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Der grosse Kampf zwischen Licht und Finsternis "Untreue und Abfall in der Christenheit" Die Waldenser Inmitten der Dunkelheit, die sich waehrend der langen paepstlichen Herrschaft ueber die Erde lagerte, konnte das Licht der Wahrheit nicht voellig ausgeloescht werden. Zu jeder Zeit gab es Zeugen fuer Gott - Menschen, die den Glauben an Christus als den einzigen Vermittler zwischen Gott und den Menschen werthielten, denen die Bibel als einzige Richtschnur des Lebens galt und die den wahren Sabbat feierten. Wieviel die Welt diesen Menschen schuldet, wird die Nachwelt nie erkennen. Sie wurden als Ketzer gebrandmarkt, ihr Charakter verleumdet, ihre Beweggruende angefochten, ihre Schriften unterdrueckt, missdeutet oder entstellt; dennoch standen sie fest und bewahrten von Jahrhundert zu Jahrhundert ihren Glauben in seiner Reinheit als heiliges Erbteil fuer die kommenden Geschlechter. Die Geschichte des treuen Volkes Gottes waehrend der langen Zeit der Finsternis, die dem Beginn der Oberherrschaft Roms folgte, steht im Himmel verzeichnet, aber in den menschlichen Berichten wird ihr nur wenig Platz eingeraeumt. Ausser den Anklagen ihrer Verfolger zeugen nur wenige Spuren von dem einstigen Dasein dieser Menschen. Es war Roms Verfahrensweise, die geringste sich zeigende Spur einer Abweichung von seinen Grundsaetzen oder Verordnungen radikal auszuloeschen. Alles ketzerische, ob Menschen oder Schriften suchte es auszutilgen. Geaeusserte Zweifel oder Fragen hinsichtlich der Autoritaet der paepstlichen Glaubenssaetze genuegten, dass Reiche oder Arme, Hohe oder Niedrige ihr Leben verwirkten. Rom war bemueht, jeden Bericht ueber seine Grausamkeiten gegen Andersglaeubige zu vernichten. Paepstliche Konzilien beschlossen, dass Buecher und Aufzeichnungen derartigen Inhalts den Flammen zu uebergeben seien. Vor Erfindung der Buchdruckerkunst gab es nur wenige Buecher, die sich zudem kaum zur Seite 61 (Englisch Seite 61,62) Aufbewahrung eigneten; daher fiel es Rom nicht schwer, seine Absicht zu verwirklichen. Keine Gemeinde innerhalb der Grenzen der roemischen Gerichtsbarkeit blieb lange ungestoert im Genuss der Gewissensfreiheit. Kaum hatte das Papsttum Macht erlangt, als es schon seine Arme ausstreckte, um alles zu vernichten, was sich weigerte, seine Oberherrschaft anzuerkennen. Eine Gemeinde nach der anderen unterwarf sich seiner Gewalt. In Grossbritannien hatte das Urchristentum schon sehr frueh Wurzeln gefasst.(*)Das von den Briten in den ersten Jahrhunderten angenommene Evangelium war damals noch frei von abtruennigen roemischen Lehren. Die Verfolgung durch heidnische Kaiser, die sich bis nach diesen entfernten Kuesten ausdehnte, war das einzige "Geschenk", das die ersten Gemeinden der Briten von Rom empfingen. Viele Christen, die vor der Verfolgung aus England flohen, fanden Zuflucht in Schottland, von dort wurde die Wahrheit nach Irland getragen, und in allen diesen Laendern nahm man sie mit Freuden auf. Als die Sachsen in Britannien eindrangen, gewann das Heidentum die Herrschaft. Die Eroberer verschmaehten es, sich von ihren Sklaven unterweisen zu lassen und zwangen die Christen, sich in die Berge und wilden Moore zurueckzuziehen. Doch das eine Zeitlang verborgene Licht brannte weiter. In Schottland schien es ein Jahrhundert spaeter mit einem Glanz, der sich ueber weit entlegene Laender erstreckte. Von Irland kamen der fromme Columban und seine Mitarbeiter; sie sammelten die zerstreuten Glaeubigen auf der einsamen Insel Hy-Jona um sich, die sie zum Mittelpunkt ihrer Missionstaetigkeit machten. Unter diesen Evangelisten befand sich einer, der den biblischen Sabbat hielt, und so wurde diese Wahrheit unter das Volk verbreitet. Auf Hy-Jona wurde ein Kloster errichtet, von dem aus Evangelisten nicht nur nach Schottland und England, sondern auch nach Deutschland, der Schweiz und sogar nach Italien gingen. Aber Rom hatte seine Augen auf Britannien gerichtet und war entschlossen, es seinem Machtbereich einzugliedern. Im 6. Jahrhundert begannen seine Sendboten die Bekehrung der heidnischen Sachsen. Sie wurden von den stolzen Barbaren guenstig aufgenommen und brachten viele Tausende zum Bekenntnis des roemischen Glaubens. Seite 62 (Englisch Seite 62,63) Beim Fortschritt des Werkes trafen die paepstlichen Fuehrer und ihre Bekehrten mit Glaeubigen zusammen, die am urspruenglichen Christenglauben festhielten, die in ihrem Charakter, in ihrer Lehre und Lebensart einfach, bescheiden und schriftgemaess lebten. Die roemischen Abgesandten verlangten, dass die Christengemeinden die Oberherrschaft des Papstes anerkennen sollten. Die Briten erwiderten freundlich, dass sie alle Menschen zu lieben wuenschten, dass jedoch der Papst nicht zur Oberherrschaft in der Kirche berechtigt sei und sie ihm nur jene Untertaenigkeit erweisen koennten, die jedem Nachfolger Christi gebuehre. Wiederholte