuer anzuenden und "weiset damit, wie er vom Papste Befehl haette, die Ketzer, die sich wider den Allerheiligsten, den Papst und seinen allerheiligsten Ablass legten, zu verbrennen". (Luther, Walch XV, S. 471) Seite 128 (Englisch Seite 128,129) Luther nahm nun kuehn sein Werk als Kaempfer fuer die Wahrheit auf. Seine Stimme war in ernster, feierlicher Warnung von der Kanzel zu hoeren. Er zeigte dem Volk das Schaendliche der Suende und lehrte, dass es fuer den Menschen unmoeglich sei, durch seine eigene Werke die Schuld zu verringern oder der Strafe zu entrinnen. Nichts als die Busse vor Gott und der Glaube an Christus koenne den Suender retten. Gottes Gnade koenne nicht erkauft werden; sie sei eine freie Gabe. Er riet dem Volk, keine Ablaesse zu kaufen, sondern glaeubig auf den gekreuzigten Erloeser zu schauen. Er erzaehlte seine eigene schmerzliche Erfahrung, als er umsonst versucht hatte, sich durch Demuetigung und Busse Erloesung zu verschaffen, und versicherte seinen Zuhoerern, dass er Friede und Freude gefunden habe, als er von sich selbst wegsah und an Christus glaubte. Als Tetzel seinen Handel und seine gottlosen Behauptungen fortsetzte, entschloss sich Luther zu einem wirksameren Widerstand gegen die schreienden Missbraeuche. Bald bot sich hierzu Gelegenheit. Die Schlosskirche zu Wittenberg war im Besitz vieler Reliquien, die an gewissen Festtagen fuer das Volk ausgestellt wurden. Vergebung der Suenden gewaehrte man allen, die dann die Kirche besuchten und beichteten. Demzufolge war das Volk an diesen Tagen in grosser Zahl dort zu finden. Eine der wichtigsten Gelegenheiten, das Fest "Allerheiligen", stand vor der Tuer. Am Tage zuvor schloss Luther sich der Menge an, die bereits auf dem Wege nach der Kirche war und heftete einen Bogen mit 95 Thesen gegen die Ablasslehre an die Kirchentuer. Er erklaerte sich bereit, am folgenden Tag in der Universitaet diese Saetze gegen alle, die sie angreifen wuerden, zu verteidigen. Seine Thesen zogen die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Sie wurden wieder und wieder gelesen und nach allen Richtungen hin wiederholt. Grosse Aufregung entstand in der Universitaet und in der ganzen Stadt. Durch diese Thesen wurde gezeigt, dass die Macht Vergebung der Suenden zu gewaehren und ihre Strafe zu erlassen, nie dem Papst oder irgendeinem andern Menschen uebergeben worden war. Der ganze Plan sei ein Betrug, ein Kunstgriff, um Geld zu erpressen, indem man den Aberglauben des Volkes ausbeute - eine List Satans, um die Seelen aller zu verderben, die sich auf seine luegenhaften Seite 129 (Englisch Seite 129,130) Vorspiegelungen verliessen. Ferner wurde klar dargelegt, dass das Evangelium Christi der kostbarste Schatz der Kirche ist und dass die darin offenbarte Gnade Gottes allen frei gewaehrt wird, die sie in Reue und Glauben suchen. Luthers Thesen forderten zur Diskussion heraus; aber niemand wagte es, die Herausforderung anzunehmen. Die von ihm gestellten Fragen waren in wenigen Tagen in ganz Deutschland bekannt und erschollen in wenigen Wochen durch die ganze Christenheit. Viele ergeben Roemlinge, welche die in der Kirche herrschende schreckliche Ungerechtigkeit gesehen und beklagt, aber nicht gewusst hatten, wie sie deren Fortgang aufhalten sollten, lasen die Saetze mit grosser Freude und erkannten in ihnen die Stimme Gottes. Sie fuehlten, dass der Herr gnaedig seine Hand ausgestreckt hatte, um die rasch anschwellende Flut der Verderbnis aufzuhalten, die vom roemischen Stuhl ausging. Fuersten und Beamte freuten sich im geheimen, dass der anmassenden Gewalt, die behauptete, gegen ihre Beschluesse duerfe kein Einwand erhoben werden, Zuegel angelegt werden sollten. Aber die suendenliebende und aberglaeubische Menge entsetzte sich, als die Spitzfindigkeiten, die ihre Furcht beseitigt hatten, hinweggefegt wurden. Verschlagene Geistliche, die in ihrem Treiben, das Verbrechen zu billigen, gestoert wurden und ihren Gewinn gefaehrdet sahen, gerieten in Wut und vereinigten sich in den Bemuehen, ihre Behauptungen aufrechtzuerhalten. Der Reformator stiess auf erbitterte Anklaeger. Einige beschuldigten ihn, uebereilt und impulsiv gehandelt zu haben. Andere nannten ihn vermessen und erklaerten, dass er nicht von Gott geleitet werde, sondern aus Stolz und Voreiligkeit handle. "Wer kann eine neue Idee vorbringen", antwortet er, "ohne einen Anschein von Hochmut, ohne Beschuldigung der Streitlust? Weshalb sind Christus und alle Maertyrer getoetet worden? Weil sie stolze Veraechter der Wahrheit ihrer Zeit schienen und neue Ansichten aussprachen, ohne die Organe der alten Meinung demuetiglich um Rat zu fragen. Ich will nicht, dass nach Menschen Rat, sondern