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Der grosse Kampf zwischen Licht und Finsternis "Untreue und Abfall in der Christenheit" Der Abfall In seinem zweiten Brief an die Thessalonicher erklaerte der Apostel Paulus, dass der Tag Christi nicht kommen werde, "es sei denn, dass zuvor der Abfall komme und offenbart werde der Mensch der Suende, das Kind des Verderbens, der da ist der Widersacher und sich ueberhebt ueber alles, was Gott oder Gottesdienst heisst, also dass er sich setzt in den Tempel Gottes als ein Gott und gibt sich aus, er sei Gott". Und weiter warnt der Apostel seine Brueder: "Es regt sich bereits das Geheimnis der Bosheit." (2. Thess. 2,3.4.7) Schon zu jener fruehen Zeit sah er, dass sich Irrtuemer in die Gemeinde einschlichen, die den Weg fuer die Entwicklung des geweissagten Abfalls vorbereiteten. Das Geheimnis der Bosheit fuehrte nach und nach, erst verstohlen und stillschweigend, dann, als es an Kraft zunahm und die Herrschaft ueber die Gemueter der Menschen gewann, offener sein betruegerisches und verderbliches Werk aus. Beinahe unmerklich fanden heidnische Gebraeuche ihren Weg in die christliche Gemeinde. Zwar wurde der Geist des Ausgleichs und der Anpassung eine Zeitlang durch die heftige Verfolgung, die die Gemeinde unter dem Heidentum zu erdulden hatte, zurueckgehalten; als aber die Verfolgung aufhoerte und das Christentum die Hoefe und Palaeste der Koenige betrat, vertauschte es die demuetige Schlichtheit Christi und seiner Apostel mit dem Gepraenge und dem Stolz der heidnischen Priester und Herrscher und ersetzte die Forderungen Gottes durch menschliche Theorien und Ueberlieferungen. Mit der angeblichen Bekehrung Konstantins Anfang des vierten Jahrhunderts, die grosse Freude ausloeste, fanden jedoch unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit weltliche Sitten und Gebraeuche Eingang in die Kirche. Das Verderben schritt jetzt schnell Seite 49 (Englisch Seite 49,50) voran. Da Heidentum wurde, waehrend es besiegt schien, zum Sieger. Sein Geist beherrschte die Kirche. Seine Lehren, seine Zeremonien und seine Abgoettereien wurden mit dem Glauben und der Gottesverehrung der erklaerten Nachfolger Christi vermischt. Aus diesem Ausgleich zwischen Heidentum und Christentum folgte die Entwicklung des "Menschen der Suende", der nach der Prophezeiung der Widersacher ist und sich ueber Gott erhebt. Satan versuchte einmal, mit Christus zu einer Uebereinkunft zu gelangen. Er kam in der Wueste der Versuchung zum Sohne Gottes, zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und bot ihm an, alles in seine Haende zu geben, wenn er nur die Oberherrschaft des Fuersten der Finsternis anerkennte. Christus schalt den verwegenen Versucher und zwang ihn, sich zu entfernen. Satan hat aber groesseren Erfolg, wenn er mit den gleichen Versuchungen an die Menschen herantritt. Um sich irdischen Gewinn und weltliche Ehren zu sichern, wurde die Kirche dazu verleitet, die Gunst und den Beistand der Grossen dieser Erde zu suchen. Es ist eine der Hauptlehren der roemischen Kirche, dass der Papst das sichtbare Haupt der allgemeinen Kirche Christi sei, angetan mit hoechster Autoritaet ueber Bischoefe und Geistliche in allen Teilen der Welt. Mehr noch, man hat dem Papst sogar die Titel der Gottheit beigelegt. Er ist, "der Herr Gott Papst"(*) ernannt und als unfehlbar (**) erklaert worden. Er verlangt, dass alle Menschen ihm huldigen. Der gleiche Anspruch, den Satan in der Wueste bei der Versuchung Jesu geltend machte, wird auch heute noch von ihm erhoben, und zahllose Menschen sind nur allzugern bereit, ihm die geforderte Verehrung zu zollen. Jene aber, die Gott fuerchten und ihn verehren, begegnen dieser den Himmel herausfordernden Anmassung ebenso, wie Christus den Verlockungen des verschlagenen Feindes begegnete: "Du sollst Gott, deinen Herrn, anbeten und ihm allein dienen." Gott gab in seinem Wort keinerlei Hinweise, dass er irgendeinen Menschen zum Oberhaupt der Gemeinde bestimmt haette. Die Lehre von der paepstlichen Obergewalt steht den Ausspruechen der Heiligen Schrift entgegen. Der Papst kann nicht ueber die Gemeinde Christi herrschen, es sei denn, er masst sich diese Gewalt widerrechtlich an. Die Katholiken haben darauf beharrt, die Protestanten der Ketzerei und der eigenwilligen Trennung von der wahren Kirche zu beschuldigen. Doch diese Anklagen lassen sich eher auf sie selbst anwenden; denn sie sind diejenigen, die das Banner Jesu Christi niederwarfen und von dem Glauben abwichen, "der einmal den Heiligen uebergeben ist". Satan wusste gar wohl, dass die Heilige Schrift die Menschen befaehigen wuerde, seine Taeuschungen zu erkennen und Seite 50 (Englisch Seite 50,51) seiner Macht zu widerstehen; hatte doch selbst der Heiland der Welt seinen Angriffen durch das Wort Gottes widerstanden. Bei jedem Ansturm hielt Christus ihm den Schild der ewigen Wahrheit entgegen und sagte: "Es steht geschrieben." (Luk. 4,1-13) Jede Einfluesterung des Feindes widerstand er durch die Weisheit und Macht des Wortes. Um die Herrschaft ueber die Menschen aufrechtzuerhalten und seine Autoritaet zu festigen, musste Satan das Volk ueber die Heilige Schrift in Unwissenheit lassen. Die Bibel wuerde Gott erheben und den sterblichen Menschen ihre wahre Stellung anweisen; deshalb mussten ihre heiligen Wahrheiten geheimgehalten und unterdrueckt werden. Diese Ueberlegung machte sich die Kirche zu eigen. Jahrhundertelang war die Verbreitung der Heiligen Schrift verboten; (*) das Volk durfte sie weder lesen noch im Hause haben, und gewissenlose Geistliche legten ihre Lehren zur Begruendung ihrer eigenen Behauptungen aus. Auf diese Weise wurde das Kirchenoberhaupt fast ueberall als Statthalter Gottes auf Erden anerkannt, der mit Autoritaet ueber Kirche und Staat ausgestattet worden sei. Da das einzig zuverlaessige Mittel zur Entdeckung des Irrtums beseitigt worden war, wirkte Satan ganz nach seiner Willkuer. In der Prophezeiung war erklaert worden, der Abtruennige werde "sich unterstehen, Zeit und Gesetz zu aendern", (Dan. 7, 25) und er war nicht muessig, dies zu versuchen. Um den vom Heidentum Bekehrten einen Ersatz fuer die Anbetung von Goetzen zu bieten und so ihre rein aeusserliche Annahme des Christentums zu foerdern, wurde stufenweise die Verehrung von Bildern und Reliquien in den christlichen Gottesdienst eingefuehrt. Der Beschluss eines allgemeinen Konzils endlich bestaetigte dieses System der Abgoetterei. Um das entheiligende Werk zu vervollstaendigen, masste sich die Kirche an, das zweite Gebot des Gesetzes Gottes, das die Seite 51 (Englisch Seite 51,52) Bilderanbetung verbietet, als selbstaendiges Gebot aufzuheben und das zehnte zu teilen, um die Zehnzahl beizubehalten. (*) Die Zugestaendnisse gegenueber dem Heidentum oeffneten den Weg fuer eine noch groessere Missachtung der Autoritaet des Himmels. Satan tastete auch das vierte Gebot an und versuchte, den seit alters bestehenden Sabbat, den Tag, den Gott gesegnet und geheiligt hatte, (1. Mose 2,2.3) beiseitezusetzen und statt seiner den von den Heiden als "ehrwuerdigen Tag der Sonne" begangenen Festtag zu erheben. Diese Veraenderung wurde anfangs nicht offen versucht. In den ersten Jahrhunderten war der wahre Sabbat von allen Christen gehalten worden. Sie eiferten fuer die Ehre Gottes, und da sie glaubten, sein Gesetz sei unveraenderlich, wahrten sie eifrig die Heiligkeit seiner Vorschriften. Aber mit grosser Schlauheit wirkte Satan durch seine Werkzeuge, um sein Ziel zu erreichen. Um die Aufmerksamkeit des Volkes auf den Sonntag zu richten, wurde dieser zu einem Festtag zu Ehren der Auferstehung Christi erklaert und an diesem Tag Gottesdienst gehalten; dennoch betrachtete man ihn nur als einen Tag der Erholung und hielt den Sabbat noch immer heilig. Damit der Weg fuer das von ihm beabsichtigte Werk vorbereitet wuerde, hatte Satan die Juden vor der Ankunft Christi verleitet, den Sabbat mit uebermaessig strengen Anforderungen zu belasten, so dass seine Feier zur Buerde wurde. Jetzt benutzte er das falsche Licht, in dem er ihn auf diese Weise hatte erscheinen lassen, um auf diesen Tag, der eine juedische Einrichtung war, Verachtung zu haeufen. Waehrend die Christen im allgemeinen fortfuhren, den Sonntag als einen Freudentag zu betrachten, veranlasste Satan sie, um ihren Hass gegen alles Juedische zu zeigen, den Sabbat zu einem Festtag, einem Tag der Trauer und des Truebsinns zu gestalten. Anfang des vierten Jahrhunderts erliess Kaiser Konstantin eine fuer das ganze Roemische Reich gueltige Verordnung, derzufolge der Sonntag als oeffentlicher Festtag eingesetzt wurde. Der Tag der Sonne wurde von den heidnischen Untertanen verehrt und von den Christen geachtet, und der Kaiser verfolgte die Absicht, die widerstreitenden Ansichten des Christentums und des Heidentums zu vereinen. (**) Er wurde dazu von den Bischoefen der Kirche gedraengt, die, von Ehrgeiz und Machtgier Seite 52 (Englisch Seite 52,53) beseelt, einsahen, dass den Heiden die aeusserliche Annahme des Christentums erleichtert und somit die Macht und Herrlichkeit der Kirche gefoerdert wuerde, wenn sowohl Christen als auch Heiden den selben Tag heilighielten. Aber waehrend viele fromme Christen allmaehlich dahin kamen, dem heidnischen Sonntag einen gewissen Grad von Heiligkeit beizumessen, hielten sie doch den wahren Sabbat dem Herrn heilig und beachteten ihn im Gehorsam gegen das vierte Gebot. Der Erzbetrueger hatte sein Werk nicht vollendet. Er war entschlossen, die ganze christliche Welt unter sein Banner zu sammeln und seine Macht geltend zu machen. Durch halbbekehrte Heiden, ehrgeizige kirchliche Wuerdentraeger und weltliebende Geistliche erreichte er seine Absicht. Von Zeit zu Zeit wurden grosse Kirchenversammlungen abgehalten, zu denen die geistlichen Wuerdentraeger aus allen Weltgegenden zusammenkamen. Auf fast jedem Konzil wurde der von Gott eingesetzte Sabbat mehr und mehr erniedrigt und der Sonntag entsprechend erhoeht. So wurde der heidnische Festtag schliesslich als eine goettliche Einrichtung verehrt, waehrend man den biblischen Sabbat als Ueberbleibsel des Judentums verschrie und alle, die ihn feierten, verfluchte. Dem grosse Abtruennigen war es gelungen, sich ueber "alles, was Gott oder Gottesdienst heisst", (2.Thess. 