Versuche wurden unternommen, um sich ihrer Untertanentreue gegen Rom zu versichern; aber diese demuetigen Christen, erstaunt ueber den von Roms Sendlingen zur Schau getragenen Stolz erwiderten standhaft, dass sie keinen andern Herrn als Christus kennten. Nun offenbarte sich der wahre Geist des Papsttums. Der Vertreter Roms sagte: "Wenn ihr die Bruderhand, die euch den Frieden bringen will, nicht annehmen moegt, so sollt ihr Feinde bekommen, die euch den Krieg bringen, wenn ihr nicht mit uns den Sachsen den Weg des Lebens verkuendigen wollt, so sollt ihr von ihrer Hand den Todesstreich empfangen." In den Laendern ausserhalb der Gerichtsbarkeit Roms bestanden jahrhundertelang Gemeinschaften von Christen, die sich von der paepstlichen Verderbnis beinahe freihielten. Sie waren vom Heidentum umgeben und litten im Laufe der Jahre durch dessen Irrtuemer; aber sie betrachteten weiterhin die Bibel als alleinige Richtschnur des Glaubens und hielten an manchen Wahrheiten fest. Sie glaubten an die ewige Gueltigkeit des Gesetzes Gottes und feierten den Sabbat des vierten Gebotes. Derartige Gemeinden fanden sich in Afrika und unter den Armeniern in Kleinasien. Unter denen aber, die sich den Eingriffen der paepstlichen Macht widersetzten, standen die Waldenser mit an erster Stelle. Gerade in Seite 63 (Englisch Seite 63,64) dem Lande, in dem das Papsttum seinen Sitz aufgeschlagen hatte, wurde seiner Falschheit und Verderbtheit der entschlossenste Widerstand geleistet. Jahrhundertelang erhielten sich die Gemeinden in Piemont ihre Unabhaengigkeit, aber schliesslich kam die Zeit, da Rom auf ihrer Unterwerfung bestand. Nach erfolglosen Kaempfen gegen die roemische Tyrannei erkannten die Leiter dieser Gemeinden widerstrebend die Oberherrschaft der Macht an, der sich die ganze Welt zu beugen schien. Eine Anzahl jedoch weigerte sich, der Autoritaet des Papstes oder der geistlichen Wuerdentraeger nachzugeben, und war entschlossen, Gott die Treue zu halten und die Reinheit und Klarheit des Glaubens zu bewahren. Als Folge dieser Entwicklung zerfiel die Einheit dieser Gemeinden. Die dem alten Glauben treu blieben, zogen sich zurueck; einige verliessen ihre heimatlichen Alpen und richteten das Banner der Wahrheit in fremden Laendern auf; andere zogen sich in entlegene Schluchten und felsige Bergfesten zurueck und bewahrten sich dort ihre Freiheit, Gott zu verehren. Der Glaube, der Jahrhunderte hindurch von den Waldensern bewahrt und gelehrt wurde, stand in scharfem Gegensatz zu den von Rom verkuendeten Lehrsaetzen. Ihre religioese Auffassung gruendete sich auf das geschriebene Wort Gottes, auf die Grundsaetze des wahren Christentums. Doch waren jene einfachen Landleute in ihren dunklen Zufluchtsorten, abgeschlossen von der Welt und an ihre taeglichen Pflichten unter ihren Herden und in ihren Weingaerten gebunden, nicht von selbst zu der Wahrheit gekommen, die im Widerspruch zu den Lehrsaetzen und Irrlehren der gefallenen Kirche stand; ihre religioese Ueberzeugung war nicht erst neu angenommen worden, sondern sie war ein Erbgut ihrer Vaeter. Sie kaempften fuer den Glauben der apostolischen Kirche, "der einmal den Heiligen uebergeben ist". (Jud. 3) Die Gemeinde in der Wueste und nicht die stolze Priesterherrschaft auf dem Thron Roms war die wahre Gemeinde Christi, der Waechter der Schaetze der Wahrheit, die Gott seinem Volk anvertraut hatte, um sie der Welt zu uebermitteln. Zu den hauptsaechlichsten Ursachen, die zur Trennung der wahren Gemeinde von Rom gefuehrt hatten, gehoerte dessen Hass gegen den biblischen Sabbat. Wie von der Prophezeiung vorhergesagt, warf die Seite 64 (Englisch Seite 64,65) paepstliche Macht die Wahrheit zu Boden. Das Gesetz Gottes wurde in den Staub getreten, waehrend man die Ueberlieferungen und Gebraeuche der Menschen erhob. Die Kirchen, die unter der Herrschaft des Papsttums standen, zwang man schon sehr frueh, den Sonntag als einen heiligen Tag zu ehren. Der vorherrschende Irrtum und Aberglaube verwirrte selbst viele Angehoerige des wahren Volkes Gottes, so dass sie den Sabbat feierten und auch am Sonntag nicht arbeiteten. Dies aber genuegte den paepstlichen Wuerdentraeger nicht. Sie verlangten, dass der Sonntag geheiligt und der Sabbat entheiligt wuerde, und sie verurteilten mit den staerksten Ausdruecken alle jene, die es wagten, nach wie vor den biblischen Sabbat zu feiern. Nur wer der roemischen Macht entronnen war, konnte dem Gesetz Gottes in Frieden gehorchen. Die Waldenser gehoerten mit zu den ersten Voelkern Europas, die in den Besitz einer Uebersetzung der Heiligen Schrift gelangten.