nach Gottes Rat geschehe, was ich tue; ist das Werk von Gott, wer moecht's hindern, ist's nicht aus Gott, wer moecht's foerdern? Es geschehe nicht mein, noch ihr, noch euer, sondern Dein Wille, heiliger Vater im Himmel!" (Enders, Bd. I, S. 126, an Lang 11.10.1517) Seite 130 (Englisch Seite 130,131) Obwohl Luther vom Geist Gottes getrieben worden war, sein Werk zu beginnen, sollte er es doch nicht ohne schwere Kaempfe fortfuehren. Die Vorwuerfe seiner Feinde, ihre Missdeutung seiner Absichten und ihre ungerechten und boshaften Bemerkungen ueber seinen Charakter und seine Beweggruende ergossen sich gleich einer ueberstuerzenden Flut ueber ihn und blieben nicht ohne Wirkung. Er hatte zuversichtlich damit gerechnet, dass die Fuehrer des Volkes sowohl in der Kirche als auch in der Universitaet sich ihm bereitwillig in seinen Bemuehungen zugunsten der Reformation anschliessen wuerden. Ermutigende Worte von hochgestellten Persoenlichkeiten hatten ihm Freude und Hoffnung eingefloesst. In der Vorahnung hatte er bereits einen helleren Tag fuer die Gemeinde anbrechen sehen. Doch die Ermutigung verwandelte sich in Vorwurf und Verurteilung. Viele staatliche und kirchliche Wuerdentraeger waren von der Wahrheit seiner Thesen ueberzeugt; aber sie sahen bald, dass die Annahme dieser Wahrheiten grosse Umwaelzungen mit sich bringen wuerden. Das Volk zu erleuchten und umzugestalten hiesse in Wirklichkeit die Autoritaet Roms zu untergraben, Tausende von Stroemen, die nun in seine Schatzkammer flossen, aufzuhalten und auf diese Weise die Verschwendung und den Aufwand der Herren Roms in hohem Grade zu beschraenken. Noch mehr: Das Volk zu lehren, als verantwortliche Geschoepfe zu denken und zu handeln und allein auf Christus zu blicken, um selig zu werden, wuerde den Thron des Papstes stuerzen und am Ende auch die Autoritaet seiner Wuerdentraeger zugrunde richten. Aus dieser Ursache heraus wiesen sie die von Gott dargebotene Erkenntnis zurueck und erhoben sich durch ihren Widerstand gegen den Mann, den Gott zu ihrer Erleuchtung gesandt hatte, wider Christus und die Wahrheit. Luther zitterte, als er auf sich sah, "mehr eine Leiche, denn einem Menschen gleich", den gewaltigsten Maechten der Erde gegenuebergestellt. Zuweilen zweifelte er, ob ihn der Herr in seinem Widerstand wider die Autoritaet der Kirche wirklich leitete. Er schrieb: "Wer war ich elender, verachteter Bruder dazumal, der sich sollte wider des Papstes Majestaet setzen, vor welcher die Koenige auf Erden und der ganze Erdboden sich entsetzten und allein nach seinen Winken sich mussten richten? Was mein Herz in jenen zwei Jahren ausgestanden und erlitten habe und in welcherlei Demut, ja Verzweiflung ich da schwebte, Seite 131 (Englisch Seite 131,132) ach! da wissen die sichern Geister wenig von, die hernach des Papstes Majestaet mit grossem Stolz und Vermessenheit angriffen." (Seckendorff, "Commentarius historicus et apologeticus de Lutheranismo seu de reformatione", Bd. I, S. 119 f.) Doch er wurde nicht gaenzlich entmutigt. Fehlten menschliche Stuetzen, so schaute er auf Gott allein und lernte, dass er sich in vollkommener Sicherheit auf dessen allmaechtigen Arm verlassen konnte. Einem Freund der Reformation schrieb Luther: "Es ist vor allem gewiss, dass man die Heilige Schrift weder durch Studium noch mit dem Verstand erfassen kann. Deshalb ist es zuerst Pflicht, dass du mit dem Gebet beginnst und den Herrn bittest, er moege dir zu seiner Ehre, nicht zu deiner, in seiner grossen Barmherzigkeit das wahre Verstaendnis seiner Worte schenken. Das Wort Gottes wird uns von seinem Urheber ausgelegt, wie er sagt, dass sie alle von Gott gelehrt sind. Hoffe deshalb nichts von deinem Studium und Verstand; vertraue allein auf den Einfluss des Geistes. Glaube meiner Erfahrung."(Enders, Bd. I, S. 142, 18.1.1518) Hier wird eine ausserordentlich wichtige Erfahrung mitgeteilt fuer alle, die sich von Gott berufen fuehlen, andern die ernsten Wahrheiten fuer die gegenwaertige Zeit zu verkuendigen. Diese Wahrheiten erregen die Feindschaft Satans und der Menschen, welche die Fabeln lieben, die er erdichtet hat. Zum Kampf mit den boesen Maechten ist mehr vonnoeten als Verstandeskraft und menschliche Weisheit. Beriefen sich die Gegner auf Gebraeuche und Ueberlieferungen oder auf die Behauptungen und die Autoritaet des Papstes, so trat Luther ihnen mit der Bibel, nur mit der Bibel entgegen. Darin standen Beweisfuehrungen, die sie nicht widerlegen konnten; deshalb schrien die Sklaven des Formenwesens und des Aberglaubens nach seinem Blut, wie die Juden nach dem Blut Christi geschrien hatten. "Er ist ein Ketzer!" riefen die roemischen Eiferer. "Es ist Hochverrat