2, 4) zu erheben. Er hatte sich erkuehnt, das einzige Gebot des goettlichen Gesetzes, das unverkennbar alle Menschen auf den wahren und lebendigen Gott hinweist, zu veraendern. Im vierten Gebot wird Gott als der Schoepfer Himmels und der Erde offenbart und dadurch von allen falschen Goettern unterschieden. Zur Erinnerung an das Schoepfungswerk wurde der siebente Tag als Ruhetag fuer die Menschen geheiligt. Er war dazu bestimmt, den Menschen den lebendigen Gott als Quelle des Heils und Ziel der Verehrung und Anbetung staendig vor Augen zu halten. Satan ist jedoch bemueht, die Menschen von ihrer Treue zu Gott und von dem Gehorsam gegen sein Gesetz abwendig zu machen. Deshalb richtet er seine Angriffe besonders gegen jenes Gebot, das Gott als den Schoepfer kennzeichnet. Die Protestanten machen geltend, die Auferstehung Christi am Sonntag erhebe diesen Tag zum Ruhetag der Christen; hierfuer fehlen Seite 53 (Englisch Seite 53,54) jedoch die Beweise aus der Heiligen Schrift. Weder Christus noch seine Apostel haben diesem Tag eine solche Ehre beigelegt. Die Feier des Sonntags als eine christliche Einrichtung hat ihren Ursprung in jenem "Geheimnis der Bosheit", dass sich schon in den Tagen des Paulus regte. (2. Thess. 2,7; Grundtext: "Geheimnis der Gesetzlosigkeit") Wo und wann aber hat der Herr den Sonntag, dieses Erzeugnis des Abfalls, angenommen? Welcher rechtsgueltige Grund kann fuer eine Veraenderung genannt werden, die die Heilige Schrift nicht billigt? Im sechsten Jahrhundert hatte das Papsttum bereits eine feste Grundlage gewonnen. Der Sitz seiner Macht war in der kaiserlichen Stadt aufgerichtet und der Bischof von Rom zum Oberhaupt der ganzen Kirche bestimmt worden. Das Heidentum war dem Papsttum gewichen, der Drache hatte dem Tier "seine Kraft und seinen Thron und grosse Macht" gegeben. Damit begannen die 1260 Jahre der Unterdrueckung der Heiligen, die in der Prophezeiung von Daniel und der Offenbarung vorhergesagt sind. (Daniel 7,25; Offb. 13,5-7,) (*) Die Christen wurden gezwungen zu waehlen, ob sie entweder ihre Unbescholtenheit aufgeben und paepstliche Gebraeuche und den paepstlichen Gottesdienst annehmen oder ihr Leben in Kerkerzellen verbringen, auf der Folterbank, auf dem Scheiterhaufen oder durch das Henkerbeil den Tod erleiden wollten. Jetzt wurden die Worte Jesu erfuellt: "Ihr werdet aber ueberantwortet werden von den Eltern, Bruedern, Verwandten und Freunden; und sie werden euer etliche toeten. Und ihr werdet gehasst sein von jedermann um meines Namens willen. (Luk. 21, 16.17) Verfolgungen erhoben sich mit groesserer Wut ueber die Glaeubigen als je zuvor, und die Welt wurde ein ausgedehntes Schlachtfeld. Jahrhundertelang fand die Gemeinde Zuflucht in der Einsamkeit und Verborgenheit. So sagt der Prophet: "Und das Weib entfloh in die Wueste, wo sie einen Ort hat, bereitet von Gott, dass sie daselbst ernaehrt wuerde tausendzweihundertundsechzig Tage." (Offb. 12,6) Der Aufstieg der roemischen Kirche zur Macht kennzeichnet den Beginn des finsteren Mittelalters. Je mehr ihre Macht zunahm, desto dichter wurde die Finsternis. Der Glaube wurde von Christus, dem wahren Grund, auf den Statthalter in Rom uebertragen. Statt fuer die Seite 54 (Englisch Seite 54,55) Vergebung der Suenden und das ewige Heil auf den Sohn Gottes zu vertrauen, sah das Volk auf den Papst und auf die von ihm bevollmaechtigten Priester und Praelaten. Es wurde gelehrt, der Papst sei der irdische Mittler und niemand koenne sich Gott naehern, es sei denn durch ihn. Ferner wurde verkuendet, dass er fuer die Menschen Gottes Stelle einnehme und ihm deshalb unbedingt zu gehorchen sei. Ein Abweichen von seinen Forderungen genuegte, um die Schuldigen mit haertesten Strafen fuer Leib und Seele zu belegen. So wurden die Gemueter des Volkes von Gott abgelenkt und auf fehlbare, irrende und grausame Menschen gerichtet, ja, mehr noch auf den Fuersten der Finsternis selbst, der durch diese Menschen seine Macht ausuebte. Die Suende war unter dem Gewand der Heiligkeit verborgen. Wenn die Heilige Schrift unterdrueckt wird und Menschen sich selbst an die oberste Stelle setzen, koennen wir nichts anderes erwarten als Betrug, Taeuschung und erniedrigende Ungerechtigkeit. Mit der Hoeherstellung menschlicher Gesetze,eberlieferungen und Verordnungen wurde die Verderbnis offenbar, die stets aus der Verwerfung goettlicher Gebote hervorgeht. Dies waren Tage der Gefahr fuer die Gemeinde Christi. Der treuen Bannertraeger waren wahrlich wenige. Obwohl die Wahrheit nicht ohne Zeugen blieb, schien es doch zuweilen, als ob Irrtum und Aberglaube vollstaendig ueberhandnehmen wollten und die wahre Religion von der Erde verbannt wuerde. Man verlor das Evangelium aus den Augen, religioese Braeuche hingegen wurden vermehrt und die Menschen mit uebermaessig harten Anforderungen belastet. Sie wurden nicht nur gelehrt, den Papst als ihren Mittler zu betrachten, sondern auch zur Versoehnung ihrer Suenden auf ihre eigenen Werke zu vertrauen. Lange Pilgerfahrten, Bussuebungen, die Anbetung von Reliquien, die Errichtung von Kirchen, Kapellen und Altaeren, das Bezahlen hoher Geldsummen an die Kirche - diese und viele aehnliche Werke wurden den Menschen auferlegt, um den Zorn Gottes zu besaenftigen oder sich seiner Gunst zu versichern, als ob Gott, gleich einem Menschen, wegen Kleinigkeiten erzuernt oder durch Gaben und Bussuebungen zufriedengestellt werden koennte. Obgleich die Suende selbst unter den Fuehrern der roemischen Kirche ueberhandnahm, der Einfluss der Kirche schien dennoch staendig zu Seite 55 (Englisch Seite 55,56) zu wachsen. Etwa Mitte des achten Jahrhunderts erhoben die Verteidiger des Papsttums den Anspruch, dass im ersten Zeitalter der Kirche die Bischoefe von Rom die gleiche geistliche Macht besessen haetten, die sie sich jetzt anmassten. Um diesen Anspruch geltend zu machen, musste irgendein Mittel angewandt werden, um ihm den Schein von Autoritaet zu verleihen, und dies wurde von dem Vater der Luege bereitwillig ins Werk gesetzt. Alte Handschriften wurden von Moenchen nachgeahmt; bis dahin unbekannte Beschluesse von Kirchenversammlungen wurden entdeckt, die die allgemeine Oberherrschaft des Papstes von den fruehesten Zeiten an bestaetigten. Und eine Kirche, die die Wahrheit verworfen hatte, nahm diese Faelschungen begierig an. (*) Die wenigen Getreuen, die auf den wahren Grund bauten, (Vgl, 1. Kor. 3,10.11) wurden verwirrt und gehindert, als das Durcheinander falscher Lehren das Werk laehmte. Gleich den Bauleuten auf den Mauern Jerusalems in den Tagen Nehemias waren einige bereit zu sagen: "Die Kraft der Traeger ist zu schwach, und des Schuttes ist zu viel; wir koennen an der Mauer nicht bauen."(Neh. 4,4) Zutiefst ermuedet von dem staendigen Kampf gegen Verfolgung, Betrug, Ungerechtigkeit und jedes andere Hindernis, das Satan ersinnen konnte, um ihren Fortschritt zu hindern, wurden manche, die treue Bauleute gewesen waren, entmutigt und wandten sich, um des Friedens, der Sicherheit ihres Eigentums und ihres Lebens willen von dem wahren Grund ab. Andere, unerschrocken bei dem Widerstand ihrer Feinde, erklaerten furchtlos: "Fuerchtet euch nicht vor ihnen; gedenket an den grossen schrecklichen Herrn und streitet fuer eure Brueder, Soehne, Toechter, Weiber und Haeuser!" Und entschlossen setzten die Bauleute ihre Arbeit fort, jeder sein Schwert um seine Lenden geguertet.(Neh. 4,8;vgl. Eph. 6,17) Der gleiche Geist des Hasses und des Widerstandes gegen die Wahrheit hat zu allen Zeiten Gottes Feinde angefeuert, und die gleiche Wachsamkeit und Treue ist von seinen Dienern verlangt worden. Die an die ersten Juenger gerichteten Worte Christi gelten allen seinen Nachfolgern bis ans Ende der Zeit: "Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!" (Mark. 13,37) Seite 56 (Englisch Seite 56,57) Die Finsternis schien dichter zu werden. Die Bilderverehrung breitete sich immer mehr aus. Vor den Bildern wurden Kerzen angezuendet und Gebete dargebracht. Die widersinnigsten und aberglaeubischsten Gebraeuche nahmen ueberhand. Die Gemueter der Menschen wurden so voellig vom Aberglauben beherrscht, dass die Vernunft ihre Macht verloren zu haben schien. Wenn Priester und Bischoefe vergnuegungssuechtig, sinnlich und verderbt waren, konnte nichts anderes erwartet werden, als dass das zu ihnen als geistlichen Fuehrern aufschauende Volk in Unwissenheit und Laster versank. Ein weiterer Schritt in der paepstlichen Anmassung erfolgte, als im 11. Jahrhundert Papst Gregor der VII. die Vollkommenheit der roemischen Kirche verkuendigte. (*) In den von ihm veroeffentlichten Thesen erklaerte er u.a., dass die Kirche nicht geirrt habe und nach der Heiligen Schrift niemals irren werde; aber biblische Beweise stuetzten diese Behauptung nicht. Der stolze Oberpriester beanspruchte auch die Macht, Kaiser absetzen zu koennen, und erklaerte, dass kein von ihm verkuendeter Rechtsspruch von irgend jemand umgestossen werden koenne, waehrend er berechtigt sei, die Beschluesse anderer aufzuheben. Einen schlagenden Beweis seines despotischen Charakters lieferte dieser Befuerworter der Unfehlbarkeit in der Behandlung des deutschen Kaisers Heinrich IV. Weil dieser Fuerst gewagt hatte, die Macht des Papstes zu missachten, wurde er in den Kirchenbann getan und fuer entthront erklaert. Erschreckt ueber die Untreue und die Drohungen seiner eigenen Fuersten, die in ihrer Empoerung gegen ihn durch den paepstlichen Erlass ermutigt wurden, hielt Heinrich es fuer notwendig, mit Rom Frieden zu schliessen. In Begleitung seiner Gemahlin und eines treuen Dieners ueberschritt er im Winter die Alpen, um sich vor dem Papst zu demuetigen. Als er das Schloss Canossa, wohin Gregor sich zurueckgezogen hatte, erreichte, wurde er ohne seine Leibwache in einen Vorhof gefuehrt, und dort erwartete er in der strengen Kaelte des Winters mit unbedeckten Haupt und nackten Fuessen, bekleidet mit einem Buessergewand, die Erlaubnis des Papstes, vor ihm erscheinen zu duerfen. Erst nachdem er drei Tage mit Fasten und Beichten zugebracht hatte, liess sich der Papst herab, ihm Verzeihung zu gewaehren, und selbst dann geschah es nur unter der Bedingung, dass der Kaiser seine (des Papstes) Genehmigung abwarte, ehe er sich aufs neue mit Seite 57 (Englisch Seite 57,58) dem Zeichen seiner Wuerde schmuecke oder sein Koenigtum ausuebe. Gregor aber, durch seinen Sieg kuehn gemacht, prahlte, dass es seine Pflicht sei, den Stolz der Koenige zu demuetigen. Wie auffallend ist der Unterschied zwischen der Ueberheblichkeit dieses Priesterfuersten und der Sanftmut und Milde Christi, der sich selbst als der an der Tuer des Herzens um Einlass Bittende darstellt, damit er einkehren kann, um Vergebung und Frieden zu bringen, und der seine Juenger lehrt: "Wer da will der Vornehmste sein, der sei euer Knecht." (Matth. 