(*) Jahrhunderte vor der Reformation besassen sie eine Abschrift der Bibel in ihrer Muttersprache; damit besassen sie die Wahrheit unverfaelscht und zogen sich dadurch in besonderer Weise Hass und Verfolgung zu. Sie erklaerten die roemische Kirche fuer das abtruennige Babylon aus der Offenbarung und erhoben sich unter Gefahr ihres Lebens, um seinen Verfuehrungen zu widerstehen. Hinter den hohen Bollwerken des Gebirges - zu allen Zeiten der Zufluchtsort fuer die Verfolgten und Unterdrueckten - fanden die Waldenser ein Versteck. Hier leuchtete das Licht der Wahrheit auch waehrend der Finsternis des Mittelalters; hier bewahrten 1000 Jahre lang Zeugen der Wahrheit den alten Glauben. Seite 65 (Englisch Seite 65,66) Gott hatte fuer sein Volk ein Heiligtum von erhabener Wuerde vorgesehen, den gewaltigen Wahrheiten entsprechend, die ihm anvertraut worden waren. Jenen getreuen Verbannten waren die Berge ein Sinnbild der unwandelbaren Gerechtigkeit des Hoechsten. Sie wiesen ihre Kinder auf die Hoehen hin, die sich in unveraenderlicher Majestaet vor ihnen auftuermten, und erzaehlten ihnen von dem Allmaechtigen, bei dem weder Unbestaendigkeit noch Wechsel ist, dessen Wort ebenso festgegruendet ist wie die ewigen Huegel. Gott hatte die Berge gesetzt und sie mit Staerke umguertet; kein Arm ausser dem der unendlichen Macht konnte sie von ihrem Ort bewegen. In gleicher Weise hatte Gott sein Gesetz, die Grundlage seiner Regierung im Himmel und auf Erden, aufgerichtet. Wohl konnte der Arm des Menschen seine Mitmenschen erreichen und deren Leben vernichten; aber er vermochte ebensowenig die Berge aus ihren Grundfesten zu reissen und sie ins Meer zu schleudern wie eines der Gebote Gottes zu veraendern oder eine seiner Verheissungen auszutilgen, die denen gegeben sind, die seinen Willen tun. In ihrer Treue zu Gottes Gesetz sollten seine Diener ebenso fest stehen wie die unveraenderlichen Berge. Die Gebirge, die ihre tiefen Taeler umrahmten, waren staendige Zeugen von Gottes Schoepfungsmacht und eine untruegliche Buergschaft seiner schuetzenden Fuersorge. Jene Pilger gewannen die stummen Sinnbilder der Gegenwart des Allmaechtigen lieb. Sie klagten nicht ueber die Haerte ihres Schicksals und fuehlten sich inmitten der Einsamkeit der Berge nie allein. Sie dankten Gott, dass er ihnen einen Zufluchtsort vor dem Zorn und der Grausamkeit der Menschen bereitet hatte. Sie freuten sich ihrer Freiheit, vor ihm anzubeten. Oft, wenn sie von ihren Feinden verfolgt wurden, erwies sich die Feste der Hoehen als sicherer Schutz. Von manchem hohen Felsen sangen sie das Lob Gottes, und die Heere Roms konnten ihre Dankeslieder nicht zum Schweigen bringen. Rein, einfaeltig und inbruenstig war die Froemmigkeit dieser Nachfolger Christi. Sie schaetzten die Grundsaetze der Wahrheit hoeher als Haeuser, Gueter, Freunde, Verwandte, ja selbst hoeher als das Leben. Ernstlich versuchten sie, diese Grundsaetze den Herzen der Jugend einzupraegen. Von fruehester Kindheit an wurden die Kinder in der Heiligen Schrift unterwiesen und gelehrt, die Forderungen des Gesetzes Seite 66 (Englisch Seite 66,67) Gottes unverbruechlich zu achten. Da es nur wenige Abschriften der Bibel gab, wurden ihre koestlichen Worte dem Gedaechtnis eingepraegt, und viele Waldenser wussten grosse Teile des Alten und Neuen Testaments auswendig. Gedanken an Gott wurden sowohl mit der majestaetischen Natur als auch mit den bescheidenen Segnungen des taeglichen Lebens verknuepft. Bereits die Kleinsten wurden angehalten, dankbar zu Gott als den Geber aller Hilfe und allen Trostes aufzublicken. Die Eltern, so zaertlich und liebevoll auch ihren Kindern entgegenkamen, in ihrer Liebe zu ihnen waren sie zu klug, um sie daran zu gewoehnen, gegen sich selbst nachsichtig zu sein. Vor ihnen lag ein Leben voller Pruefungen und Schwierigkeiten, vielleicht der Maertyrertod. Sie wurden von Kindheit an dazu erzogen, Schwierigkeiten zu ertragen, etwaige Befehle zu befolgen und doch selbstaendig zu denken und zu handeln. Schon frueh wurden sie gelehrt, Verantwortungen zu uebernehmen, ihre Worte genau zu waegen und die Klugheit des Schweigens zu verstehen. Ein unbedachtes Wort, das in Gegenwart von Feinden fiel, konnte nicht nur das Leben des Sprechers, sondern auch das von Hunderten seiner Brueder gefaehrden; denn gleich den Woelfen, die ihre Beute jagen, verfolgten die Feinde der Wahrheit jene, die es wagten, Glaubensfreiheit zu beanspruchen. Die Waldenser hatten ihre weltliche Wohlfahrt um der Wahrheit willen geopfert und arbeiteten muehselig und beharrlich fuer ihr taegliches Brot. Jeder Fleck bestellbaren Bodens in den Gebirgen wurde sorgfaeltig ausgenutzt; die Taeler und die wenigen fruchtbaren Abhaenge wurden urbar gemacht. Sparsamkeit und strenge Selbstverleugnung bildeten einen Teil der Erziehung, die die Kinder als einziges Vermaechtnis erhielten. Man lehrte sie, dass Gott das Leben zu einer Schule bestimmt habe und dass ihre Beduerfnisse nur durch persoenliche Arbeit, durch Vorsorge, Muehe und Glauben gedeckt werden koennten. Wohl war diese Methode muehevoll und beschwerlich, aber es war heilsam und gerade das, was allen Menschen in ihrem gefallenen Zustand not tut; es war die Schule, die Gott fuer ihre Erziehung und Entwicklung