gegen die Kirche, wenn ein so schaendlicher Ketzer noch eine Stunde laenger lebt. Auf den Scheiterhaufen mit ihm!" (Seckendorff, ebd. S. 104) Aber Luther fiel ihrer Wut nicht zum Opfer. Gott hatte eine Aufgabe fuer ihn bereit, und himmlische Engel wurden ausgesandt, ihn zu beschuetzen. Viele jedoch, die von Luther das koestliche Licht empfangen hatten, wurden die Zielscheibe der Wut Satans und erlitten um der Wahrheit willen furchtlos Marter und Tod. Seite 132 (Englisch Seite 132,133) Luthers Lehren zogen die Aufmerksamkeit denkender Geister in ganz Deutschland auf sich. Seine Predigten und Schriften verbreiteten Lichtstrahlen, die Tausende erschreckten und erleuchteten. Ein lebendiger Glaube trat an die Stelle toten Formenwesens, in welchem die Kirche so lange gehalten worden war. Das Volk verlor taeglich mehr das Zutrauen zu den aberglaeubischen Lehren der roemischen Religion. Die Schranken des Vorurteils gaben nach. Das Wort Gottes nach dem Luther jede Lehre und jede Behauptung pruefte, war gleich einem zweischneidigen Schwert, das sich seinen Weg in die Herzen des Volkes bahnte. Ueberall erwachte das Verlangen nach geistlichem Wachstum; ueberall entstand ein so grosser Hunger und Durst nach Gerechtigkeit, wie man ihn seit Jahrhunderten nicht gekannt hatte. Die bis dahin auf menschliche Gebraeuche und irdische Vermittler gerichteten Blicke des Volkes wandten sich nun reuevoll und glaeubig auf Christus, den Gekreuzigten. Dieses weitverbreitete Heilsverlangen erweckte noch mehr die Furcht der paepstlichen Autoritaeten. Luther erhielt eine Vorladung, in Rom zu erscheinen, um sich gegen die Beschuldigung, Ketzerei getrieben zu haben, zu verantworten. Diese Aufforderung erfuellte seine Freunde mit Schrecken. Sie kannten nur zu gut die Gefahr, die ihm in jener verderbten, vom Blut der Zeugen Jesu trunkenen Stadt drohte. Sie erhoben Einspruch gegen seine Reise nach Rom und befuerworteten ein Gesuch, ihn in Deutschland verhoeren zu lassen. Dies wurde schliesslich genehmigt und der paepstliche Gesandte Cajetan dazu bestimmt, den Fall anzuhoeren. In den ihm mitgegebenen Anweisungen hiess es, dass Luther bereits als Ketzer erklaert worden sei. Der paepstliche Gesandte wurde deshalb beauftragt, "ihn zu verfolgen und unverzueglich in Haft zu nehmen". Falls Luther standhaft bliebe oder der Legat seiner nicht habhaft wuerde, war der Vertreter Roms bevollmaechtigt, ihn an allen Orten Deutschlands zu aechten, zu verbannen, zu verfluchen und alle seine Anhaenger in den Bann zu tun. (Luther, EA, op. lat. XXXIII, S. 354 f.) Um die pestartige Ketzerei auszurotten, befahl der Papst seinem Gesandten, ausser dem Kaiser alle ohne Ruecksicht auf ihr Amt in Kirche und Staat in die Acht zu erklaeren, falls sie es unterliessen, Luther und seine Anhaenger zu ergreifen und der Rache Roms auszuliefern. Seite 133 (Englisch Seite 133,134) Hier zeigte sich der wahre Geist des Papsttums. Nicht ein Anzeichen christlicher Grundsaetze oder auch nur gewoehnlicher Gerechtigkeit war aus dem ganzen Schriftstueck ersichtlich. Luther war weit von Rom entfernt; ihm war keine Gelegenheit gegeben gewesen, seinen Standpunkt zu erklaeren oder zu verteidigen, sondern er war, bevor man seinen Fall untersucht hatte, ohne weiteres als Ketzer erklaert und am selben Tag ermahnt, angeschuldigt, gerichtet und verurteilt worden, und zwar von dem, der sich selbst "Heiliger Vater" nannte, der alleinigen hoechsten, unfehlbaren Autoritaet in Kirche und Staat! Um diese Zeit, da Luther die Liebe und des Rates eines treuen Freundes so sehr bedurfte, sandte Gottes Vorsehung Melanchthon nach Wittenberg. Jung an Jahren, bescheiden und zurueckhaltend in seinem Benehmen, gewannen Melanchthons gesundes Urteil, umfassendes Wissen und gewinnende Beredsamkeit im Verein mit der Reinheit und Redlichkeit seines Charakters ihm allgemeine Achtung und Bewunderung. Seine glaenzenden Talente waren nicht bemerkenswerter als die Sanftmut seines Gemuets. Er wurde bald ein eifriger Juenger des Evangeliums und Luthers vertrautester Freund und wertvollster Helfer; seine Sanftmut, Vorsicht und Genauigkeit ergaenzten Luthers Mut und Tatkraft. Ihr vereintes Wirken gab der Reformation die erforderliche Kraft und war fuer Luther eine Quelle grosser Ermutigung. Augsburg war als Ort des Verhoers bestimmt worden. Der Reformator trat die Reise zu Fuss an. Man hegte seinetwegen ernste Befuerchtungen. Es war ihm oeffentlich gedroht worden, dass er auf dem Wege ergriffen und ermordet wuerde, und seine Freunde baten ihn, sich dem nicht auszusetzen. Sie drangen sogar in ihn, Wittenberg eine Zeitlang zu verlassen und sich dem Schutz derer anzuvertrauen, die ihn bereitwillig beschirmen