20, 27) Die folgenden Jahrhunderte zeugen von einer bestaendigen Zunahme des Irrtums in den von Rom ausgehenden Lehren. Schon vor der Aufrichtung des Papsttums war den Lehren heidnischer Philosophen Aufmerksamkeit geschenkt worden, und sie hatten einen gewissen Einfluss in der Kirche ausgeuebt. Viele angeblich Bekehrte hingen noch immer an den Lehrsaetzen ihrer heidnischen Philosophie. Sie fuhren nicht nur fort, sie weiterhin zu erforschen, sondern draengten sie auch andern auf, um ihren Einfluss unter den Heiden auszudehnen. Auf diese Weise wurden bedenkliche Irrtuemer in den christlichen Glauben eingeschleppt. An erster Stelle stand dabei der Glaube an die natuerliche (seelische) Unsterblichkeit des Menschen und an sein Bewusstsein nach dem Tode. Auf der Grundlage dieser Lehre fuehrte Rom die Anrufung der Heiligen und die Verehrung der Jungfrau Maria ein. (*) Hieraus entsprang auch die dem paepstlichen Glauben schon frueh hinzugefuegte Irrlehre einer ewigen Qual fuer die bis zuletzt Unbussfertigen. Damit war der Weg fuer die Einfuehrung einer weiteren Erfindung vorbereitet, die Rom das Fegfeuer nannte und anwandte, um der leichtglaeubigen und aberglaeubischen Menge Furcht einzujagen. In dieser Irrlehre wird behauptet, dass es einen Ort der Qual gebe, an dem die Seelen derer, die keine ewige Verdammnis verdient haben, fuer ihre Suenden bestraft werden. Sobald sie von aller Unreinigkeit frei sind, werden auch sie in den Himmel aufgenommen. (**) Noch eine andere Verfaelschung war notwendig, um Rom in den Stand zu setzen, die Furcht und die Untugenden seiner Anhaenger fuer sich auszunutzen. Diese fand sich in der Ablasslehre. Volle Vergebung der vergangenen, gegenwaertigen und zukuenftigen Suenden, Erlass aller Seite 58 (Englisch Seite 58,59) sich dadurch zugezogenen Strafen und Qualen wurde allen zugesichert, die sich an den Kriegen des Papsttums beteiligten, sei es, um seine weltliche Herrschaft zu erweitern, seine Feinde zu zuechtigen oder jene auszutilgen, die sich erkuehnten, seiner geistlichen Oberherrschaft die Anerkennung zu versagen. Es wurde ferner gelehrt, dass man sich durch Zahlen von Geldern an die Kirche von Suenden nicht nur befreien, sondern dass man auch die Seelen verstorbener Freunde, die in den peinigenden Flammen gefangengehalten wuerden, erloesen koennte. Durch solche Mittel fuellte Rom seine Kassen und unterhielt den Prunk, das Wohlleben und die Laster der angeblichen Vertreter dessen, der nicht hatte, wo er sein Haupt hinlegte. (*) Die schriftgemaesse Verordnung des Abendmahls war durch das Messopfer verdraengt worden. Die Priester behaupteten, dass einfaches Brot und Wein in den persoenlichen Leib und das wirkliche Blut Christi verwandelt wuerden. Mit geradezu gotteslaesterlicher Anmassung beanspruchten sie oeffentlich die Macht, Gott, den Schoepfer aller Dinge, "zu schaffen". (**) Von den Christen wurde bei Todesstrafe verlangt, ihren Glauben an diese entsetzliche, himmelschmaehende Lehre zu bekennen. Scharenweise wurden solche, die sich weigerten, den Flammen uebergeben. Im 13. Jahrhundert wurde jenes schrecklichste Mittel des Papsttums eingefuehrt: die Inquisition. (***) Der Fuerst der Finsternis wirkte mit den Wuerdentraegern der paepstlichen Hierarchie zusammen. In ihren geheimen Beratungen beherrschten Satan und seine Engel die Gemueter von schlechten Menschen, waehrend ein Engel Gottes unsichtbar in ihrer Mitte stand und den furchtbaren Bericht ihrer ungerechten, gottlosen Verordnungen aufnahm und die Geschichte ihrer Taten niederschrieb, die zu scheusslich sind, um menschlichen Augen unterbreitet zu werden. Die grosse Babylon war "trunken von dem Blut der Heiligen". Die verstuemmelten Leiber von Millionen Blutzeugen schrien zu Gott um Vergeltung gegen jene abtruennige Macht. Das Papsttum war zum Zwingherrn der Welt geworden. Koenige und Kaiser beugten sich den Erlassen des roemischen Bischofs. Das Schicksal der Menschen schien fuer Zeit und Ewigkeit von ihm abhaengig zu sein. Jahrhundertelang waren die Lehren Roms weithin und unbedingt angenommen, seine Zeremonien ehrfurchtsvoll vollzogen, seine Feste Seite 59 (Englisch Seite 59,60) allgemein beachtet worden. Seine Geistlichkeit wurde geehrt und freigebig unterstuetzt. Nie hat die roemische Kirche groessere Wuerde, Herrlichkeit oder Macht erlangt. Die Glanzzeit des Papsttums war fuer die Welt eine Zeit tiefster Finsternis. Die Heilige Schrift war nicht nur dem Volk, sondern auch den Priestern nahezu unbekannt. Gleich den Pharisaeern vor alters hassten die paepstlichen Wuerdentraeger das Licht, das ihre Suenden aufdecken wuerde. Da sie Gottes Gesetz, das Richtmass der Gerechtigkeit, beiseite getan hatten, uebten sie schrankenlos ihre Gewalt aus und verfielen moralischer Verderbtheit. Betrug, Habsucht und Verschwendung waren an der Tagesordnung. Die Menschen schreckten vor keiner Gewalttat zurueck, wenn sie dadurch Reichtum oder Ansehen gewinnen konnten. Die Palaeste der Paepste und Praelaten waren Schauplatz wuester Ausschweifungen. Manche der regierenden Paepste hatten sich derartig empoerender Verbrechen schuldig gemacht, dass weltliche Herrscher diese Wuerdentraeger der Kirche abzusetzen versuchten, die sich zu niedertraechtig gebaerdeten, als dass man sie haette laenger dulden koennen. Jahrhundertelang machte Europa auf wissenschaftlichem, kulturelem oder zivilisatorischem Gebiet keine Fortschritte. Eine sittliche und geistliche Laehmung hatte das Christentum befallen. Der Zustand der unter Roms Herrschaft stehenden Welt veranschaulicht deutlich die furchtbare und genaue Erfuellung der Worte des Propheten Hosea: "Mein Volk ist dahin, darum dass es nicht lernen will. Denn du verwirfst Gottes Wort; darum will ich dich auch verwerfen... Du vergissest das Gesetz deines Gottes; darum will ich auch deine Kinder vergessen." "Es ist keine Treue, keine Liebe, keine Erkenntnis Gottes im Lande; sondern Gotteslaestern, Luegen, Morden, Stehlen und Ehebrechen hat ueberhandgenommen und eine Blutschuld kommt nach der andern." (Hosea 4,6.1.2) Derart waren die Folgen, die sich aus der Verbannung des Wortes Gottes ergaben. Seite 60 (Englisch Seite 60) Anmerkungen * S.50 (Zurueck) Quellen: Decretales Domini Gregorii Papae IX., liber 1, de translatione Episcoporum, Titel 7, Kap. 3; Corpus Juris Canonici, 2. Aufl., Leipzig, 1881, Sp. 99;Paris,1612, Bd. II, "Decretales", Sp. 205. 1582 wurde von Gregor XIII., der aus den hauptsaechlichsten kirchlichen Rechtsquellen zusammengefasste Corpus Juris Canonici, eine Vereinigung von Rechtssammlungen, herausgegeben. Dazu gehoerten folgende in sich abgeschlossene Teile: 1. Das Decretum Gratiani, gesammelt um 1140 von dem Moench Gratian, der an der Universitaet Bologna lehrte. 2. Die Dekretalen Gregors IX., genannt Liber Extra, zusammengestellt von Raimund von Pennaforte. 1234 als erstes roemisches Gesetzbuch veroeffentlicht, enthielt die kirchenrechtlichen Verordnungen seit Gratian. 3. Die Sammlung Bonifaz VIII., Liber Sextus genannt. Herausgegeben 1298. 4. Die Clementinae Klemens V., 1314 als Gesetzbuch veroeffentlicht. 5. Die zwei Sammlungen der Extravaganten Johannes XXII. und der Extravagantes communes von Jean Chappuis, 1500 in Paris herausgegeben. 1904 beauftragte Papst Pius X. eine Kardinalskommission mit der Erarbeitung eines einheitlichen, ausschliesslichen und allgemein geltenden Rechtsbuches mit zeitgemaesser, klarer lateinischer Gesetzessprache und durchlaufender Zaehlung der Einzelgesetze. Es entstand der Codex Juris Canonici, der 1917 durch Benedikt XV. veroeffentlicht und Pfingsten 1918 in Kraft gesetzt wurde. Der Titel "der Herr Gott Papst" ist zu finden in einer Anmerkung zu den "Extravagantes" Papst Johannes XXII. im 14. Abschnitt des vierten Kapitels, das die Ueberschrift "Declaramus" traegt. In der Antwerpener Ausgabe der "Extravagantes" vom Jahre 1584 stehen die Worte: "Dominum Deum nostrum Papam" in der 153. Spalte. In der Pariser Ausgabe vom Jahre 1612 kommen sie in der 140. Spalte vor. In verschiedenen spaeteren Ausgaben fehlt das Wort "Deum"(Gott). (Zurueck) ** S.50(Zurueck) (Zurueck zu Kap.5) Die Unfehlbarkeit ist nur mit dem Amte des Papstes verknuepft, nicht mit der Person ohne das Amt. Nach Algermissen (Konfessionskunde, 1950, S. 221) ist der Papst, wenn er eine derartige Lehrentscheidung ex cathedra faellt, nicht nur unfehlbar und irrtumslos, sondern irrtumsunfaehig! Die Unfehlbarkeitserklaerung hat in den entscheidenden Saetzen folgenden Wortlaut: "Uns also der vom Anfange des christlichen Glaubens an erhaltenen Ueberlieferung getreulich anschliessend, zur Ehre Gottes, unseres Heilandes, zur Erhoehung der katholischen Religion und zum Heile der Voelker, lehren Wir unter Zustimmung des heiligen Konziles und erklaeren endgueltig, dass es ein von Gott geoffenbarter Glaubenssatz sei: Wenn der roemische Papst ex cathedra spricht, d.i., wenn er des Amtes als Hirte und Lehrer aller Christen waltet und kraft seiner hoechsten Apostolischen Autoritaet endgueltig entscheidet (definit), eine Lehre ueber Glauben oder Sitten sei von der ganzen Kirche festzuhalten, erfreut er sich auf Grund des goettlichen Beistandes, der ihm im heiligen Petrus verheissen ist, jener Unfehlbarkeit, mit welcher der goettliche Erloeser seine Kirche bei endgueltiger Festsetzung einer Lehre ueber Glauben oder Sitten ausgeruestet haben wollte; deshalb sind derartige endgueltige Festsetzungen (definitiones) s roemischen Papstes durch sich selber, nicht aber durch die Zustimmung der Kirche unabaenderlich (ex sese, non autem ex consensu ecclesiae irreformabiles)." (Wortlaut bei Denzinger, "Enchiridion symobolorum", 1839, herausgegeben von Karl Rahner, 1953, zitiert nach der 16./17. Aufl., 1928.) Auch waehrend des zweiten Vatikanischen Konzils liess Papst Paul VI. nicht am Dogma der paepstlichen Unfehlbarkeit ruetteln. Nachdem durch das 1. Vatikanum das Amt des Papstes mit einer einzigartigen Souveraenitaet ausgestattet worden war, nachdem die Kurie sich als "Legislative", als quasi gesetzgebende Instanz immer mehr in den Vordergrund gespielt hatte, war die Konstruktion der hierarchischen Ordnung innerhalb der katholischen Kirche stark kopflastig geworden. Die Bischoefe fuehlten sich in ihrer Entscheidungsfreiheit eingeengt, so dass unter ihnen schon geraume Zeit Bestrebungen im Gange waren, das Amt der Bischoefe aufzuwerten, sogenannte Bischofskonferenzen einzusetzen, die Kurie wenigstens teilweise zu entmachten d ueberhaupt eine Dezentralisierung zu erreichen. In zahlreichen Sitzungen und Abstimmungen des Konzils kristallisierte sich dann die Erkenntnis heraus, dass die Bischoefe gemeinsam mit dem Papst ein Kollegium bildeten, das die hoechste Funktion in der Kirche ausuebt. Das waere wenigstens formal einer bedeutenden Aufwertung des Bischofsamtes gleichgekommen, wenn die Konstitution "Ueber die Kirche" nicht ausdruecklich einschraenkend erklaert haette, dass das