vorgesehen hatte. Waehrend die Jugend an Muehsal und Ungemach gewoehnt wurde, vernachlaessigte man nicht die Bildung des Verstandes. Man lehrte, dass alle Kraefte Gott gehoeren und dass sie fuer seinen Dienst vervollkommnet und entfaltet werden muessen. Seite 67 (Englisch Seite 67,68) Die Gemeinden der Waldenser glichen in ihrer Reinheit und Schlichtheit der Gemeinde zu den Zeiten der Apostel. Indem sie die Oberherrschaft des Papstes und seiner Wuerdentraeger verwarfen, hielten sie die Heilige Schrift fuer die hoechste und einzig unfehlbare Autoritaet. Ihre Prediger folgten dem Beispiel ihres Meisters, der nicht gekommen war, "dass er sich dienen lasse, sondern, dass er diene". Sie weideten die Herde Gottes, indem sie sie auf die gruene Aue und zu dem frischen Wasser seines heiligen Wortes fuehrten. Weit abgelegen von den Denkmaelern weltlicher Pracht und Ehre versammelte sich das Volk nicht in stattliche Kirchen oder grossartigen Kathedralen, sondern im Schatten der Gebirge, in den Alpentaelern oder in Zeiten der Gefahr in dieser oder jener Felsenfeste, um den Worten der Wahrheit aus dem Munde der Diener Christi zu lauschen. Die Geistlichen predigten nicht nur das Evangelium, sie besuchten auch die Kranken, unterrichteten die Kinder, ermahnten die Irrenden und versuchten, Streitigkeiten zu schlichten und Eintracht und bruederliche Liebe zu foerdern. In friedlichen Zeiten wurden sie durch die freiwilligen Gaben des Volkes unterhalten; doch gleich Paulus, dem Zeltmacher, erlernte jeder ein Handwerk oder einen Beruf, durch den er im Notfall fuer seinen eigenen Unterhalt sorgen konnte. Die Prediger unterrichteten die Jugend. Waehrend die Zweige des allgemeinen Wissens beachtet wurden, gehoerte doch der Bibel das Hauptstudium. Die Schueler lernten neben vielen paulinischen Briefen das Matthaeus- und das Johannesevangelium auswendig und befassten sich mit dem Abschreiben der Heiligen Schrift. Etliche Handschriften enthielten die ganze Bibel, andere nur kurze Auszuege, denen von Personen, die imstande waren, die Bibel auszulegen, einige einfache Texterklaerungen beigefuegt waren. Auf diese Weise wurden die Schaetze der Wahrheit zutage gefoerdert, die jene, die sich ueber Gott erheben wollten, so lange verborgen hatten. Durch geduldige, unermuedliche Arbeit, oft in den tiefen, finsteren Felsenhoehlen bei Fackellicht, wurden die heiligen Schriften Vers fuer Vers, Kapitel fuer Kapitel abgeschrieben. So ging das Werk voran, indem der offenbarte Wille Gottes wie reines Gold hervorleuchtete; wieviel strahlender, klarer und maechtiger infolge der Pruefungen, die um seinetwillen erduldet wurden, konnten nur die erkennen, die sich Seite 68 (Englisch Seite 68,69) an dieser grossartigen Aufgabe beteiligten. Engel Gottes umgaben staendig diese treuen Diener des Evangeliums. Priester und Praelaten versuchten das Wort der Wahrheit unter dem Schutt des Irrtums, der Ketzerei und des Aberglaubens zu begraben; aber in hoechst wunderbarer Weise wurde es in dem finsteren Zeitalter unverfaelscht bewahrt. Es trug nicht das Gepraege des Menschen, sondern das Siegel Gottes. Die Menschen sind unermuedlich gewesen in ihren Anstrengungen, die klare, einfache Bedeutung der Schrift zu verdunkeln und sie so hinzustellen, als widerspraeche sie ihrem eigenen Zeugnis; aber gleich der Arche auf den Wogen der Tiefe widerstand das Wort Gottes den Stuermen, die ihm mit Vernichtung drohten. Wie eine Mine reiche Gold- und Silberadern durchziehen, die unter der Oberflaeche verborgen liegen, so dass alle, die ihre koestlichen Schaetzen entdecken wollen, danach graben muessen, hat die Heilige Schrift Schaetze der Wahrheit, die nur dem ernsten, demuetigen, instaendig betenden Sucher offenbar werden. Dass die Bibel ein Lehrbuch fuer alle Menschen, und zwar fuer die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen sein soll, ist Gottes eindeutiger Wille. Immer sollte es erforscht werden. Gott gab den Menschen sein Wort als eine Offenbarung seines Wesens. Mit jeder neuerkannten Wahrheit wird der Charakter ihres Urhebers deutlicher enthuellt. Das Studium der Heiligen Schrift ist das von Gott verordnete Mittel, Menschen in engere Verbindung mit ihrem Schoepfer zu bringen und ihnen eine klarere Erkenntnis seines heiligen Willens zu geben. Es knuepft die Verbindung zwischen Gott und dem Menschen. Waehrend die Waldenser die Furcht des Herrn als der Weisheit Anfang erkannten, uebersahen sie keineswegs die Wichtigkeit einer Beruehrung mit der Welt, einer Kenntnis der Menschen und des taetigen Lebens, um den Geist zu erweitern und den Verstand zu schaerfen. Aus ihren Schulen in den Bergen wurden etliche Juenglinge auf Erziehungsanstalten in Frankreich oder Italien gesandt, wo sie ein ausgedehnteres Feld zum Studieren, Denken und Beobachten haben konnten als in ihren heimatlichen Alpen. Die auf diese Weise hinausgesandten Juenglinge waren Versuchungen ausgesetzt; sie