wuerden. Er aber wollte den Platz nicht verlassen, auf den Gott ihn gestellt hatte. Ungeachtet der ueber ihn hereinbrechenden Stuerme musste er getreulich die Wahrheit weiterfuehren. Er sagte sich: "Ich bin mit Jeremia gaenzlich der Mann des Haders und der Zwietracht ... je mehr sie drohen, desto freudiger bin ich ... mein Name und Ehre muss auch jetzt gut herhalten; also ist mein schwacher und elender Koerper noch uebrig, wollen sie den hinnehmen, so werden sie mich etwa um ein paar Stunden Leben Seite 134 (Englisch Seite 134,135) aermer machen, aber die Seele werden sie mir doch nicht nehmen... wer Christi Wort in die Welt tragen will, muss mit den Aposteln stuendlich gewaertig sein, mit Verlassung und Verleugnung aller Dinge den Tod zu leiden." (Enders, Bd. I. S. 211 f., 10.7.1518) Die Nachricht von Luthers Ankunft in Augsburg erfuellte den paepstlichen Gesandten mit grosser Genugtuung. Der unruhestiftende Ketzer, der die Aufmerksamkeit der ganzen Welt erregte, schien nun in der Gewalt Roms zu sein, und der Legat war entschlossen, ihn nicht entrinnen zu lassen. Der Reformator hatte versaeumt, sich mit einem Sicherheitsgeleit zu versehen. Seine Freunde ueberredeten ihn, nicht ohne Geleit vor dem Gesandten zu erscheinen, und versuchten, ihm eins vom Kaiser zu verschaffen. Der Vertreter Roms hatte die Absicht, Luther - wenn moeglich - zum Widerruf zu zwingen oder, falls ihm dies nicht gelaenge, ihn nach Rom bringen zu lassen, damit er dort das Schicksal eines Hus und Hieronymus teile. Deshalb versuchte er durch seine Beauftragten Luther zu bewegen, ohne Sicherheitsgeleit zu erscheinen und sich seiner Gnade anzuvertrauen. Der Reformator lehnte dies jedoch ab und erschien nicht eher vor dem paepstlichen Gesandten, bis er den Brief, der den Schutz des Kaisers verbuergte, erhalten hatte. Klueglich hatten sich die Roemlinge entschlossen, Luther durch scheinbares Wohlwollen zu gewinnen. Der Legat zeigte sich in seinen Unterredungen mit ihm sehr freundlich, verlangte aber, dass Luther sich der Autoritaet der Kirche bedingungslos unterwerfen und in jedem Punkt ohne Beweis oder Frage nachgeben solle. Er hatte den Charakter des Mannes, mit dem er verhandelte, nicht richtig eingeschaetzt. Luther drueckte in Erwiderung seine Achtung vor der Kirche aus, sein Verlangen nach der Wahrheit, seine Bereitwilligkeit, alle Einwaende gegen das, was er gelehrt hatte, zu beantworten und seine Lehren dem Entscheid gewisser fuehrender Universitaeten zu unterbreiten. Gleichzeitig aber protestierte er gegen die Verfahrensweise des Kardinals, von ihm einen Widerruf zu verlangen, ohne ihm den Irrtum bewiesen zu haben. Die einzige Antwort war: "Widerrufe!" Widerrufe!" Der Reformator berief sich auf die Heilige Schrift und erklaerte entschlossen, dass er die Wahrheit nicht aufgeben koenne. Der Legat, den Beweisfuehrungen Luthers nicht gewachsen, ueberhaeufte ihn so mit Vorwuerfen, Spott und Seite 135 (Englisch Seite 135,136) Schmeicheleien, vermengt mit Zitaten der Kirchenvaeter und aus der Ueberlieferung, dass der Reformator nicht recht zu Worte kam. Luther, der die Nutzlosigkeit einer derartigen Unterredung einsah, erhielt schliesslich die mit Widerstreben erteilte Erlaubnis, seine Verteidigung schriftlich einzureichen. Dadurch erzielte Luther trotz seiner Bedrueckung einen doppelten Gewinn. Er konnte seine Verteidigung der ganzen Welt zur Beurteilung unterbreiten und auch besser durch eine gutausgearbeitete Schrift auf das Gewissen und die Furcht eines anmassenden und geschwaetzigen Tyrannen einwirken, der ihn immer wieder ueberschrie. (Luther, EA, XVII, S. 209; L III, S. 3 f.) Bei der naechsten Zusammenkunft gab Luther eine klare, gedraengte und eindrucksvolle Erklaerung ab, die er durch viele Schriftstellen begruendete, und ueberreichte sie dann dem Kardinal. Dieser warf sie jedoch veraechtlich beiseite mit der Bemerkung, sie enthalte nur eine Menge unnuetze Worte und unzutreffender Schriftstellen. Luther, dem jetzt die Augen aufgegangen waren, begegnete dem ueberheblichen Praelaten auf dessen ureigenstem Gebiet, den Ueberlieferungen und Lehren der Kirche, und widerlegte dessen Darlegungen gruendlich und voellig. Als der Praelat sah, dass Luthers Gruende unwiderlegbar waren, verlor er seine Selbstbeherrschung und rief zornig aus: "Widerrufe!" Wenn er dies nicht sofort taete oder in Rom sich seinen Richtern stellte, so wuerde er ueber ihn und alle, die ihm gewogen seien, den Bannfluch, und ueber alle, zu denen er sich hinwendete, das kirchliche Interdikt verhaengen. Zuletzt erhob sich der Kardinal mit den Worten: "Geh! widerrufe oder komm mir nicht wieder vor die Augen." (Luther, EA, LXIV, S. 361-365; LXII, S. 