Bischofskollegium keinerlei Autoritaet besitze, es sei denn, es befinde sich in Gemeinschaft mit dem Papst. Der Papst besitze kraft seines Amtes als Stellvertreter Christi die volle, oberste und universale Gewalt ueber die Kirche, die er in voller Souveraenitaet ausuebt. Man muss fragen, was bei einer solchen Einschraenkung von der Kollegialitaet des Bischofsamtes und von der Gemeinsamkeit, mit der es mit dem Papst die Kirche regieren will, noch uebrig bleibt, zumal Paul VI. ein von einem Jesuiten-Professor der paepstlichen Universitaet erstelltes Gutachten ueber das Verhaeltnis zwischen paepstlichem Primat und bischoeflicher Kollegialitaet in Form einer Praeambel der der Konstitution "Ueber die Kirche" voranstellte. In dieser Erklaerung kommt deutlich zum Ausdruck, dass nur der Papst darueber zu befinden habe, ob und wann das Bischofskollegium als solches wirksam werden kann. In seiner Schlussrede betonte denn auch Paul VI. die absolute Vorrangstellung des paepstlichen Primats und dass bei der Heranziehung der Bischoefe zur Mitverantwortung an der Kirchenfuehrung keineswegs daran gedacht war, von der Autoritaet des Papstes auch nur ein Jota abstreichen zu lassen und ihn gewissermassen zum Primus inter pares zu machen. Insofern kann von einer Parlamentarisierung der katholisen Kirche, wie man es zuweilen hoerte, entfernt nicht die Rede sein. Der Primat des Papstes blieb unangetastet. Siehe auch die Anmerkung zu S. 564: "Anmerkung auf Unfehlbarkeit". Quellen: Aus katholischer Sicht: Diekamp, Katholische Dogmatik I, Muenster, 1949, S. 63f.; Enciclopedia Cattolica, hrsg. von Paschini, Art. Unfehlbarkeit; Kardinal James Gibbons, Der Glaube unserer Vaeter, Kap. 7 und 11; Hettinger, Lehrbuch der Fundamental-Theologie oder Apologetik, 2 Bde; Der Grosse Herder, Bd. IX, Freiburg, 1956, Sp. 548.549; Konzilstexte - Deutsch, Heft 1, Dogmatische Konstitution ueber die Kirche, Trier, 1966. Katholische Opposition: Ignaz von Doellinger, Der Papst und das Konzil; W. J. Sparren Simpson, Roman Catholic Opposition To Papal Infallibility, London, 1909. Aus protestantischer Sicht: Walther von Loewenich, Der moderne Katholizismus, Erscheinung und Probleme, Witten, 1955, S. 44 - 59; Die Geschichte der Kirche, S. 395ff.; Hauck, Realenzyklopaedie, Bd. XVI, Art. Vatikanisches Konzil, S. 320 bis 343; Philipp Schaff, The Creeds of Christendom with a History and Critical Notes, Bd. II, Dogmatic Decrees of the Vatican Council, S. 234 - 271 (engl. und lat. Text); George Salmon, Infallibility of the Church, London, 1914; Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd. V, Tuebingen, 1931, Art. Vatikanum, Sp. 1448 bis 1453. (Zurueck) (Zurueck zu Kap.5) * S.51(Zurueck) (Zurück zu Kapitel 18) Clemens von Rom (um 100) sagte: "Leset fleissig die heiligen Schriften, die wahren Aussprueche des Heiligen Geistes!" "Ihr kennet, Geliebte, recht gut die heiligen Schriften, ihr habt gute Einsicht in die Aussprueche Gottes, behaltet sie, um euch daran zu erinnern." Polykarp (gest. um 155), der Gemeindevorsteher zu Smyrna: "Ich habe die Zuversicht zu euch, dass ihr in den heiligen Schriften wohl bewandert seid." Tertullian von Karthago (160 - 220): "Gott gab uns die Schrift, damit wir vollkommener und nachdruecklicher sowohl ihn selbst, als seinen Willen kennenlernen." Clemens von Alexandria (150 - 215): "Das goettliche Wort ist ja keinem verheimlicht, dieses Licht ist allen gemein; eilet denn zu eurem Heil." Origenes (185 - 254): "Wollte Gott, wir erfuellten alle, was geschrieben steht: 'Forschet in der Heiligen Schrift!'" - "Toren und Blinde muessten ja alle sein, die nicht erkennen, dass Bibellesen grosse und wuerdige Begriffe erweckt." - "Wir wuenschen, dass ihr euch ernstlich bemuehet, nicht allein in der Kirche das Wort Gottes zu hoeren, sondern euch auch in euren Haeusern darin uebet und das Gesetz des Herrn Tag und Nacht betrachtet; denn da ist Christus, und allenthalben ist er dem nahe, der ihn suchet." Athanasius der Grosse (295 - 373): "Wir haben zu unserem Heil die goettlichen Schriften ... Diese Buecher sind die Quellen des Heils, auf dass, wer Durst hat, ihn stille an den Offenbarungen, die sie enthalten; denn nur in diesen Buechern ist die Unterweisung in der Gottseligkeit dargelegt. Niemand wage es, etwas hinzu oder davon zu tun! Chrysostomus (354 - 407): "Ihr glaubt, das Lesen der Heiligen Schrift gehoere nur fuer die Moenche, da es doch vielmehr euch noch mehr noetig ist als ihnen. Denn die in freier Welt leben und denen es an taeglichen Wunden nicht fehlt, beduerfen am meisten der Heilung; desto schlimmer und unverantwortlicher ist es, zu glauben, die heiligen Schriften seien unnuetz... denn so etwas kann nur vom Boesen ersonnen werden. Hoerst du nicht Paulus sprechen: zu unserer Belehrung ist alles geschrieben, und du willst nicht einmal das Evangelium beruehren, wenn es auch deinen, jawohl, ungewaschenen Haenden uebergeben wird!... Warum verachtest du also die heiligen Schriften? Das sind Gesinnungen vom Teufel, der verhindern will, dass wir in den Schatz hineinsehen und den reichen Nutzen erlangen." Hieronymus (347 - 420): "Du sollst sehr fleissig die heiligen Schriften lesen, ja, sie sollen fast niemals aus deinen Haenden kommen." Augustin (354 -430): "Es waere gottlos von uns, wenn wir das nicht lesen wollten, was um unseretwillen geschrieben ist." - "Trachtet unter Gottes Beistand aus allen Kraeften danach, dass die Heilige Schrift in euren Haushaltungen fleissig gelesen werde." Gregor der Grosse (um 600): "Was ist die Heilige Schrift anderes, als ein Sendschreiben des allmaechtigen Gottes an seine Geschoepfe? Wenn ein irdischer Koenig an euch schriebe, so wuerdet ihr nicht ruhen und euch keinen Schlaf goennen, bis ihr sein Schreiben gelesen. Nun hat der Herr des Himmels und der Erde einen fuer dein Leben wichtigen Brief geschrieben, und du solltest nicht begierig sein, denselben zu lesen?" Trotz dieser Zeugnisse war das Lesen der Heiligen Schrift in der Landessprache lange Jahrhunderte verboten. Noch in den letzten zwei Jahrhunderten haben sich Paepste scharf gegen die Verbreitung und das Lesen der Bibel ausgesprochen. Gregor XIV. forderte 1844 in einer Bulle die Geistlichen auf, den Glaeubigen die in die Volkssprache uebersetzten Bibeln aus den Haenden zu reissen! Eine gewisse Wendung wurde erst unter Leo XIII. wahrnehmbar. Approbierte Bibelausgaben des Urtextes und der alten katholischen Uebersetzung wurden jedem gestattet. Nichtkatholische Bibeln - und das gilt heute noch - durften nur zu wissenschaftlichen Studien benutzt werden, falls in den Vorreden und Anmerkungen nichts gegen die katholischen Glaubenssaetze gesagt war. Katholiken durften die Bibel in der Volkssprache nur lesen, wenn sie vom Papst gebilligt, vom Bischof genehmigt und mit Anmerkungen versehen war. Den protestantischen Uebersetzungen warf man Verfaelschung vor! Diese Einschraenkungen galten praktisch bis in das 20. Jahrhundert. Trotz aller Hemmnisse und Widerstaende kann man in der katholischen Kirche der letzten Jahrzehnte eine starke Bewegung zur Bibel hin beobachten. 1933 wurde eine katholische Bibelbewegung gegruendet, und Pius XII. hat sich 1943 in seiner Enzyklika "De divino afflante spiritu" zu den Bestrebungen der Bibelbewegung bekannt. Ziel der Bewegung ist die Verbreitung der Bibel und die Foerderung ihres Verstaendnisses. Auch nach dem zweiten Vatikanischen Konzil breitete sich die Bibelbewegung weiter aus. Zwar spielt die Bibel in der katholischen Kirche nicht die gleiche exklusive Rolle wie in den Kirchen der Reformation, doch war vor allem waehrend des Konzils das Bestreben der meisten Konzilsvaeter unverkennbar, den Konzilstexten eine biblische Grundlage zu geben, ohne dass der Papst an der gueltigen katholischen Auffassung haette ruetteln lassen, dass die Schrift nur durch die Kirche interpretiert werden kann, wiewohl eine Reihe von Konzilsvaetern, wie zum Beispiel Kardinal Léger, gefordert hatten, dass das Lehramt eindeutig dem Wort Gottes unterzuordnen sei. In der Konstitution ueber die Offenbarung Nr. 25, die auf dem zweiten Vatikanischen Konzil beschlossen wurde, heisst es u.a.: "Darum muessen Kleriker, besonders Christi Priester und die anderen, die sich als Diakone oder Katecheten ihrem Auftrag entsprechend dem Dienste des Wortes widmen, in bestaendiger Lesung und gruendlichem Studium sich mit der Schrift befassen, damit keiner von ihnen werde zu 'einem hohlen und aeusserlichen Prediger des Wortes Gottes, ohne dessen innerer Hoerer zu sein' (Augustinus), wo er doch die unuebersehbaren Schaetzen des goettlichen Wortes... den ihm anvertrauten Glaeubigen mitteilen soll." Heute wird allgemein die Notwendigkeit anerkannt, Klerus und Laien mit der Bibel mehr vertraut zu machen. Die Bischofskonferenzen sind bestrebt, Bibelkurse fuer Priester zu veranstalten und fuer alle, die den Auftrag haben, das Wort Gottes zu verkuendigen.) (Zurueck) (Zurück zu Kapitel 18) * S.52(Zurueck) Anfangs wurden Bilder und Abbilder in den Kirchen nicht aufgestellt, um sie anzubeten, sondern um entweder mit ihrer Hilfe als Ersatz fuer Buecher die zu belehren, die nicht lesen konnten, oder um die andern in eine andachtsvolle Stimmung zu versetzen. Wie weit sie jemals eine solche Absicht erfuellten, ist zweifelhaft; aber selbst wenn dies eine Zeitlang der Fall gewesen sein sollte, hatte es damit doch bald ein Ende; und es wurde offenbar, dass die Bilder und Abbildungen in den Kirchen die Gemueter der Unwissenden eher verdunkelten als erleuchteten und die Andacht der Anbetenden eher erniedrigten als erhoben. Wie auch immer sie sich bemuehten, die Gemueter der Menschen auf Gott zu lenken, es endete damit, dass sich die Menschen von der Anbetung Gottes zur Anbetung der geschaffenen Dinge hinwandten." (J. Mendham, The Seventh General Council, the Second of Nicea, Einfuehrung, S. 3-6.) "Bilder, urspruenglich als Schmuck, dann zur Belehrung, hatte man von alten Zeiten her in den Grabstaetten, Kirchen, Memorien, Haeusern und an Geraetschaften aller Art. Widerspruch fehlte nicht, aber das konstantinische Zeitalter machte dem ein Ende. Man sollte aus den Bildern die Geschichten lernen, die sie darstellten; sie galten als die Buecher der Ungebildeten. Zugleich sollte das Bild die heiligen Orte schmuecken. Aber allmaehlich wirkte hier noch ein anderes Interesse, dem sich das jugendliche Christentum einst auf das energischste widersetzt hatte. Reliquien und Bilder verehrter Wesen zu begehren, sie aus dem profanen Gebrauche auszuscheiden und mit inniger Pietaet zu behandeln, ist dem Menschen natuerlich... Bilder von Christus, von Maria und von Heiligen wurden schon seit dem 5. (4.) Jahrhundert