sahen Laster und begegneten Satans verschlagenen Dienern, die ihnen die verfaenglichsten Irrlehren und die gefaehrlichsten Taeuschungen aufzudraengen suchten. Seite 69 (Englisch Seite 69,70) Aber ihre Erziehung von Kind auf war dazu angelegt, sie auf alle diese Gefahren vorzubereiten. In den Schulen, die sie besuchten, sollten sie niemanden zum Vertrauten machen. Ihre Kleider waren so zugeschnitten, dass sie ihren groessten Schatz - die wertvollen Abschriften der Heiligen Schrift - darin verbergen konnten. Diese Handschriften, die Frucht monate- und jahrelanger harter Arbeit, fuehrten sie mit sich, und wenn es ihnen, ohne Verdacht zu erregen, moeglich war, boten sie diese denen an, deren Herzen fuer die Wahrheit empfaenglich zu sein schienen. Von klein auf waren die waldensischen Juenglinge mit diesem Ziel vor Augen erzogen worden; sie verstanden ihr Werk und fuehrten es gewissenhaft aus. Viele wurde in diesen Lehranstalten zum wahren Glauben bekehrt, ja, haeufig durchdrangen dessen Grundsaetze die ganze Schule, und doch konnten die paepstlichen Leiter trotz sorgfaeltigen Nachforschens der sogenannten verderblichen Ketzerei nicht auf den Grund kommen. Der Geist Christi offenbart sich als ein Missionsgeist. Das erneuerte Herz draengt zu allererst dahin, andere Menschen zum Heiland zu bringen. Derart war auch der Geist der Waldenser. Sie fuehlten, dass Gott mehr von ihnen verlangte, als nur die Wahrheit in ihrer Lauterkeit unter den eigenen Gemeinden zu erhalten; dass auf ihnen die feierliche Verpflichtung ruhte, ihr Licht denen leuchten zu lassen, die in der Finsternis waren, und durch die gewaltige Macht des Wortes suchten sie die Knechtschaft, die Rom auferlegt hatte, zu sprengen. Die Prediger der Waldenser wurden als Missionare ausgebildet, und jeder, der ins Predigtamt eintreten wollte, musste zuerst Erfahrungen als Evangelist sammeln - musste drei Jahre lang in dem einen oder anderen Missionsfeld wirken, ehe er als Leiter einer Gemeinde in der Heimat eingesetzt wurde. Dieser Dienst, der von vornherein Selbstverleugnung und Opfer forderte, war eine geeignete Einfuehrung in die Erfahrungen eines Predigers in jenen Zeiten, welche die Menschenherzen auf die Probe stellten. Die jungen Menschen, die zum heiligen Amt eingesegnet wurden, hatten keineswegs irdische Reichtuemer und Ehren in Aussicht, sondern sahen einem Leben voller Muehen und Gefahren und moeglicherweise dem Maertyrertod entgegen. Die Sendboten gingen zu zweien hinaus, wie Jesus einst seine Juenger ausgesandt hatte. Jeden Juengling begleitete gewoehnlich ein erfahrener Seite 70 (Englisch Seite 70,71) Alter, der dem Juengeren als Fuehrer diente und fuer dessen Ausbildung er verantwortlich war. Seinen Anweisungen musste jener folgen. Diese Mitarbeiter waren nicht immer beisammen, trafen sich aber oft, um zu beten und zu beraten. Auf diese Weise staerkten sie sich gegenseitig im Glauben. Es wuerde sicherlich zu Niederlagen gefuehrt haben, wenn diese Leute das Ziel ihrer Missionstaetigkeit bekanntgegeben haetten; deshalb verbargen sie sorgfaeltig ihre wirkliche Aufgabe. Jeder Prediger verstand irgendein Handwerk oder Gewerbe, und diese Glaubensboten fuehrten ihre Aufgabe unter dem Gewand eines weltlichen Berufes, gewoehnlich dem eines Verkaeufers oder Hausierers, durch. "Sie boten Seide, Schmucksachen und andere Gegenstaende, die zu jener Zeit nur aus weit entfernten Handelsplaetzen zu beziehen waren, zum Verkauf an und wurden dort als Handelsleute willkommen geheissen, wo sie als Missionare zurueckgewiesen worden waren." (Wylie, "History of Protestantism", 1. Buch Kap. 4) Sie erhoben ihre Herzen zu Gott um Weisheit, damit sie einen Schatz, koestlicher als Gold und Edelsteine, ausbreiten konnten. Sie trugen Abschriften der ganzen Heiligen Schrift oder Teile derselben verborgen bei sich, und wenn sich eine Gelegenheit bot, lenkten sie die Aufmerksamkeit ihrer Kunden auf diese Handschriften. Oft wurde auf diese Weise das Verlangen wachgerufen, Gottes Wort zu lesen, und ein Teil der Schrift denen mit Freuden ueberlassen, die es annehmen wollten. Das Werk dieser Sendboten begann in den Ebenen und Taeler am Fusse ihrer eigenen Berge, erstreckte sich jedoch weit ueber diese Grenzen hinaus. Barfuss, in groben, von der Reise beschmutzten Gewaendern, gleich denen ihres Herrn, zogen sie durch grosse Staedte und drangen bis in entlegene Laender vor. Ueberall streuten sie die koestliche Saat aus. Gemeinden entstanden auf ihrem Wege, und das Blut von Maertyrern zeugte fuer die Wahrheit. Der Tag Gottes wird eine reiche Ernte an Seelen offenbaren, die durch die Arbeit dieser Maenner eingesammelt wurde. Heimlich und schweigend bahnte sich Gottes Wort seinen Weg durch die Christenheit und fand in vieler Menschen Herz und Haus freundliche Aufnahme. Den Waldensern war die Heilige Schrift nicht nur ein Bericht ueber Gottes Handlungsweise mit den Menschen in der