71 f) Der Reformator zog sich sofort mit seinen Freunden zurueck und gab deutlich zu verstehen, dass man keinen Widerruf von ihm erwarten koenne. Das entsprach keineswegs der Hoffnung des Kardinals. Er hatte sich geschmeichelt, mit Gewalt und Einschuechterung zur Unterwerfung zwingen zu koennen. Mit seinen Helfern jetzt allein gelassen, blickte er hoechst aergerlich ueber das unerwartete Misslingen seiner Anschlaege von einem zum andern. Luthers Bemuehungen bei diesem Anlass waren nicht ohne gute Folgen. Die anwesende grosse Versammlung hatte Gelegenheit die beiden Seite 136 (Englisch Seite 136,137) Maenner zu vergleichen und sich selbst ein Urteil zu bilden ueber den Geist, der sich in ihnen offenbarte, und ueber die Staerke und die Wahrhaftigkeit ihrer Stellung. Welch bezeichnender Unterschied! Luther, einfach, bescheiden, entschieden, stand da in der Kraft Gottes, die Wahrheit auf seiner Seite; der Vertreter des Papstes, eingebildet, anmassend, hochmuetig und unverstaendig, ohne auch nur einen einzigen Beweis aus der Heiligen Schrift, laut schreiend: Widerrufe oder du wirst nach Rom geschickt werden, um dort die verdiente Strafe zu erleiden! Das Sicherheitsgeleit Luthers nicht achten wollend, planten die Roemlinge, ihn zu ergreifen und einzukerkern. Seine Freunde baten ihn dringend, da es fuer ihn nutzlos sei, seinen Aufenthalt zu verlaengern, ohne Aufschub nach Wittenberg zurueckzukehren, dabei aber aeusserst vorsichtig zu Werke zu gehen, um seine Absichten zu verbergen. Demgemaess verliess er Augsburg vor Tagesanbruch zu Pferde, nur von einem Fuehrer geleitet, der ihm vom Stadtoberhaupt zur Verfuegung gestellt wurde. Unter trueben Ahnungen nahm er heimlich seinen Weg durch die dunklen, stillen Strassen der Stadt, sannen doch wachsame und grausame Feinde auf seinen Untergang! Wuerde er den ausgelegten Schlingen entrinnen? Dies waren Augenblicke der Besorgnis und ernsten Gebets. Er erreichte ein kleines Tor in der Stadtmauer. Man oeffnete ihm, und ohne gehindert zu werden, zog er mit seinem Fuehrer hinaus. Sich ausserhalb des Stadtbezirks sicherer fuehlend, beschleunigten die Fluechtlinge ihren Ritt, und ehe noch der Legat von Luthers Abreise Kenntnis erhielt, befand dieser sich ausserhalb des Bereiches seiner Verfolger. Satan und seine Abgesandten waren ueberlistet. Der Mann, den sie in ihrer Gewalt glaubten, war entkommen wie der Vogel den Schlingen des Voglers. Die Nachricht von Luthers Flucht ueberraschte und aergerte den Legaten. Er hatte erwartet, fuer die Klugheit und Entschiedenheit bei seinen Verhandlungen mit diesem Unruhestifter in der Kirche grosse Ehren zu empfangen, fand sich jedoch in seiner Hoffnung getaeuscht. Er gab seinen Zorn in einem Brief an den Kurfuersten von Sachsen, Friedrich den Weisen, Ausdruck, in dem er Luther bitter anschuldigte und verlangte, Friedrich solle den Reformator nach Rom senden oder aus Sachsen verbannen. Seite 137 (Englisch Seite 137,138) Zu seiner Rechtfertigung verlangte Luther, dass der Legat oder der Papst ihn seiner Irrtuemer aus der Heiligen Schrift ueberfuehren solle, und verpflichtete sich feierlichst, seine Lehren zu widerrufen, falls nachgewiesen werden koenne, dass sie dem Worte Gottes widerspraechen. Er dankte Gott, dass er fuer wuerdig erachtet worden sei, um einer so heiligen Sache willen zu leiden. Der Kurfuerst wusste bis dahin nur wenig von den reformierten Lehren; aber die Aufrichtigkeit, die Kraft und die Klarheit der Worte Luthers machten einen tiefen Eindruck auf ihn, und er beschloss, so lange als des Reformators Beschuetzer aufzutreten, bis dieser des Irrtums ueberfuehrt wuerde. Als Erwiderung auf die Forderung des paepstlichen Gesandten schrieb er: "Weil der Doktor Martinus vor euch zu Augsburg erschienen ist, so koennt ihr zufrieden sein. Wir haben nicht erwartet, dass ihr ihn, ohne ihn widerlegt zu haben, zum Widerruf zwingen wollt. Kein Gelehrter in unseren Fuerstenhaeusern hat behauptet, dass die Lehre Martins gottlos, unchristlich und ketzerisch sei." (Luther, EA, op. lat. XXXIII, S. 409 f.; D'Aubigné, "Geschichte der Reformation", 4. Buch, 10. Abschnitt) Der Fuerst weigerte sich, Luther nach Rom zu schicken oder ihn aus seinem Lande zu vertreiben. Der Kurfuerst sah, dass die sittlichen Schranken der Gesellschaft allgemein zusammenbrachen. Eine grosse Reform war noetig geworden. Die verwickelten und kostspieligen polizeilichen und juristischen Einrichtungen waeren unnoetig, wenn die Menschen Gottes Gebote und die Vorschriften eines erleuchteten Gewissens anerkennten und ihnen Gehorsam leisteten. Er sah, dass Luther darauf hinarbeitete, dieses Ziel zu erreichen, und er freute sich heimlich, dass ein