durch Gruesse, Kuesse und Niederwerfen verehrt, ganz wie man es einst im Heidentum gehalten hatte. In der naiven und sicheren Ueberzeugung, dass die Idolatrie den Christen nicht mehr gefaehrlich werden koenn duldete die Kirche nicht nur das Eindringen des Heidentums, sondern leistete ihm Vorschub... Ein schwunghaftes Geschaeft wurde im 7. und im Anfang des 8. Jahrhunderts mit Bildern, namentlich von Moenchen, getrieben; Kirchen und Kapellen steckten voll von Bildern und Reliquien: es war wie im Heidentum nur der Schoenheitssinn hatte sich verkehrt... Mit den Bildern beherrschte die moenchische, in stumpfen Anstarren sich bewegende Froemmigkeit das Volk und zog die Christenheit immer tiefer herunter." (Adolf von Harnack, Lehrbuch der Dogmengeschichte, Bd. II, S. 452 - 454.) "Die byzantinischen Bilderstreitigkeiten griffen nach dem Westen hinueber, und zwar dadurch, dass Papst Hadrian I. die Akten des nicaenischen Konzils an Karl den Grossen sandte. Dieser liess durch seine Hoftheologen (Alkuin) eine die Bilderverehrung ablehnende umfangreich Streitschrift (die Libri Carolini) anfertigen, welche die nicaenischen Synodalakten Satz fuer Satz widerlegte und als Zweck religioeser Bilder nur die Belehrung des Volkes und die wuerdige Ausschmueckung kirchlicher Raeume anerkannte. Die hier vertretenen Grundsaetze wurden durch die fraenkische Synode zu Frankfurt (794) bestaetigt." (Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd. 1, Sp.1106.) Quellen: Ein Bericht ueber die Sitzungsprotokolle und Entscheidungen auf dem zweiten Konzil in Nizaea bei Baronius, Ecclesiastical Annals, Bd. IX, S. 391 - 407, Antwerpener Ausgabe, 1612; Ed. Stillingfleet, Defense of the Discourse Concerning the Idolatry Practiced in the Church of Rome, London, 1686; A Select Library of Nicene and Post-Nicene Fathers, second series, Bd. XIV, S. 521 - 587, New York, 1900; C. J. Hefele, Konziliengeschichte, 7 Bde.) (Zurueck) ** S.52(Zurueck) Quellen: Joseph Cullen Ayer, A Source Book for Ancient Church History, New York, 1913; Codex Justiniani, liber 3, tit. 12, lex. 3; Philipp Schaff, History of the Christian Church, Bd. III, Teil 3, Kap. 7, 75, S. 380, Fussnote 1; James A. Hessey, Bampton Lectures, Sunday, Lektion 3, 1, S. 58; A.H. Newmann, Manual of Church History, Bd. I, S. 305 - 307, Philadelphia, 1933; L.E. Froom, The Prophetic Faith of our Fathers, Bd. I S. 376 - 381, Washington, 1950.) (Zurueck) * S.54(Zurueck) *S.56(Zurueck) "Die 'Konstantinische Schenkung' ist der seit dem spaeten Mittelalter uebliche Name fuer eine Urkunde, die Kaiser Konstantin der Grosse an den Papst Sylvester I. sandte und die sich zuerst in einem Pariser Manuskript vermutlich zu Beginn des neunten Jahrhunderts fand (Codex lat. 2777). Vom elften Jahrhundert an benutzte man sie als einen nachdruecklichen Beweis zur Beguenstigung paepstlicher Ansprueche. Sie wurde deshalb seit dem zwoelften Jahrhundert Ursache heftiger Auseinandersetzungen." (New Schaff-Herzog Encyclopedia of Religious Knowledge, Bd. III, Art. "Donation of Constantine", S. 484.485.) Die Konstantinische Schenkung (donatio Constantini) ist eine um 756 n. Chr. wahrscheinlich in Westfrankreich entstandene Faelschung einer Schenkung Kaiser Konstantins des Grossen an Papst Sylvester I. aus Dankbarkeit fuer die Heilung vom Aussatz. Sie bestand aus einer grossen Urkunde, worin der Kaiser den Vorrang Roms ueber alle Kirchen anerkannte, dem Papst kaiserliche Abzeichen verlieh und ihm ausserdem den kaiserlichen Palast (Lateran) in Rom und die Herrschaft ueber die Stadt, Italien und alle westlichen Reichsprovinzen abtrat. Die vom Mittelalter fuer echt gehaltene Urkunde wurde in die pseudoisidorischen Dekretalen aufgenommen. Die Konstantinische Schenkung spielte eine bedeutende Rolle in den Auseinandersetzungen zwischen Papsttum und Kaisertum im Mittelalter. Der italienische Humanist Lorenzo Valla und Nikolaus von Cusa (Cues) haben diese Faelschung um 1440 nachgewiesen (De falso credita et ementita Constantini donatione declamatio). Die in der "Schenkung" entwickelte Geschichtsauffassung ist, vollstaendig behandelt, zu finden bei Henry E. Kardinal Manning, The Temporal Power of the Vicar of Jesus Christ, London, 1862. Die Beweise fuer die Schenkung waren scholastisch. Die Moeglichkeit einer Faelschung wurde bis zum Aufkommen der historischen Kritik im 15. Jahrhundert ueberhaupt nicht erwaehnt. Nikolaus von Cusa gehoerte zu den ersten, die zum Schluss kamen, dass Konstantin niemals irgendeine derartige Schenkung gemacht habe. Lorenzeo Valla in Italien fuehrte 1450 den brillanten Nachweis ihrer Faelschung. (Siehe: Christoph B. Coleman, Treatise of Lorenzo Valla on the Donation of Constantine, New York, 1927.) Dennoch wurde der Glaube an die Authentizitaet der Schenkung und der falschen Dekretalen noch ein Jahrhundert lebendig erhalten. Zum Beispiel erkannte Luther anfangs die Dekretalen an; doch bald danach sagte er zu Dr. Eck: "Ich bestreite diese Dekretalen!", und zu Spalatin aeusserte er: "Er (der Papst) verfaelscht und kreuzigt in denekretalen Christus, das heisst: die Wahrheit!" Es gilt als nachgewiesen, 1. dass die Schenkung eine Faelschung; 2. dass sie das Werk eines Mannes oder einer Zeitperiode ist; 3. dass der Faelscher aeltere Dokumente verwendet hat; 4. dass die Faelschung aus den Jahren zwischen 752 und 778 stammt. Die Katholiken gaben die Verteidigung der Authentizitaet der Schenkung auf mit Baronius, Ecclesiastical Annals, 1592. Weitere Quellen: K. Zeumer, Festgabe fuer Rudolf von Gneist, Berlin 1888; New Schaff-Herzog Encyclopedia of Religious Knowledge, Bd. III, S. 484; F. Gregorovius, Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter, Bd. I, S. 656 f., Dresden, 1926; I. von Doellinger, Die Papstfabeln des Mittelalters, S. 72 ff., Stuttgart, 1890; S. Laehr, Die Konstantinische Schenkung in der abendlaendischen Literatur bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, 1926; H. Brunner/K. Zeumer, Die Konstantinische Schenkungsurkunde; Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd. III, 1929, Sp. 1227.; Der Grosse Brockhaus, Bd. X, S. 412, 1931; Der Grosse Herder, Bd. V, S. 637 f., 1954; I. von Doellinger, Der Papst und das Konzil, S. 142, Leipzig, 1869. Zu den im Text erwaehnten falschen Urkunden gehoeren auch die Pseudoisidorischen Dekretalen sowie andere Faelschungen. "Die Pseudoisidorischen Dekretalen sind eine umfangreiche Sammlung angeblich sehr alter Quellen des Kirchenrechts, enthalten hauptsaechlich erdichtete oder verfaelschte Dekretalen, Papstbriefe ( von Klemens I. bis Gregor I.), die Konstantinische Schenkung, aeltere Konzilbeschluesse, Saetze der Kirchenvaeter, der Bibel und des roemischen Rechts in mosaikartiger Darstellung. Als Vorarbeiten fuer die Pseudoisidorischen Dekretalen dienten teilweise drei andere kirchenrechtliche Faelschungen: die sog. Capitula Angilramni, eine Sammlung echter und unechter Beschluesse roemischer Synoden, Bischoefe und Kaiser, ferner eine verfaelschte Neubearbeitung der alten Collectio canonum Hispana und der sog. Benedictus Levita, eine Sammlung angeblich fraenkischer Kapitularien. Die Pseudoisidorischen Dekretalen sind um die Mitte des 9. Jahrhunderts wahrscheinlich in der Kirchenprovinz Reims entstanden; der Hersgeber nennt sich Isidorus Mercator. Unmittelbarer Zweck der Sammlung war, die Kirche von der Staatsgewalt zu befreien, die Macht der Erzbischoefe zu brechen und den Primat des Papstes zu festigen. Die Bischoefe sollten der Gerichsbarkeit der weltlichen Gewalten sowie der Metropoliten und Provinzialsynoden enthoben werden. Die wichtigsten Saetze der Pseudoisidorischen Dekretalen sind in die spaeteren Kirchenrechtssammlungen und in das Corpus Juris Canonici uebergegangen und haben besonders seit der Reformbewegung des 11. Jahrhunderts die kirchliche Rechtsentwicklung beeinflusst. Das Mittelalter hat die Pseudoisidorischen Dekretalen fuer echt gehalten; aber bereits Nikolaus von Cusa (15. Jahrhundert) aeusserte Bedenken. Als Faelschung wurde die Sammlung zum erstenmal in den Magdeburger Zenturien des Matthias Flacius 1559 aufgedeckt ( erste protestantische Kirchengeschichte). Den umfassenden Nachweis der Unechtheit hat gegenueber dem Jesuiten Franz Torres der reformierte Theologe David Blondel 1628 erbracht." ( Der Grosse Brockhaus, Bd. XV, S. 198.) Isidor Mercator nahm als Grundlage seiner Faelschung eine Sammlung von gueltigen Kanons, die Hispana Gallica Augustodunensis. Auf diese Weise schmaelerte er die Gefahr der Aufdeckung, da Gesetzessammlungen gewoehnlich durch Hinzufuegen neuer Gesetze zu den alten entstanden. Indem er seine Faelschung mit echtem Material verband, wurde sie als Faelschung weniger offenkundig. Die Unechtheit des Pseudoisidorischen Machwerkes wird nun unstreitig zugegeben; denn sie ist durch innere Beweise, durch Untersuchung der Quellen und benutzten Methoden und durch die Tatsache, dass dieses Material vor 852 unbekannt war, eindeutig erwiesen. Historiker stimmen darin ueberein, dass das Jahr 850 oder 851 das wahrscheinlichste Datum fuer die Vollendung der Sammlung ist, da diese Urkunde zuerst in der Admonitio der Kapitulare von Quiercy um 857 erwaehnt wird. Der Verfasser dieser Faelschung ist nicht bekannt. Vermutlich ruehrte sie von der streitbaren neuen Kirchenpartei her, die sich im 9. Jahrhundert in Reims gebildet hatte. Es ist erwiesen, dass Bischof Hinkmar von Reims diese Dekretalen bei der Absetzung Rothads von Soissons benutzte. Dieser wieder brachte sie 864 nach Rom und legte sie dem Papst Nikolaus I. vor. Unter denen, die ihre Authentizitaet anfochten, befanden sich Nikolaus von Cusa (1401-1464), Chrales Du Moulin (1500-1566) und George Cassender (1513 bis 1564). Der unwiderlegbare Beweis ihrer Faelschung wurde von dem Theologen David Blondel 1628 erbracht. Weitere Quellen: Migne, Patrologiae cursus completus, Bd. CXXX; P. Hinschius, Decretales Pseudo-Isiorianniae et capitula Angilramni, Leipzig, 1863; I. v. Doellinger, Das Papsttum, S. 35ff., Muenchen, 1892; E. Seckel, Pseudoisidorische Dekretalen in Realenzyklopaedie fuer protestantische Theologie und Kirche, Bd. XVI, 3. Aufl., 1905; E. Perels, Eine Denkschrift Hinkmars von Reims im Prozess Rothads von Soissons, 1922; Maassen, Pseudoisidorstudien, 1888; Kenneth Scott Latourette, A History of the Expansion of Christianity, Bd. III; 1938; H.H. Milman, History of Latin Christianity, Bd. III; New Schaff-Herzog Encyclopedia of Religious Knowledge, B. IX, S. 343 - 345, 1950; Fournier, Etudes sur les Fausses Decretales in Revue d'Histoire Ecclésiastique, Bd. VII und Bd. VIII; Catholic Encyclopedia, Bd. V, False Decretals; Der Grosse Herder, Bd. VII, Sp. 685; Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd. IV, 1930 , Sp. 1631. 