Vergangenheit und Seite 71 (Englisch Seite 71,72) eine Offenbarung der Verantwortungen und Pflichten in der Gegenwart, sondern auch eine Enthuellung der Gefahren, aber auch der Herrlichkeit der Zukunft. Sie glaubten, dass das Ende aller Dinge nicht mehr fern sei. Indem sie die Heilige Schrift unter Gebet und Traenen erforschten, machten ihre koestlichen Aussagen einen um so tieferen Eindruck, und sie erkannten deutlicher ihre Pflicht, anderen die darin enthaltenen heilsbringenden Wahrheiten mitzuteilen. Durch das heilige Buch wurde vor ihnen der Erloesungsplan klar ausgebreitet, und sie fanden Trost, Hoffnung und Frieden im Glauben an Jesus. Je mehr das Licht ihr Verstaendnis erleuchtete und ihre Herzen froehlich machte, desto staerker sehnten sie sich danach, seine Strahlen auch auf die zu lenken, die noch in der Finsternis des paepstlichen Irrtums schmachteten. Sie sahen, dass sich unter Fuehrung des Papstes und der Priester viele Menschen umsonst muehten, durch Peinigung ihrer Leiber Vergebung der Suenden zu empfangen. Belehrt, ihre Seligkeit durch gute Werke zu verdienen, waren diese Menschen staendig mit sich selbst beschaeftigt; ihre Gedanken verweilten bei ihrem suendigen Zustand, sie waehnten sich dem Zorn Gottes ausgesetzt, kasteiten den Leib und fanden doch keine Erleichterung. So wurden gewissenhafte Menschen durch die Lehren Rom gebunden. Tausende verliessen Freunde und Verwandte und brachten ihr Leben in Klosterzellen zu. Durch haeufiges Fasten und grausame Geisselungen, durch naechtliche Andachten und stundenlanges Knien auf den kalten, feuchten Steinen ihrer armseligen Behausungen, durch lange Pilgerfahrten, erniedrigende Bussuebungen und furchtbare Qualen versuchten Tausende vergebens den Frieden des Gewissens zu erlangen. Niedergebeugt von dem Bewusstsein der Suende und verfolgt von der Furcht vor dem strafenden Zorn Gottes litten viele Menschen so lange, bis ihre erschoepfte Natur vollstaendig unterlag und sie ohne einen Licht- oder Hoffnungsstrahl ins Grab sanken. Diesen schmachtenden Seelen das Brot des Lebens zu brechen, ihnen die Botschaft des Friedens in den Verheissungen Gottes zu erschliessen und sie auf Christus, des Menschen einzige Hoffnung, hinzuweisen, war das Lebensziel der Waldenser. Die Lehre, dass gute Werke die Uebertretung des Gesetzes Gottes aufzuheben vermoegen, betrachteten Seite 72 (Englisch Seite 72,73) sie als Irrtum. Sich auf menschliches Verdienst zu verlassen, versperrt dem Blick die unendliche Liebe Christi. Jesus starb als Opfer fuer die Menschen, weil die suendige Menschheit nichts tun kann, um das Wohlgefallen Gottes zu erringen. Die Verdienste eines gekreuzigten und auferstandenen Heilandes bilden die Grundlage des christlichen Glaubens. Die Seele ist von Christus genauso abhaengig, wie ein Glied von dem Leibe oder eine Rebe von dem Weinstock; ebenso innig, wie diese verbunden sind, muss die Verbindung mit ihm durch den Glauben sein. Die Lehren der Paepste und Priester hatten die Menschen verleitet, Gottes und selbst Christi Charakter fuer hat, finster und abstossend zu halten. Der Heiland wurde dargestellt, als ob es ihm an Anteilnahme mit den Menschen in ihrem gefallenen Zustand so sehr fehlte, dass die Vermittlung von Priestern und Heiligen notwendig sei. Die Glaeubigen, deren Verstaendnis durch das Wort Gottes erleuchtet war, verlangten danach, diese Menschen auf Jesus als ihren barmherzigen, liebenden Heiland hinzuweisen, der mit ausgestreckten Armen alle einlaedt, mit ihren Suendenlasten, ihren Sorgen und Schwierigkeiten zu ihm zu kommen. Sie sehnten sich danach, die Hindernisse wegzuraeumen, die Satan aufgetuermt hatte, damit die Menschen weder die Verheissungen erkennen noch unmittelbar zu Gott kommen sollten, um ihre Suenden zu bekennen und Vergebung und Frieden zu erlangen. Eifrig enthuellte der waldensische Glaubensbote den forschenden Seelen die koestlichen Wahrheiten des Evangeliums und holte vorsichtig die sorgfaeltig geschriebenen Teile der Heiligen Schrift hervor. Es bereitete ihm die groesste Freude, solchen aufrichtig Suchenden, die von ihren Suenden ueberzeugt waren, die Hoffnung einzufloessen, dass sie es nicht mit einem Gott der Rache zu tun haben, der nur darauf wartet, seiner Gerechtigkeit freien Lauf lassen zu koennen. Mit bebenden Lippen und traenenden Augen, manchmal kniend, entfaltete er seinen Bruedern die koestlichen Verheissungen, die des Suenders einzige Hoffnung offenbaren. Auf diese Weise durchdrang das Licht der Wahrheit manches verfinsterte Gemuet und vertrieb die dunkle Wolke, bis die Sonne der Gerechtigkeit mit ihren heilenden Strahlen in das Herz schien. Oft wurde ein Teil der Heiligen Schrift immer wieder gelesen, weil der Hoerer es wuenschte, als ob er sich vergewissern wollte, dass er recht Seite 73 (Englisch Seite 73,74) gehoert habe. Besonders jene Worte wollten die Glaeubigen immer wieder hoeren: "Das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, macht uns rein von aller Suende." (1. Joh. 1,7) - "Wie Mose in der Wueste eine Schlange erhoeht hat, also muss des Menschen Sohn erhoeht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben." (Joh. 3,14. 