besserer Einfluss in der Kirche fuehlbar wurde. Er sah auch, dass Luther als Professor an der Universitaet ungemein erfolgreich war. Nur ein Jahr war verstrichen, seit der Reformator seine Thesen an die Schlosskirche geschlagen hatte; die Zahl der Pilger, welche die Kirche aus Anlass des Allerheiligenfestes besuchten, war geringer geworden. Rom war seiner Anbeter und Opfergaben beraubt worden; aber ihr Platz wurde von einer andern Gruppe eingenommen, die jetzt nach Wittenberg kam - es waren nicht etwa Pilger, die hier Reliquien verehren wollten, sondern Studenten, die die Hoersaele fuellten. Luthers Schriften hatten ueberall ein neues Verlangen nach der Seite 138 (Englisch Seite 138,139) Heiligen Schrift wachgerufen, und nicht nur aus allen Teilen Deutschlands, sondern auch aus andern Laendern stroemten der Universitaet Studenten zu. Juenglinge, die zum erstenmal der Stadt Wittenberg ansichtig wurden, "erhoben die Haende gen Himmel, lobten Gott, dass er wie einst in Zion das Licht der Wahrheit leuchten lasse und es in die fernsten Lande schicke." (D'Aubigné, ebd.) Luther sagte: "Ich sah damals noch sehr wenige Irrtuemer des Papstes." (Luther, EA, LXII, S. 73) Als er aber Gottes Wort mit den paepstlichen Erlassen verglich, schrieb er voll Erstaunen: "Ich gehe die Dekrete der Paepste fuer meine Disputation durch und bin - ich sage dir's ins Ohr - ungewiss, ob der Papst der Antichrist selbst ist oder ein Apostel des Antichrist; elendiglich wird Christus, d. h. die Wahrheit von ihm in den Dekreten gekreuzigt." (Enders, Bd. I, S. 450, 13.3.1519) Aber noch immer war Luther ein Anhaenger der roemischen Kirche und dachte nicht daran, sich von ihr leichtfertig und unueberlegt zu trennen. Die Schriften und Lehren des Reformators gingen zu allen Nationen der Christenheit. Das Werk dehnte sich bis in die Schweiz und nach Holland aus. Abschriften seiner Werke fanden ihren Weg nach Frankreich und Spanien. In England wurden seine Lehren als das Wort des Lebens aufgenommen. Auch nach Belgien und Italien drang die Wahrheit. Tausende erwachten aus einer todesaehnlichen Erstarrung zu der Freude und Hoffnung eines Glaubenslebens. Die Angriffe Luthers erbitterten Rom mehr und mehr, und einige seiner fanatischen Gegner, ja selbst Doktoren katholischer Universitaeten erklaerten, dass, wer Luther ermorde keine Suende begehe. Eines Tages naeherte sich dem Reformator ein Fremder, der eine Pistole unter dem Mantel verborgen hatte, und fragte ihn warum er so allein gehe. "Ich stehe in Gottes Hand", antwortete Luther. "Er ist meine Kraft und mein Schild. Was kann mir ein Mensch tun?" (Luther, EA, LXIV, S. 365 f.) Als der Unbekannte diese Worte hoerte, erblasste er und floh wie vor himmlischen Engeln. Rom hatte die Vernichtung Luthers beschlossen; aber Gott war seine Wehr. Ueberall vernahm man seine Lehren, "in Huetten und Kloestern, in Ritterburgen, in Akademien und koeniglichen Palaesten"; und ueberall Seite 139 (Englisch Seite 139,140) erhoben sich edle, aufrichtige Maenner, um seine Anstrengungen zu unterstuetzen. Um diese Zeit las Luther Hus' Werke und als er dabei fand, dass auch der boehmische Reformator die grosse Wahrheit der Rechtfertigung durch den Glauben hochgehalten hatte, schrieb er: "Ich habe bisher unbewusst alle seine Lehren vorgetragen und behauptet... Wir sind Hussiten, ohne es zu wissen; schliesslich sind auch Paulus und Augustin bis aufs Wort Hussiten. Ich weiss vor starrem Staunen nicht, was ich denken soll, wenn ich die schrecklichen Gerichte Gottes in der Menschheit sehe, dass die offenkundige evangelische Wahrheit schon seit ueber hundert Jahren oeffentlich verbrannt ist und fuer verdammt gilt." (Enders, Bd. II, S. 345, Februar 1520) In einem Sendbrief an den Kaiser und den christlichen Adel deutscher Nation zur Besserung des christlichen Standes schrieb Luther ueber den Papst: "Es ist greulich und erschrecklich anzusehen, dass der Oberste in der Christenheit, der sich Christi Statthalter und Petri Nachfolger ruehmt, so weltlich und praechtig faehrt, dass ihn darin kein Koenig, kein Kaiser mag erlangen und gleich werden... Gleicht sich das mit dem armen Christus und St. Peter, so ist's ein neues Gleichen." "Sie sprechen, er sei ein Herr der Welt; das ist erlogen, denn Christus, des Statthalter und Amtmann er sich ruehmet, sprach vor Pilatus: `Mein Reich ist nicht von dieser Welt.