1632. (Zurueck) * S.57(Zurueck) Die Reformation der Kirche und die Emanzipation des Papsttums von weltlicher Macht ist das Werk Gregors VII. Heussi schreibt in seinem "Kompendium der Kirchengeschichte", 73 a-c: "In Gregor VII. (1073 - 1085), einem der gewaltigsten und erfolgreichsten aller Paepste, erreichte die kirchliche Reformbewegung des 11. Jahrhunderts ihren Hoehepunkt. Durch Erzwingung des Priesterzoelibats und energischer Bekaempfung der Simonie foerderte Gregor die innerkirchliche Reform. Er gab der Idee des Papsttums ihre konsequente Fortbildung; Papsttum und Kirche begannen gleichbedeutende Begriffe zu werden. Romanisierung und Zentralisation der abendlaendischen Kirche machten bedeutende Fortschritte. Vor allem hat Gregor den Kampf um die Freiheit der Kirche von den weltlichen Gewalten mutig aufgenommen und mit der Beharrlichkeit des grossen Politikers durchgefuehrt. Seine Anschauungen (siehe seine Briefe und besonders die 'Dictatus Gregorii Papae', 27 kurze Thesen ueber die paepstliche Macht, nicht von ihm selbst verfasst) ruhen auf Augustins 'De civitate Dei', Pseudo-Isidor und Nikolaus I. U.a. finden sich darunter folgende Thesen: Der Papst ist der unumschraenkte Herr der Universalkirche. Er kann Metropoliten und Bischoefe absetzen und ernennen, ja fuer jede Kirche Kleriker konsekrieren; er allein darf eine allgemeine Synode berufen; seine Legaten stehen an Rang ueber den Bischoefen... Der Papst ist der oberste Herr der Welt. Er traegt die kaiserlichen Insignien, nur ihm, nicht den uebrigen Bischoefen, haben die Fuersten die Fuesse zu kuessen, er darf sogar den Kaiser seiner Wuerde entsetzen und die Untertanen vom Treueid entbinden. Papsttum und weltliche Macht verhalten sich wie Sonne und Mond; dieser empfaengt von jener sein Licht. Der Papst steht unter dem besonderen Schutze des Petrus; der 'canonice' gewaehlte Papst wird durch die 'Verdienste' des Petrus ohne Zweifel heilig. Die roemische Kirche hat niemals geirrt und wird niemals irren." (Siehe auch Carl Mirbt, Quellen zur Geschichte des Papsttums und des roemischen Katholizismus, S. 146, 4. Aufl., Tuebingen, 1924.) Quellen: Baronius, Annales Ecclesiastici a Christo nato ad annum 1198, Bd. 17, Ann. 1076, S. 405. 406, Paris, 1869; Monumenta Germaniae Historica Selecta, Bd. III. S. 17; F.A. Ogg. Source Book of Medieval History, Kap. 16, Abschn. 45, S. 262-264, New York, 1907; Oliver J. Thatcher/Edgar H. McNeal, Source Book for Medieval History, Abschn. 3, Punkt 65, S. 136-139, New York, 1905; James Bryce, Holy Roman Empire, Kap. 10; James W. Thompson/Edgar N. Johnson, An Introduction to Medieval Europe, 300-1500, S. 377-380; I. v. Doellinger, Das Papsttum, S. 40 ff., Muenchen, 1892; Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Band II, 1928, Sp. 1438. 1439; Heussi, Kompendium der Kirchengeschichte, S. 205, 73b, 1913.) (Zurueck) *S.58(Zurueck) Im Mittelalter erfuhr die Marienverehrung eine weitere Steigerung. Maria wird zur Hohen Fraue, zur Madonna. Der Volksfroemmigkeit wird sie immer vertrauter als "Unsere liebe Frau". Als Jungfrau und Koenigin ist sie zugleich das Ideal echter Muetterlichkeit. Das Volk rief Maria als Helferin nicht nur in geistlichen, sondern auch in weltlichen Noeten an. Die verbreitetste Gebetsform war das Ave Maria, das mit dem Vaterunser eng verknuepft wurde. Die beliebteste Form dieses Mariengebetes wurde der Rosenkranz, bei dem "die Gottesmutter in enger Verbindung mit der Heilsgeschichte betrachtet wird". "Als Foerderer der Mariologie erscheinen Bernhard von Clairvaux und Thomas von Aquin. Bernhard verkuendigt: Wer den Sohn fuerchtet, nehme seine Zuflucht zu Maria! In seiner beruehmten Auslegung deutete er das Hohelied auf das Verhaeltnis von Christus zu Maria. Bei Thomas ist Maria das Symbol der Kirche. Diese Anschauung hat sich in der Gegenwart als ungemein wichtig erwiesen. In der Tat versteht man die neuere Mariologie nur, wenn man bedenkt, dass in Maria die Personifikation der Kirche verehrt wird... Wenn die Kirche Maria zur Suendlosen, zur Gnadenmittlerin, zur Himmelskoenigin erhebt, so spricht sie damit ihr eigenes Selbstbewusstsein aus." (Loewenich, Der moderne Katholizismus, S. 228 f.) Zwei Dogmen lenken den Blick in besonderer Weise auf die Marienverehrung. Das erste, am 8.12.1854 von Pius IX. proklamiert, verkuendete die unbefleckte Empfaengnis Mariae; das zweite, die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel, wurde am 1.11.1950 von Pius XII. verkuendet. Das Bedeutsame dieser beiden Dogmen ist, dass sie in der Heiligen Schrift keinerlei Rueckhalt haben, sie koennen sich lediglich auf die Tradition berufen. Das Dogma von der unbefleckten Empfaengnis verkuendigt die voellige Suendlosigkeit Marias. Es wird als eine Offenbarung Gottes gewertet; seine Nichtannahme bedeutet den Verlust der Seligkeit und den Ausschluss aus der Kirche. Die Dogmatisierung erfolgte nicht durch Konzilsbeschluss, sondern kraft paepstlicher Vollmacht, womit schon das geplante Unfehlbarkeitsdogma vorbereitet wurde. Bei der Begruendung des Dogmas von der leiblichen Himmelfahrt Mariens findet sich u.a. folgender Satz: "Wenn nach dem Tode der Gottesmutter Maria Gott, ihr Sohn, sie nicht unverzueglich auferwecken wuerde, nachdem er ihren Leib vor jeder Verwesung bewahrte, wuerde es ihm an Weisheit fehlen, und er wuerde sich selbst widersprechen; sein Verhalten waere unzusammenhaengend und ungeziemend." (Loewenich, Der moderne Katholizismus, S.243.) Nach katholischer Sicht ergeben die Zeugnisse des Evangeliums, ergaenzt und erweitert durch die Tradition, von selbst den Begriff der taetigen Anwesenheit Marias in dem gesamten Erloesungswerk Jesu Christi. Sie bewirke zwar nicht die Erloesung selbst, aber sie sei das Mittel und teile die Gnaden aus. Christus ist hier nicht mehr ohne Maria zu denken, die ihren Platz in der Sphaere des Goettlichen behauptet, die das "Meisterwerk Gottes" ist und die "der Allmaechtige nach seinem Willen neben Christus gestellt hat in allen Phasen des Heilswerkes" (Osservatore Romano, 26.3.58). Damit erhaelt die Erloesung gewissermassen erst durch Maria ihre Kroenung. Papst Benedikt XV. aeusserte schon 1918, dass man mit Recht sagen koenne, Maria habe zusammen mit Christus das Menschengeschlecht erloest. Sein Nachfolger legte ihr sogar den Titel "Miterloeserin" bei. Angesichts dieser Sachlage nuetzt es wenig, wenn von katholischer Seite versichert wird, dass nichts, was Maria an Glauben zugewendet werde, Gott und Christus verlorgehe; sie beteten die Himmelskoenigin nicht an, sondern braechten ihr nur "uebermaessige Verehrung" dar. Dieser feine, nur rhetorische Unterschied wirkt sich jedoch in der praktischen Froemmigkeit ueberhaupt nicht aus; denn wie will man die Anbetung von der uebermaessigen Verehrung trennen? Abgesehen davon bezeugen eine Reihe von Aeusserungen gerade der letzten Zeit, dass eben doch die Anbetung Marias gemeint ist und nicht nur eine Verehrung. So wiederholte Johannes XXIII. ein bekanntes Rosenkranzgebet Pius XII, in dem es heisst: "Wendet euch mit immer groesserem Vertrauen an die jungfraeuliche Gottesmutter, zu der die Christen allezeit und vor allem in Widrigkeiten Zuflucht genommen haben, weil sie ja zur Quelle des Heils (!) fuer das ganze Menschengeschlecht bestellt ist." Einer der entschiedensten Foerderer der Marienfroemmigkeit war Pius der XII. Als 18jaehriger weithe er sich Maria, sein Priestertum brachte er der "Himmelskoenigin" dar. Waehrend seines Pontifikats veroeffentlichte er 350 marianische Dokumente, darunter 19 von ihm verfasste Mariengebete. Von ihm stammt auch der Ausspruch: "Der irrt gruendlich von der Wahrheit ab, der glaubt die Wuerde und Reinheit der heiligen Jungfrau voellig und richtig allein aus den Schriften des Alten und Neuen Testaments definieren zu koennen."Die in der Regierungszeit Pius XII. entfaltete Aktivitaet in der Verehrung Mariens gipfelte vor allem in folgenden Bekundungen: 1942 Weihe der Kirche und der Menschheit an das unbefleckte Herz Mariens, 1946 Rundfunkbotschaft ueber das Koenigtum Marias anlaesslich der Kroenung der Jungfrau in Fatima, 1950 Dogma von der leiblichen Himmelfahrt Mariens, 1952 Weihe der Voelker Russlands an das Herz Mariens, 1953 Einsetzung des Marianischen Jahres, 1954 Weihe des deutschen Volkes (!) an das Herz Marienund 1959 (unter Johannes XXIII.) Weihe Italiens an das Herz Mariens. Papst Johannes XXIII. verteidigte die Marienverehrung gegen nichtkatholische Kritik. Ausserdem sprach er die Hoffnung aus, dass Maria die "Wunden des mystischen Leibes" heilen werde, d.h. dass Maria den getrennten Bruedern den Weg der Rueckkehr in den Schoss der alleinseligmachenden Kirche ebnen werde. Waehrend des zweiten Vatikanischen Konzils wurde vor allem von spanischen Bischoefen gefordert, dass die "taetige Mitwirkung der Mutter Gottes" in der Heilsordnung der Kirche zusammen mit Christus hervorgehoben werden muesse. Allgemeine Ueberraschung hatte es auf dem Konzil ausgeloest, dass Papst Paul VI. in der Schlusssitzung der dritten Sitzungsperiode, nachdem er die dogmatische Konstitution "Ueber die Kirche" verkuendet hatte, in einer Wuerdigung dieser Konstitution Maria als "Mutter der Kirche" proklamierte. Die fortschrittlichen Bischoefe und Kardinaele zeigten sich von dieser Massnahme des Papstes bestuerzt, da die Konzilsmehrheit noch wenige Wochen zuvor eine solche Formulierung und Definition um des oekumenischen Gespraeches willen abgelehnt hatte. Einige Kardinaele aeusserten auch unverhohlen ihr Befremden ueber die Art, wie das Konzil hier ueberspielt wurde. Noch kurz zuvor hatten 1559 Konzilsvaeter eine Kompromissfassung des Marienkapitels gebilligt, in der Maria weder als "Mutter der Kirche" noch als "Mittlerin der Gnaden" noch als "Miterloeserin" genannt worden war. Paul VI. dagegen liess die dritte Sitzungsperiode mit einem Lobeshymnus auf Maria enden. Er sagte u.a. woertlich: "Wir wuenschen, dass die Jungfrau von nun an von allen (!) Christen noch mehr verehrt und angerufen werde." Der polnische Papst Johannes Paul II. hat sich bisher als ein vehementer Verfechter der Mariologie erwiesen. Er kommt damit freilich einem weitverbreiteten Beduerfnis innerhalb der katholischen Kirche entgegen. So haben allein aus den fuenf suedamerikaischen Laendern Chile, Peru, Ecuador, Kolumbien und Venezuela 3 Kardinaele, 33 Erzbischoefe, 110 Bischoefe, 146 Praelaten, 938 Priester, 118 Ordensbrueder, 1684 Ordensschwestern und Tausende von Laien den Papst gebeten, das Dogma von Maria als Miterloeserin zu verkuenden. Zweifellos gebuehren der Maria als Mutter des Herrn Liebe