15) Vielen wurden die Ansprueche Roms deutlich vor Augen gefuehrt. Sie erkannten, wie vergeblich die Vermittlung von Menschen oder Engeln zugunsten des Suenders ist. Als ihnen das Licht aufging, riefen sie mit Freuden aus: "Christus ist mein Priester, sein Blut ist mein Opfer; sein Altar ist mein Beichtstuhl." Sie stuetzten sich voellig auf die Verdienste Jesu und wiederholten die Worte: "Ohne Glauben ist's unmoeglich, Gott zu gefallen." Es ist "kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darin wir sollen selig werden." (Hebr. 11,6; Apg. 4,12) Die Gewissheit der Liebe des Heilandes schien einigen dieser armen, sturmumwehten Seelen unfassbar. Die verursachte Erleichterung war so gross, die Flut des Lichtes so hell, dass sie sich in den Himmel versetzt glaubten. Ihre Hand ruhte vertrauensvoll in der Hand Christi, ihre Fuesse standen auf dem Fels des Heils. Alle Todesfurcht war verbannt, ja, sie wollten gern Gefaengnis und Scheiterhaufen auf sich nehmen, wenn sie dadurch den Namen ihres Erloesers preisen konnten. An geheimen Orten wurde das Wort Gottes hervorgeholt und vorgelesen, zuweilen einem einzelnen, manchmal einer kleinen Schar, die sich nach Licht und Wahrheit sehnte. Oft brachte man die ganze Nacht auf diese Weise zu. Das Erstaunen und die Bewunderung der Zuhoerer waren so gross, dass der Evangeliumsbote sich nicht selten gezwungen sah, mit dem Lesen innezuhalten, bis der Verstand die frohe Botschaft des Heils erfassen konnte. Haeufig wurden aehnliche Worte wie diese laut: "Wird Gott wirklich mein Opfer annehmen? Wird er gnaedig auf mich herabschauen? Wird er mir vergeben?" Als Antwort wurde gelesen: "Kommet her zu mir alle, die ihr muehselig und beladen seid; ich will euch erquicken." (Matth. 11,28) Der Glaube erfasste die Verheissung, und als freudige Erwiderung vernahm man die Worte: Keine langen Pilgerfahrten mehr; keine beschwerlichen Reisen nach heiligen Reliquienschreinen! Ich kann zu Jesus kommen, so wie ich bin, suendhaft und unrein, und er wird das Seite 74 (Englisch Seite 74,75) bussfertige Gebet nicht verachten. "Deine Suenden sind dir vergeben"; auch meine - sogar meine koennen vergeben werden! Eine Flut heiliger Freude erfuellte die Herzen, und der Name Jesu wurde durch Lobgesaenge und Danksagungen verherrlicht. Jene gluecklichen Seelen kehrten in ihre Wohnungen zurueck, um Licht zu verbreiten und andern, so gut sie konnten, ihre neue Erfahrung zu wiederholen, dass sie den wahren und lebendigen Weg gefunden haetten. Es lag eine seltsame und feierliche Macht in den Worten der Heiligen Schrift, die jenen, die sich nach der Wahrheit sehnten, unmittelbar zu Herzen ging. Es war die Stimme Gottes, welche die Hoerer zur Ueberzeugung fuehrte. Der Bote der Wahrheit ging seinen Weg; doch waren sein demuetiges Auftreten, seine Aufrichtigkeit, sein Ernst und seine tiefe Inbrunst haeufig Gegenstand von Gespraechen. In vielen Faellen hatten seine Zuhoerer ihn weder gefragt, woher er kaeme noch wohin er ginge. Sie waren erst so ueberrascht und spaeter dankbar und freudig ueberwaeltigt gewesen, dass sie nicht daran gedacht hatten, Fragen an ihn zu richten. Hatten sie ihn gebeten, sie nach ihren Wohnungen zu begleiten, so hatte er erwidert, dass er die verlorenen Schafe der Herde besuchen muesse. Konnte es moeglich sein, dass er ein Engel Gottes gewesen war? fragten sie sich. In vielen Faellen sahen sie den Wahrheitsboten nie wieder. Er war vielleicht in andere Laender gegangen oder verbrachte sein Leben in irgendeinem unbekannten Gefaengnis oder seine Gebeine bleichten gar dort, wo er fuer die Wahrheit gezeugt hatte. Die Worte aber, die er zurueckliess, konnten nicht ausgeloescht werden; sie arbeiteten in den Menschenherzen, und ihr segensreiches Wirken wird erst im Gericht voellig erkannt werden. Die waldensischen Sendboten fielen in Satans Reich ein und regten dadurch die Kraefte der Finsternis zu groesserer Wachsamkeit an. Jeder Versuch, die Wahrheit zu foerdern, wurde von dem Fuersten der Bosheit ueberwacht, und er erweckte die Befuerchtungen seiner Helfershelfer. Die fuehrenden Maenner der Kirche sahen in dem Wirken dieser bescheidenen Wanderer ein Anzeichen der Gefahr fuer ihre Sache. Wenn sie das Licht der Wahrheit ungehindert scheinen liessen, zerstreute es die schweren Wolken des Irrtums, die das Volk einhuellten, lenkte die Seite 75 (Englisch Seite 75,76) Gemueter der Menschen auf Gott allein und richtete am Ende die Herrschaft Roms zugrunde. Schon allein das Vorhandensein dieser Leute, die den Glauben der alten Gemeinde aufrechterhielten, war ein bestaendiges Zeugnis fuer Roms Abfall und erregte deshalb bittersten Hass und Verfolgung. Ihre Weigerung, die