`Es kann doch kein Statthalter weiter regieren denn sein Herr." (Luther, "Ausgewaehlte Werke", Bd II, Muenchen, 1948; D` Aubigné, "Geschichte der Reformation", 6. Buch, 3. Abschnitt, S. 77,81, Stuttgart, 1848) Von den Universitaeten schrieb er folgendes: "Ich habe grosse Sorge, die hohen Schulen seien grosse Pforten der Hoelle, so sie nicht emsiglich die Heilige Schrift ueben und treiben ins junge Volk." "Wo aber die Heilige Schrift nicht regiert, da rate ich fuerwahr niemand, dass er sein Kind hintue. Es muss verderben alles, was nicht Gottes Wort ohne Unterlass treibt. (Luther, "Ausgewaehlte Werke", Bd II, Muenchen, 1948; D'Aubigné, "Geschichte der Reformation", 6. Buch, 3. Abschnitt, S. 77, 81, Stuttgart, 1848) Dieser Aufruf verbreitete sich mit Windeseile ueber ganz Deutschland und uebte einen maechtigen Einfluss auf das Volk aus. Die ganze Nation war in Erregung und grosse Scharen wurden angetrieben, sich um die Fahne der Reformation zu sammeln. Luthers Gegner drangen voller Rachegelueste in den Papst, entscheidende Massnahmen gegen Seite 140 (Englisch Seite 140,141) ihn zu treffen. Es wurde beschlossen, Luthers Lehren sofort zu verdammen. Sechzig Tage wurden dem Reformator und seinen Anhaengern gewaehrt, zu widerrufen; nach dieser Zeit sollten sie sonst aus der Gemeinschaft der Kirche ausgeschlossen werden. Dies war die Zeit einer grossen Entscheidung fuer die Reformation. Jahrhundertelang hatte Rom durch das Verhaengen des Kirchenbannes maechtigen Monarchen Schrecken eingefloesst und gewaltige Reiche mit Elend und Verwuestung erfuellt. Alle von Roms Fluch Betroffenen wurden allgemein mit Furcht und Entsetzen angesehen; sie wurden von dem Verkehr mit ihren Glaubensbruedern ausgeschlossen und als Geaechtete behandelt, die man hetzen muesse, bis sie ausgerottet seien. Luther war nicht blind gegen den ueber ihn hereinbrechenden Sturm; aber er stand fest, vertrauend auf Christus, der sein Helfer und sein Schirm sei. Mit dem Glauben und dem Mut eines Maertyrers schrieb er: "Wie soll es werden? Ich bin blind fuer die Zukunft und nicht darum besorgt sie zu wissen... Wohin der Schlag faellt, wird mich ruhig lassen... Kein Baumblatt faellt auf die Erde ohne den Willen des Vaters, wieviel weniger wir... Es ist ein geringes, dass wir um des Wortes willen sterben oder umkommen, da er selbst im Fleisch erst fuer uns gestorben ist. Also werden wir mit demselben aufstehen, mit welchem wir umkommen und mit ihm durchgehen, wo er zuerst durchgegangen ist, dass wir endlich dahin kommen, wohin er auch gekommen ist und bei ihm bleiben ewiglich." (Enders, Bd. II, S. 484, 485, 1.10.1520; D'Aubigné, ebd., 6. Buch, Kap. 1. S. 113) Als die paepstliche Bulle Luther erreichte, schrieb er: "Endlich ist die roemische Bulle mit Eck angekommen... Ich verlache sie nur und greife sie jetzt als gottlos und luegenhaft ganz eckianisch an. Ihr sehet, dass Christus selbst darin verdammt werde... Ich freue mich aber doch recht herzlich, dass mir um der besten Sache willen Boeses widerfahre. ... Ich bin nun viel freier, nachdem ich gewiss weiss, dass der Papst als der Antichrist und des Satans Stuhl offenbarlich erfunden sei." (Enders, Bd. II, S. 491, 12.10.1520) Doch der Erlass Roms blieb nicht wirkungslos. Gefaengnis, Folter und Schwert erwiesen sich als maechtige Waffen, um Gehorsam zu erzwingen. Schwache und Aberglaeubische erzitterten vor dem Erlass des Papstes. Waehrend man Luther allgemein Teilnahme bekundete hielten Seite 141 (Englisch Seite 141,142) doch viele ihr Leben fuer zu kostbar, um es fuer die Reformation zu wagen. Alles schien darauf hinzudeuten, dass sich das Werk des Reformators seinem Abschluss naeherte. Luther aber blieb noch immer furchtlos. Rom hatte seine Bannflueche gegen ihn geschleudert, und die Welt schaute zu in der sicheren Erwartung, dass er verderben oder sich unterwerfen muesse. Doch mit schrecklicher Gewalt schleuderte er das Verdammungsurteil auf seinen Urheber zurueck und erklaerte oeffentlich seinen Entschluss, auf immer mit Rom zu brechen. In Gegenwart einer grossen Anzahl von Studenten, Gelehrten und Buergersleuten jeglichen Ranges verbrannte Luther die paepstliche Bulle, auch die Dekretalien und andere Schriftstuecke seiner Gegner, die Roms Macht unterstuetzten. Er begruendete sein Vorgehen mit den Worten: "Dieweil durch ihr solch Buecherverbrennen der Wahrheit ein grosser Nachteil und bei dem schlechten, gemeinen Volk ein Wahn dadurch erfolgen moechte zu vieler Seelen Verderben, habe ich ... der Widersacher Buecher wiederum verbannt." "Es sollen diese ein Anfang des Ernstes sein; denn ich bisher doch nur gescherzt und gespielt habe mit des Papstes Sache. Ich habe es in Gottes Namen angefangen; hoffe, es sei an der Zeit, dass es auch in demselben ohne mich sich selbst ausfuehre." (Luther, EA, XXIV, S. 155, 164) Auf die Vorwuerfe seiner Feinde, die ihn mit der Schwaeche seiner Sache stichelten, erwiderte Luther: "Wer weiss, ob mich Gott dazu berufen und erweckt hat und ihnen zu fuerchten