und Dankbarkeit. Sie ist das Gefaess, in dem das Wort Fleisch wurde. Was man jedoch in die Gestalt der Mutter Jesu hineinlegte, hat in der Heiligen Schrift keinen Grund. Das Neue Testament, das voellig christozentrisch orientiert ist, weiss wenig von Maria zu berichten, von ihrem Ende und von ihrer Himmelfahrt ueberhaupt nichts. Selbst unter den Zeugen der Auferstehung wird sie nicht genannt. Sie ist hier weder Gottesmutter noch Himmelskoenigin, sondern schlichte Magd. Der biblische Bericht von der jungfraeulichen Geburt will nichts anderes sein als ein Ausdruck fuer die einzigartige Bedeutung der geheimnisvollen Person Jesu Christi. Er ist mehr eine Aussage ueber Jesus selbst als ueber Maria. Christus ist auch der Heiland der Maria. Da aber Maria als Symbol der katholischen Kirche verstanden wird, ergibt sich die Folgerung: Je mehr Maria in der Verehrung steigt, um so glorreicher sieht sich auch die katholische Kirche selbst. Quellen: Walther von Loewenich, Der moderne Katholizismus, 1955; Hans Asmussen, Maria, die Mutter Gottes, 1950; P. Bernardus, "Katholische Kirche, wohin gehst du?" in Oekumenische Einheit II, 2, 88 ff.; Gerhard Ebeling, "Zur Frage nach dem Sinn des Mariologischen Dogmas" in Zeitschrift fuer Theologie und Kirche, 47, 1950, Heft 3, S. 383 ff.; Edmund Schlink, Evgl. Gutachten zur Dogmatisierung der leiblichen Himmelfahrt Mariens, Muenchen/Berlin, 1950; Walter Kuenneth, Christus oder Maria, Berlin-Spandau, 1950; Bernhard Ritter, "Das roemische Mariendogma" in Evangelische Jahresbriefe, 16, 1951/52 S. 8 ff.; Hermann Volk, Das neue Mariendogma, Muenster, 1951; Karl Rahner, Das "Neue" Dogma, Herder/Wien, 1951; Otto Semmelroth, Das neue Dogma im Widerstreit, Wuerzburg, 1951; Friedrich Heiler, "Assumptio" in Theologische Literaturzeitung, Januar 1954, Sp. 1 - 52; P. Straeter, Katholische Marienkunde, 3 Bde. 1947 - 51; R. Graber, Die marianischen Weltrundschreiben der Paepste in den letzten 100 Jahren, 1951; C. FeckesDie heilsgeschichtliche Stellvertretung der Menschheit durch Maria, 1954; G. Miegge, "Die gegenwaertige Situation der katholischen Mariologie" in Theologische Literaturzeitung 82, 1957, S. 561 ff.; "Marienerscheinungen" in Materialdienst des Konfessionskundlichen Instituts, 1952, Nr. 2, S. 23 ff.; "Zum Kult von Fatima" in Materialdienst des Konfessionskundlichen Instituts, 1951, Nr. 2, S. 14ff.; Nr. 4, S. 15f.; "Das neue Mariendogma im Lichte der Geschichte und im Urteil der Oekumene" in Oekumenische Einheit II, 2. u. 3., Muenchen/Basel,1950; "Mariologie und marianische Froemmigkeit" in Herder-Korrespondenz IX, 9. Juni 1955, S. 415 ff.; Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd. III, 1929, Sp. 2014 ff.; Lexikon fuer Theologie und Kirche, VI, S. 895 ff.; George A. Lindbeck (Hrsg.), Dialog unterwegs, Eine evangelische Bestandsaufnahme zum Konzil, 1965.) (Zurueck) ** S.58(Zurueck) Quellen: K. R. Hagenbach, Lehrbuch der Dogmengeschichte, Bd. I, S. 197 ff., 344 ff,; Bd. II, S. 197 ff., 346 f., Leipzig, 1847; Schroeckh, Christliche Kirchengeschichte, Bd. XX, S. 184ff, Leipzig, 1794; Catholic Encyclopedia, Art, Fegfeuer, Charl. Elliott, Delineation of Roman Catholicism, 2. Buch, Kap. 12; Hefele, Konziliengeschichte, Bd. IX, S. 888; Wetzer, Kirchenlexikon, Art, Fegfeuer; Der Grosse Herder, Bd. III, Sp. 838; Bd. X, Sp. 1410 - 1412; Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd. II, 1928, Sp. 533 - 535; Realenzyklopaedie fuer protestantische Theologie und Kirche, Bd. IV, S. 514 - 517.) (Zurueck) * S.59(Zurueck) (Zurueck zu Kap.5) Quellen: Eine genaue und umfassende Darstellung der Lehre vom Ablass findet sich bei M. Creighton. A History of the Papacy from the Great Schism to the Sack of Rome, Bd. V, S. 56 - 65, 71, London, New York, Bombay, Calcutta, 1911; Catholic Encyclopedia, Bd VIII, S. 783 - 789, Art. Ablass von W.H. Kent; H C. Lea, A History of Auricular Confession and Indulgences in the Latin Church, Philadelphia, 1896; Thomas M. Lindsay, A History of the Reformation, Bd. I, S. 216 bis 227, New York, 1917; A. H. Newman, A Manual of Church History, Bd. II, S. 53.54.62, Philadelphia, 1953; Preserved Smith, The Age of the Reformation, S. 23 bis 25.66, New York, 1920; L. v. Ranke, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation, Bd. I, 2. Buch, S. 122. 157 f.; Walther Koehler, Dogmengeschichte, S. 319 ff., 1943; A. von Harnack, Lehrbuch der Dogmengeschichte, Bd. III, S. 292 f., 504 f., 511 ff., 603 f., 1890; Franz Beringer-Steiner, Die Ablaesse, ihr Wesen und Gebrauch, 2 Bde., 1920; Fr. Heiler, Der Katholizismus, 1923; Realenzyklaedie fuer protestantische Theologie und Kirche, Bd. I, S. 90 - 92, 1877; Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd. I, 1927, Sp. 59 - 64.) (Zurueck) (Zurueck zu Kap.5) ** S.59(Zurueck) Das Wesen der Messe beruht darin, dass sie als Vergegenwaertigung des Kreuzopfers Christi (des Opfers des Neuen Bundes) weder nur dessen Erinnerung noch seine wiederholte Nachahmung oder Ergaenzung ist (was der Vollgueltigkeit und Einzigkeit des Kreuzopfers widerspreche). Vielmehr ist die Messe mit dem Kreuzopfer ihrem Wesen nach identisch und weist den gleichen Hohenpriester, die gleiche Opfergabe auf: Christus. Nur die Weise der sakramentalen Aufopferung in der Messe ist verschieden von der historischen am Kreuz; dort geschah sie blutig, in der Messe geschieht sie unblutig in der Gestalt von Brot und Wein... So ist die Messe im katholischen Glaubensverstaendnis die Mitte des Lebens, die wirklichste Gottbegegnung und damit der sichtbarste Einbruch der Gnade in das Dasein des Menschen." (Der Grosse Herder, Bd. VI, Sp. 451 ff.) Walther von Loewenich schreibt in Der moderne Katholizismus, S. 28 ff.: "Luther hatte die Messe als ein Werk des Menschen verworfen. In der Messe bringt die Kirche Leib und Blut Christi als ihr Opfer dar. Damit ist die Einmaligkeit und Einzigkeit des Opfers Christi zunichte gemacht. Die Messe ist darum fuer Luther ein greulicher Goetzendienst und eine vermaledeite Abgoetterei. Hier erreicht fuer ihn das falsche Werkfroemmigkeit ihren furchtbaren Hoehepunkt. Darum richtet sich sein ganzer Groll gegen diese Feier. Luthers Polemik wird vom heutigen Katholizismus als ein verhaengnisvolles Missverstaendnis bezeichnet. Man verweist dafuer auf Cap. 2 der 22. Sitzung des Tridentinums. Dort heisst es: 'Es ist ein und dasselbe Opfer, das derselbe jetzt durch den Dienst der Priester darbringt, der sich selbst damals am Kreuze dargebracht hat, wobei nur die Art der Darbringung verschieden ist.' Nicht die Kirche, sondern Christus selbst ist also in der Messe das Subjekt des Opferns. Die Messe ist zwar ein wahres und eigentliches Opfer, aber es ist wesentlich identisch mit dem Opfer Christi am Kreuz. Die wesentliche Identitaet wird erlaeutert durch den Gedanken der Repraesentation. Christus hat sich selbst beim ersten Abendmahl geopfert und dieses Opfer zur Wiederholung eingesetzt, um so ein Opfer zu hinterlassen, durch das jenes einmalige blutige am Kreuz dargestellt wuerde und so sein Gedaechtnis bis ans Ende der Welt dauern sollte. Aber das Messopfer ist nicht eine blosse Abbildung oder Erinnerung an das Kreuzopfer, sondern es vollzieht sich ein wirkliches Opfer auf dem Altar. Die Theologen reden so zwar von einer 'Wiederholung' des Kreuzopfers auf dem Altar: dadurch soll aber die Identitaet des Messopfers mit dem Kreuzesopfer nicht angetastet werden. Wird nun Christus selbst als Subjekt des Opfers auf dem Altar verstanden, so laesst sich offenbar Luthers Vorwurf gegen das 'Menschenwerk' nicht aufchterhalten. Es ist in der Gegenwart wichtig, dass wir uns ueber diesen Punkt Klarheit verschaffen. Diese Klarheit laesst sich aber nicht leicht gewinnen, da hier auf der katholischen Seite selbst nicht alles klar zu sein scheint. Zunaechst kann man Luther nicht zum Vorwurf machen, dass er die Identitaet zwischen Kreuzesopfer und Messopfer nicht beachtet hat; denn die Formulierung des Tridentinums ist erst nach seinem Tode erfolgt. Sie findet sich aber in keiner frueheren offiziellen Lehrentscheidung klar ausgesprochen. Im Canon missae, also in der kirchlichen Liturgie, an die sich Luther in erster Linie halten musste, ist sie keineswegs klar zum Ausdruck gebracht. Im Gegenteil, alle einschlaegigen Stellen dort sprechen unumwunden von einem Opfer der Kirche und des Priesters. Mehrfach wird darum gebeten, Gott moege diese 'heiligen, makellosen Opfergaben' gnaedig annehmen. Diese Bitte wird bei einem Selbstopfer Christi schwer begreiflich. Die Opfergabe wird als eine solche bezeichnet, 'die wir, deine Diener und deine ganze Gemeinde, darbringen'. Der Priester bittet, Gott moege unser Opfer ebenso gnaedig annehmen, wie einst die Opfer Abels, Abrahams und Melchisedeks. Auch diese Bitte setzt doch wohl voraus, dass die Kirche bzw. der Prieer Subjekt des Opferns ist... Aus dem Canon missae konnte also Luther kein zwingendes Argument gegen seine Auffassung von der Messe als Opfer der Kirche gewinnen. Offenbar stand Luther mit seiner Auffassung nicht allein. Es gab im Mittelalter Stimmen, welche die Macht des Priesters ueber die Christi stellten; denn Christus habe sich nur einmal geopfert, der Priester aber tue dies taeglich. Eine aehnliche Auffassung begegnet uns noch in dem Hirtenbrief des Erzbischofs Johannes Katschthaler von Salzburg vom 2. Februar 1905. Hier heisst es u.a.: 'Einmal hat Maria das goettliche Kind zur Welt gebracht. Und sehet, der Priester tut dies nicht einmal, sondern hundert- und tausendmal, so oft er zelebriert. Machen sie (die Priester) den Leib, das Blut des Herrn nur gegenwaertig? Nein. Sondern sie opfern, sie bringen dem himmlischen Vater das Opfer dar. Es ist dasselbe, was Christus blutigerweise auf Kalvaria und unblutigerweise beim letzten Abendmahl getan hat. Hier in der heiligen Messe tut Er dasselbe durch seine Sllvertreter, die katholischen Priester. Die Priester hat er an seine Stelle gesetzt, damit sie dasselbe Opfer, das Er dargebracht, fortsetzen. Ihnen hat Er das Recht ueber seine heilige Menschheit uebertragen, ihnen gleichsam Gewalt ueber seinen Leib gegeben. Der katholische Priester kann ihn nicht bloss auf dem Altar gegenwaertig machen, ihn im Tabernakel verschliessen, ihn wieder nehmen und den Glaeubigen zum Genusse reichen, er kann sogar Ihn, den menschgewordenen Gottessohn fuer Lebendige und Tote als unblutiges Opfer darbringen. Christus, der eingeborene Sohn Gottes des Vaters, durch den Himmel und Erde geschaffen sind, der das ganze Weltall traegt, ist dem katholischen Priester hierin zu Willen...'" Quellen: Ueber die Lehre von der heiligen Messe, wie sie auf dem Konzil zu Trient festgesetzt wurde, siehe: Aus