Heilige Schrift auszuliefern, galt ebenfalls als eine Beleidigung, die Rom nicht zu dulden gewillt war. Es beschloss deshalb, die Anhaenger des wahren Glaubens von der Erde zu vertilgen. Jetzt begannen die schrecklichsten Kreuzzuege gegen Gottes Volk in seinen Gebirgswohnungen. Inquisitoren spuerten ihm nach, und oft geschahen Dinge, die den Brudermord Kains an dem unschuldigen Abel von einst wiederholten. Immer wieder wurden ihre fruchtbaren Aecker verwuestet, ihre Wohnungen und Kapellen dem Erdboden gleichgemacht, so dass dort, wo einst bluehende Felder und die Behausungen eines unschuldigen, arbeitsamen Volkes standen, nur eine wueste Einoede uebrigblieb. Viele dieser Zeugen eines reinen Glaubens wurden bis ueber die Berge verfolgt und in den Taelern aufgescheucht, in denen sie sich, von maechtigen Waeldern und Felsspitzen umgeben, verborgen hatten. Der sittliche Charakter dieser geaechteten Christen war ueber jede Beschuldigung erhaben. Sogar ihre Feinde bezeugten, dass sie ein friedfertiges, stilles, frommes Volk seien. Ihr grosses Vergehen lag nur darin, dass sie Gott nicht nach dem Willen des Papstes dienen wollten. Wegen dieses Vergehens erlitten sie jede Demuetigung, Beschimpfung und Folter, die Menschen oder Teufel nur ersinnen koennen. Als Rom einst beschloss, diese verhasste Sekte auszurotten, wurde eine Bulle erlassen, die die Waldenser als Ketzer verdammte und sie der Niedermetzelung preisgab. (*)Sie wurden nicht als Muessiggaenger wegen Unredlichkeit oder Ausschweifung angeklagt, sonder es wurde erklaert, sie bewahrten einen Schein von Froemmigkeit und Heiligkeit, die die Schafe der wahren Herde verfuehrten. Deshalb wurde angeordnet, diese heimtueckische und abscheuliche Sekte von Boesewichtern gleich giftigen Schlagen zu zermalmen, falls sie sich weigerte abzuschwoeren. (Wylie, "History of Protestantism", 16. Buch, Kap. 1; Bender, "Geschichte der Waldenser", S. 81, 125, Ulm, 1850; Hahn, "Geschichte der Waldenser", S. 744 ff.) Seite 76 (Englisch Seite 76,77) Wussten sie, dass diese in den Buechern des Himmels aufgezeichnet wurden, um ihnen beim Gericht vorgehalten zu werden? Jesus sagte: "Was ihr getan habt, einem unter diesen meinen geringsten Bruedern, das habt ihr mir getan." (Matth. 25,40) Eine Bulle forderte alle Glieder der Kirche auf, sich dem Kreuzzug der Ketzer anzuschliessen. Zur Ermunterung zu diesem grausamen Werk sprach sie alle, die am Kreuzzug teilnahmen, von allen Kirchenbussen und von allen Strafen, den allgemeinen und den persoenlichen, frei, entband sie von saemtlichen Eiden, die sie geleistet haben mochten, erklaerte ihre etwaigen unrechtmaessigen Ansprueche auf irgendein Besitztum als rechtsgueltig und verhiess jedem, der einen Ketzer toetete, den Erlass aller Suenden. Sie erklaerte alle zugunsten der Waldenser geschlossenen Vertraege fuer nichtig, befahl den Dienstboten, ihren Dienst bei den Waldensern aufzugeben, verbot allen, jenen irgendwelche Hilfe zu gewaehren, und berechtigte jeden, sich des Eigentums jener zu bemaechtigen. Dies Schriftstueck offenbarte deutlich den Geist, der diese Massnahmen beherrschte; das Gebruell des Drachen, und nicht die Stimme Christi war hier zu vernehmen. Die paepstlichen Wuerdentraeger waren nicht bereit, ihren Charakter dem Anspruch des Gesetzes Gottes zu unterwerfen; sie schufen sich selbst einen ihnen passenden Massstab. Sie beschlossen, alle zu zwingen, sich danach zu richten, weil Rom es so wuensche. Die schrecklichsten Tragoedien spielten sich ab. Unwuerdige und gotteslaesterliche Priester und Paepste erfuellten den Auftrag, den Satan ihnen zugewiesen hatte. Die Barmherzigkeit fand keinen Raum in ihren Herzen. Der gleiche Geist, der Christus kreuzigte, die Apostel toetete und den blutduerstigen Nero gegen die treuen Christen wueten liess, war auch am Wirken, um die Erde von denen zu befreien, die von Gott geliebt wurden. Die Verfolgungen, von denen diese gottesfuerchtigen Menschen viele Jahrhunderte lang heimgesucht wurden, ertrugen sie mit einer Geduld und Ausdauer, die ihren Erloeser ehrte. Ungeachtet der gegen sie unternommenen Kreuzzuege, ungeachtet der unmenschlichen Metzelei, der sie ausgesetzt waren, sandten sie weiterhin ihre Sendboten aus, um die koestliche Wahrheit zu verbreiten. Sie wurden zu Tode gejagt, doch Seite 77 (Englisch Seite 77,78) ihr Blut traenkte die ausgestreute Saat, die gute Frucht brachte. So zeugten die Waldenser fuer Gott schon Hunderte von Jahren vor der Geburt Luthers. Ueber viele Laender verstreut, warfen sie den Samen der Reformation aus, die zur Zeit Wiklifs begann, in den Tagen Luthers weit um sich griff und bis zum Ende der Zeit von denen fortgefuehrt werden soll, die ebenfalls willig sind, alles zu leiden "um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses Jesu Christi". (Offb. 1,9) Seite 78 (Englisch Seite 78) Anmerkungen S.62 (Zurueck) S.65 (Zurueck) S.65 (Zurueck) S.76 (Zurueck) |