ist, dass sie nicht Gott in mir verachten... Mose war allein im Ausgang von Aegypten, Elia allein zu Koenig Ahabs Zeiten, Elisa auch allein nach ihm; Jesaja war allein in Jerusalem... Hesekiel allein zu Babylon... Dazu hat er noch nie den obersten Priester oder andere hohe Staende zu Propheten gemacht; sondern gemeiniglich niedrige, verachtete Personen auferweckt, auch zuletzt den Hirten Amos... Also haben die lieben Heiligen allezeit wider die Obersten, Koenige, Fuersten, Priester, Gelehrten predigen und schelten muessen, den Hals daran wagen und lassen... Ich sage nicht, dass ich ein Prophet sei; ich sage aber, dass ihnen so vielmehr zu fuerchten ist, ich sei einer, so vielmehr sie mich verachten und sich selbst achten... so bin ich jedoch gewiss fuer mich selbst, dass das Wort Gottes bei mir und nicht bei ihnen ist." (Luther, EA, XXIV, S. 58.59) Seite 142 (Englisch Seite 142,143) Aber nicht ohne gewaltigen inneren Kampf entschloss sich Luther schliesslich zu einer Trennung von Rom. Etwa um diese Zeit schrieb er: "Ich empfinde taeglich bei mir, wie gar schwer es ist, langwaehrige Gewissen, und mit menschlichen Satzungen gefangen, abzulegen. Oh, mit wie viel grosser Muehe und Arbeit, auch durch gegruendete Heilige Schrift, habe ich mein eigen Gewissen kaum koennen rechtfertigen, dass ich einer allein wider den Papst habe duerfen auftreten, ihn fuer den Antichrist halten... Wie oft hat mein Herz gezappelt, mich gestraft, und mir vorgeworfen ihr einig staerkstes Argument: Du bist allein klug? Sollten die andern alle irren, und so eine lange Zeit geirrt haben? Wie, wenn du irrest und so viele Leute in den Irrtum verfuehrest, welche alle ewiglich verdammt wuerden? Bis so lang, dass mich Christus mit seinem einigen gewissen Wort befestigt und bestaetigt hat, dass mein Herz nicht mehr zappelt." (Luther, EA, LIII, S. 93,94; Martyn, "Life and Times of Luther", S. 372,373) Der Papst hatte Luther den Kirchenbann angedroht, falls er nicht widerrufen sollte, und die Drohung wurde jetzt ausgefuehrt. Eine neue Bulle erschien, welche die endgueltige Trennung des Reformators von der roemischen Kirche aussprach, ihn als vom Himmel verflucht erklaerte und in die gleiche Verdammung alle einschloss, die seine Lehren annehmen wuerden. Der grosse Kampf hatte nun mit aller Gewalt begonnen. Widerstand ist das Schicksal aller, die Gott benutzt, um Wahrheiten, die besonders fuer ihre Zeit gelten, zu verkuendigen. Es gab eine gegenwaertige Wahrheit in den Tagen Luthers - eine Wahrheit, die zu jener Zeit von besonderer Wichtigkeit war; es gibt auch eine gegenwaertige Wahrheit fuer die heutige Kirche. Gott, der alles nach dem Rat seines Willens vollzieht, hat es gefallen, die Menschen in verschiedene Verhaeltnisse zu bringen und ihnen Pflichten aufzuerlegen, die der Zeit, in der sie leben, und den Umstaenden, in denen sie sich befinden, entsprechen. Wuerden sie das ihnen verliehene Licht wertschaetzen, so wuerde ihnen auch die Wahrheit in hoeherem Masse offenbart werden. Aber die Mehrzahl der Menschen begehrt die Wahrheit heutzutage ebensowenig zu wissen wie damals die Roemlinge, die Luther widerstanden. Es besteht noch heute die gleiche Neigung wie in frueheren Zeiten, statt des Wortes Gottes Ueberlieferungen und menschliche Seite 143 (Englisch Seite 143,144) Theorien anzunehmen. Wer die Wahrheit fuer diese Zeit bringt, darf nicht erwarten, eine guenstigere Aufnahme zu finden als die frueheren Reformatoren. Der grosse Kampf zwischen Wahrheit und Irrtum, zwischen Christus und Satan wird bis zum Ende der Geschichte dieser Welt an Heftigkeit zunehmen. Jesus sagte zu seinen Juengern: "Waeret ihr von der Welt, so haette die Welt das Ihre lieb; weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich habe euch von der Welt erwaehlt, darum hasst euch die Welt. Gedenket an mein Wort, das ich euch gesagt habe: `Der Knecht ist nicht groesser denn sein Herr.` Haben sie mich verfolgt, sie werden euch auch verfolgen; haben sie mein Wort gehalten, so werden sie eures auch halten." (Joh. 15. 19,20) Anderseits erklaerte unser Heiland deutlich: "Weh euch, wenn euch jedermann wohlredet! Desgleichen taten ihre Vaeter den falschen Propheten auch." (Luk. 6, 26) Der Geist der Welt steht heute dem Geist Christi nicht naeher als in frueheren Zeiten. Wer das Wort Gottes in seiner Reinheit verkuendigt, wird heute nicht willkommener sein als damals. Die Art und Weise des Widerstandes gegen die Wahrheit mag sich aendern, die Feindschaft mag weniger offen sein, weil sie verschlagener ist; aber dieselbe Feindschaft besteht noch und wird bis zum Ende der Zeit sichtbar sein. Seite 144 (Englisch Seite 144) Anmerkungen * S.127 (Zurueck) |