katholischer Sicht: H. G. Schroeder, Canons and Decrees of the Council of Trent, St. Louis, 1941; Catholic Encyclopedia, Bd. V, S. 572 ff.; Nikolaus Gihr, Holy Sacrifice of the Mass, Dogmatically, Liturgically, Ascetically Explained, 12. Aufl. St. Louis, 1937; Josef Andreas Jungmann, Missarum Sollemnia, Eine genetische Erklaerung der roemischen Messe, 2 Bde., Freiburg, 1952; K. Rahner, Die vielen Messen und das eine Opfer, 1951; B. Durst, Das Wesen der Eucharistiefeier..., 1953; Thalhofer, Handbuch der katholischen Liturgie, 2 Bde., 1912; Fr. Heiler, Der Katholizismus, S. 373 ff., 1923; M. Schmaus, Katholische Dogmatik, Bd. IV, S. 326 f., Muenchen, 1957. Aus protestantischer Sicht: Philipp Schaff, Creeds of Christendom, Bd. II, S. 126 bis 139, Art. Canons and Decrees of the Council of Trent, engl. und lat. Text; John Calvin, Institutes of the Christian Religion, 4. Buch, Kap. 17 und 18; Edward B. Pusey, The Doctrine of the Real Presence, Oxford, 1855; K. R. Hagenbach, Lehrbuch der Dogmengeschichte, Bd. I. S. 214 - 223, 393 - 398; Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd. III, 1929, Sp 2135 - 2140; Th. Sartory, Die Eucharistie im Verstaendnis der Konfessionen, Recklinghausen, 1961.) (Zurueck) *** S.59(Zurueck) Papst Gregor IX. bestellte die Dominikaner zu staendigen paepstlichen Inquisitioren. Die Inquisition war eine gerichtliche Institution zur Verfolgung von Haeretikern, die in Mittelalter und Neuzeit erheblichen Einfluss besass. Aufgabe des Inquisitionsprozesses war es, Rechtsabweichungen zu erfragen (inquirere). Eine Inquisition mit dem Ziel der strafrechtlichen Suehne wurde erst moeglich, nachdem das Christentum Staatsreligion geworden war und der Staat die Abweichung vom christlichen Glauben zu verfolgen begann. Staat und Kirche leisteten sich dabei gewissermassen Rechtshilfe. Waehrend die Inquisition anfangs von den Bischoefen ausgeuebt wurde, trat seit dem Ende des 12. Jahrhunderts die vom Papst ausgehende Inquisition an deren Stelle (als Wandergerichte). Die paepstliche Inquisitionsbehoerde nahm an Macht und Ansehen staendig zu. Sie erhielt spaeter den Namen "Sanctum Officium". "Die Inquisition wurde zunaechst in Italien eingefuehrt und entfaltete ihre Wirksamkeit vornehmlich hier wie sowie in Suedfrankreich und Spanien. In Spanien wurde die Inquisition sogar Staatseinrichtung; die konfiszierten Gelder flossen in die Staatskasse. Die spanische Inquisition ist bekannt durch die mit grossem Pomp gefeierten Autos-da Fé (Autodafés = actus fidei = Akte des Glaubens), durch welche die Urteile der Inquistion vollstreckt wurden. Ihre Intensitaet nimmt in Richtung auf die nordischen Staaten ab. Von den in Deutschland umherziehenden Inquisitoren ist Konrad von Marburg (13. Jh.) am bekanntesten, der aber nach nur zweijaehriger Wirksamkeit von dem erregten Volk erschlagen wurde. Das Vorgehen der Inquisition gegen bestimmte Gruppen von Sektierern war haeufig mit politischen Motiven vermischt: so im Kampf der Kirche gegen den Templerorden (Ritterorden) zusammen mit Koenig Philipp IV. von Frankreich. Auch wirtschaftliche und Standesinteressen haben bisweilen das Eingreifen der Inquisition ausgelocht oder beschleunigt... Die Verbindung von Inquisition und Politik wurde seit der Reformation notwendigerweise noch staerker. Die Inquisition spielt in der Bewegung der Gegenreformation eine bedeutende Rolle und hat sich in katholischen Staaten bis ins 19. Jahrhundert hinein gehalten... Untersuchungsverfahren und Vollstreckung der Inquisition richteten sich naturgemaess nach dem weltlichen Strafrecht, das im spaeten Mittelalter und in der Renaissance besonders grausam war... Die Inquisition ist eine Einrichtung der katholischen Kirche, die am meisten zur Kritik herausgefordert hat und die das beliebteste Beispiel ist, wenn die katholische Kirche des Mittelalters gebrandmarkt werden soll. Von katholischer Seite verweist man dagegen auf den schweren Existenzkampf gegen die Ketzer, auf die allgemeine Grausamkeit der damaligen Justiz und die psychopathischen Erscheinungen des Mittelalters. Doch gehen sowohl die Angriffe als auch z.T. die Verteidigung am Kern der Sache vorbei. Die Kritik macht es sich einfach, wenn sie sich unhistorisch auf den Boden des liberalen Staatsdenken stellt. Das Mittelalter dachte anders; es nahm vor allem die Einheit von Staat und Kirche als vorgegeben hin. Die Staatskirche verfolgte deshalb natuerlicherweise die kirchlichen Delikte genauso wie die weltlichen; stellte doch ein Angriff auf die Religion zugleich einen Angriff auf den Staat dar. Die Verfolgung des Religionsdeliktes war dem Mittelalter also eine Selbstverstaendlichkeit. Es ist weiter natuerlic dass die Inquisition sich der zeitgenoessischen Mittel der Strafverfolgung bediente, und es muss auch darauf hingewiesen werden, dass ihr genau ueberliefertes Verfahren z.T. mit grossem Ernst und juristischer Gewissenhaftigkeit durchgefuehrt wurde (so z.B. das gegen Hus). Nicht die Inquisition als solche, sondern die Auswuechse, zu denen diese Institution unter den verschiedensten politischen und soziologischen Einfluessen fuehrte, koennen von historischen Standpunkt aus kritisiert werden. Und selbst unter diesem Gesichtspunkt wird man nicht die Inquisition verdammen koennen, ohne das Mittelalter und die Renaissance ueberhaupt verurteilen zu muessen. Eine echte Beurteilung und vielleicht Verurteilung der Inquisition kann nicht auf historischer, sondern allein auf religionsphilosophischer Ebene erfolgen. Es geht um die Frage, ob die Kirche das Recht oder sogar die Pflicht hat, den irrenden Bruder um seiner Seligkeit und des Bestandes der heiligen Kirche willen notfalls mit Gewalt zu ueberzeugen. Kann der 'Retglaeubige' weiter so viel goettliche Erkenntnis und Erleuchtung beanspruchen, dass er die Autoritaet erhaelt, dem 'hartnaeckigen Ketzer' aus der kirchlichen und menschlichen Gemeinschaft auszustossen? Fordert die Liebe zu dem irrenden Mitchristen Tolerierung oder Zuechtigung? So gesehen ist die Frage der Inquisition eine dauernd aktuelle Frage." (Die Religion in Geschichte und Gegenwart Bd III, Tuebingen, 1959, Sp. 774,775.) In Deutschland verschwand die Inquisition unmittelbar nach der Reformation. Spanien hob sie erst 1834 auf, Italien 1859, Frankreich 1772. 1542 wurde die Inquisition reorganisiert und erhielt den Namen Sacra Congregatio Romana (Heiliges Offizium). Als oberste Instanz in Glaubenssachen besteht die Inquisition noch heute. Ueber die Reinheit des katholischen Glaubens wacht sie als Kardinalskongregation des heiligen Offiziums (Congregatio sancti Officii). Es laesst sich heute ohne Uebertreibung sagen, dass die Inquisition der groesste Schandfleck ist, der auf der roemischen Kirche lastet. Sie hat in hohem Masse dazu beigetragen, die Glaubwuerdigkeit des Christentums zu untergraben. Noch im 19. Jahrhundert finden sich in der katholischen Presse positive Aeusserungen ueber die Inquisition. Die Analecta Ecclesiastica, eine Zeitschrift, brachte 1895 den Abdruck eines Inquisitionsurteils vom 28.2.1484, dem sich ein ueberschwengliches Loblied auf die heilsame Einrichtung der Ketzerverbrennungen aus der Feder eines Kapuzinerpaters anschloss: "O ihr gesegneten Flammen der Scheiterhaufen, durch welche durch die Beseitigung ganz weniger und aeusserst verworfener Menschen Hunderte und aber Hunderte von Seelen aus dem Rachen des Irrtums und der ewigen Verdammnis herausgerissen wurden!" Der spanische Grossinquisitor Torquemada (1420 - 1498) und der Inquisitor de Epila, unter denen Hunderte von Christen hingerichtet wurden, geniessen heute hohe und hoechste Verehrung in der katholischen Kirche. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein gibt es Urteile von katholischer Seite, die die Massnahmen der Inquisition verteidigen, ja sie sogar fuer foerderungswuerdig halten. Zwar haben sich die Methoden roemischer Zwangsmassnahmen geaendert, aber auch unsere moderne Zeit bietet uns noch eine Fuelle von Repressalien, die gegenueber Andersglaeubigen eingesetzt werden. Erst in aller juengster Vergangenheit waren Versuche, den Protestanten z.B. in Spanien mehr Freiheit zu verschaffen, erfolgreich. Darueber hinaus lassen gewisse, waehrend des zweiten Vatikanischen Konzils sichtbar gewordene Tendenzen darauf hinweisen, dass die katholische Kirche bereit scheint, die Andersglaeubigen nicht mehr pauschal als "Ketzer" zu diffamieren, sondern sie als Gespraechspartner anzuerkennen, wenn man auch hinter diesen Bestrebungen keineswegs vermuten darf, dass die protestantischen Kirchen als gleichberechtigt angesehen wuerden. Wieviel Unbehagen an der Indizierungspraxis des Heiligen Offiziums selbst innerhalb der katholischen Kirche besteht, beweist ein Diskussionsbeitrag von Kardinal Frings auf dem Konzil, der die Methoden dieses hoechsten Gremiums der katholischen Kirche scharf angriff und unter Beifall der Konzilsvaeter missbilligte, dass das Heilige Offizium Menschen verurteile, ohne sie anzuhoeren oder ihnen die Moeglichkeit der Verteidigung zu geben! Wieweit hier in Wirklichkeit eine echte Wandlung erfolgt ist, wird die Zukunft lehren. Der Widerstand der kurialen Gremien ist zaeh und hinhaltend. Das beweist nichts deutlicher als der Fall Kueng im Jahre 1973. Quellen: Aus katholischer Sicht: Catholic Encyclopedia, Bd VIII, Art, Inquisition; E. Vacandard, The Inquisition: A Critical and Historical Study of the Coercive Power of the Church, New York, 1908; Der Grosse Herder, Bd. IV, Sp. 1360, 1361; Kirchenlexikon von Wetzer und Welte, Bd. VI, 1889. Aus anglikanischer Sicht: Hoffmann Nickerson, The Inquisition: A Political and Military Study of Its Establishment. Aus protestantischer Sicht: Philipp v. Limborch, History of the Inquisition; H. C. Lea, History of the Inquisition in the Middle Ages, 3 Bde.; History of the Inquisition in Spain, 4 Bde.; The Inquisition in the Spanish Dependencies; H. S. Tubervielle, Medieval Heresy an the Inquisition, London, 1920; Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd. III, Tuebingen, 1959, Sp. 769 - 772; L. v. Ranke, Die Geschichte der Paepste, Koeln, 1955; H. Kuebert, Zauberwahn; die Greuel der Inquisition und Hexenprozesse, 1913; P. Flade, Das roemische Inquisitionsverfahren in Deutschland bis zu den Hexenprozessen, 1902; E. Schaefer, Beitraege zur Geschichte des spanischen Protestantismus und der Inquisition im 16. Jahrhundert, 3 Bde, 1902; Walther von Loewenich, Der moderne Katholizismus, Witten 1955; Materialdienst des Konfessionskundlichen Instituts, 1964, Heft 1; Luis Padrosa, Ich waehlte die Wahrheit, Zuerich, 1954; Die Lage der Protestanten in katholischen Laendern, Zollikon/Zuerich, 1953. (Zurueck) |